Leib-haftige Identität

Bestehende Identitätskonzepte sind ausgefeilt, hängen aber in der Luft. Ihnen fehlt der Leib als Fundament. So kann Robert Gugutzers Grundthese zusammengefasst werden.[1]

Der Mensch weiß, dass er einen Körper hat und er kann sich zu sich positionieren. Er hat aber nicht nur einen Körper, sondern ist wie jedes Tier auch Leib.

Leib-haftige Identität Eheglück

Der Mensch ist somit im Spannungsfeld von „Leib sein“ und „Körper haben“ verortet.[2] Wer Gugutzer bis hierher folgt, dem eröffnet sich ein sehr weites Feld menschlichen Lebens.[3]

So fungiert der Leib als Vermittler zwischen Ich und Welt. Durch ihn bekomme ich einen Zugang zu den anderen Menschen, zu Landschaften oder auch Ideen. Ich kann ihn auch z.B. auf mein Auto ausdehnen und es so vorreflexiv nutzen.

Aber auch das „erotische Verstehen“ bekommt so einen Sinn. Und Begriffe wie das „Spüren“ in Abgrenzung zu den Gefühlen, die „leiblich-affektive-Betroffenheit“ und die „primitive Gegenwart“ ermöglichen weitreichende Einblicke.

Das Dösen und Dahindämmern, aber auch der Rausch, die Ekstase, das Lachen und das Weinen können quasi von innen heraus beschrieben werden. Und die „leibliche Kommunikation“ geht weit über das hinaus, was üblich unter nonverbal verstanden wird.[4]

Gugutzer hat mich überzeugt: Ohne den Leib kann man der menschlichen Identität nicht gerecht werden.

Dies wird schon im empirischen Teil des Buches deutlich. Hier werden die unterschiedlichen Körper-Leibbezüge bei Ballett-Tänzern und Ordensangehörigen gegenüber gestellt.[5]

Der Leib und die Forschung

Wenn man die leibhaftige Identität ernst nimmt, so ist sie aber nicht nur Forschungsgegenstand. Sie muss sich vielmehr auch in der Forschungsmethode niederschlagen.[6] Eine solche Forschung wäre ein großer Schritt, die cartesianische Spaltung aufzuheben.[7]

Daraus ergeben sich zahlreiche spannende Fragen:

  • Wo ist diese Forschung anzusiedeln? Ist sie eine erweiterte Soziologie oder eher eine verstehende Naturwissenschaft?[8] Wie sieht die Abgrenzung zu esoterischen Zugängen aus?
  • Wie kann leibliche Wahrnehmung in den Forschungsprozess integriert werden? Und wie wird sie kommuniziert? Welche Kompetenzen muss die forschende Person mitbringen?[9]
  • Wie sieht eine Forschung aus, die nicht den sozial konstruierten Sinn von Leib, sondern eben die leibliche Bedeutung erforscht?

Der hier besprochene Text ist schon einige Jahre alt. Ich bin gespannt, wie sich der Ansatz seit dem entwickelt hat.

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1 Ich beziehe mich auf das Buch: Robert Gugutzer: Leib, Körper und Identität : eine phänomenologisch-soziologische Untersuchung zur personalen Identität. Wiesbaden 2002. Gugutzer will nicht weniger als ein „zeitgemäßes Identitätsmodell“ erstellen. Die bestehenden Modelle werden als „sozial-kognitiv verengt“ kritisiert. (vgl. Teil 1)

2 Grundlage dieser Aussagen ist die These der ‚Exentrischen Positionalität‘ nach Helmut Plessner.

3 In einem Ritt „auf den Schultern von vier Riesen der Leib- und Körpertheorie“ (S.59) baut Gugutzer das Fundament für sein Modell. Er greift auf Helmuth Plessner, Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und Pierre Bourdieu zurück. Die Theorien werden jeweils dargestellt und gleichzeitig (manchmal zu) spielerisch verknüpft. Von der philosophischen Anthropologie geht es über die Phänomenologie bis hin zur Soziologie.

4 Hermann Schmitz argumentiert etwas anders als Gugutzer, kommt aber zum selben Ergebnis: Eine Person zeichnet sich demnach durch die „Fähigkeit zur Selbstzuschreibung“ aus. Das womit in der Selbstzuschreibung identifiziert wird, muss schon vor der Identifikation bekannt sein (29). Dies „ist also nur möglich, wenn ihr [der Selbstzuschreibung] ein identifizierungsfreies Selbstbewusstsein ohne Selbstzuschreibung zu Grunde liegt. Und das gibt es wirklich, nämlich in Gestalt des affektiven Betroffenseins.“ (30) Und diese unmittelbare Erfahrung wird dem Leib zugeordnet. Vgl.: Hermann Schmitz: Kurze Einführung in die Neue Phänomenologie. Freiburg 2009

5 Vgl. Gugutzer, drittes Kapitel

6 Gugutzer zitiert Merleau-Ponty: „Die Funktion des lebendigen Leibes kann ich nur verstehen, indem ich sie selbst vollziehe, und in dem Maße, in dem ich selbst dieser einer Welt zuwendender Leib bin.“ (Merleau-Ponty zit. n. Gugutzer 77)

7 Gugutzer hatte zu Beginn kritisiert „dass der Großteil der sozialwissenschaftlichen Identitätstheorien nach wie vor am Erbe des Cartesianismus partizipiert und an der Trennung zwischen Körper und Geist, Leib und Seele, Vernunft und Emotion festhält. Dies zeigt sich konkret daran, dass im Zentrum dieser Ansätze Denken (bzw. Reflexion) und Sprache (bzw. Narration) stehen. “ (57) Diesem Anspruch folgend muss gesagt werden, dass auch seine Empirie der Spaltung methodisch verhaftet bleibt.

8 Gugutzer sieht zwischen Natur und Kultur eine dialektische Verschränkung. Wobei: „Leib bezeichnet die Natur, die man selbst ist, Körper deren soziale Konstruktion“ (S. 277) Für mich liegt daher eine Perspektive nahe, die sich mit der kulturellen Möglichkeit des Verstehens dem Gegenstand (Natur-Leib) nähert.

9 Wilhelm Reich bietet eine hermeneutische Perspektive, in der der somatische Zugang eine zentrale Funktion einnimmt und die Person des Forschers das wesentliche Werkzeug der Forschung ist. Die strukturell bedingte „Wahrnehmungsfähigkeit“ der Person auf der Basis der Ein- und Ausdrucksbewegungen gibt wichtige Hinweise auf die notwendigen Kompetenzen bei einer leiborientierten Forschung.

Eine Zusammenfassung von Reichs Wissenschaftsverständnis findet sich hier: Ingo Diedrich: Naturnah forschen. Wilhelm reichs Methode des lebendigen Erkennens. Berlin 2000

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Ein Gedanke zu „Leib-haftige Identität

  1. Marius Seiber

    Natürlich sind die Leiber, die wir sind, Grundlage für unsere personalen Identitäten. Leib ist ja quasi die gespürte Basis für unseren Körper.

    Jedoch:
    Mein Körper ist es, den andere Menschen wahrnehmen, und mit dem sie mich identifizieren.
    Gesellschaftliche Diskurse wirken zuerst auf den Körper ein – so zumindest nach allen Sozialisationstheorien, die ich kenne. Und durch die Internalisierung/ Habitualisierung/ Wasauchimmer wird das Ganze dann verleiblicht, leibhaftig.

    Darum die Frage: Natürlich ist das Wissen um den Leib wichtig. Aber welchen heuristischen Wert soll die Leibkonzeption für das Ausdifferenzieren von Identitätstheorien haben?
    Mir fällt keiner ein.

    LG! 🙂

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