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Abschied von der Natur

Wir haben viel Ordnung in die Natur gebracht.

Es wird Zeit, uns von ihr zu verabschieden.

Natur Abschied Schmetterling

Ordnung ins Chaos bringen ist eine schwere Aufgabe. Wir haben es schon sehr weit gebracht: es gibt kaum noch Flüsse, die fließen wie sie wollen und kaum Würmer, Käfer und Löwenzahn, die sich unbehelligt von Teerdecken, Häusern oder Spritzmitteln austoben können. Und jetzt gehen wir unser größtes Projekt an: das Klima.

Das Chaos besiegen

Die Naturwissenschaft macht die Natur zum Objekt, das man berechnen und regulieren kann. Sie definiert mit der Politik Ziele, Stellschrauben und Vorgehensweisen, um endlich auch das Klima zu beherrschen. Nur so scheinen wir noch eine Chance gegenüber dem Chaos und Untergang zu haben.

Begleitet wird dies durch die Regulierung unserer inneren Natur. Wir sollen endlich unsere Bedürfnisse nach kraftstrotzenden Autos, Sehnsüchten nach fernen Urlaubszielen, fleischlicher Lust beim Essen und regressiven Anwandlungen im täglichen Bad in den Griff kriegen.
Diese ewige Selbstgängelung nervt, aber soll angeblich helfen.

Asteroid Natur

Die unbeherrschte Natur macht Angst. Darum gilt: Wo Natur ist, soll Kultur sein. Dieses Leitbild der Aufklärung soll auch vorm Klima nicht halt machen. Wir entreißen der Natur das Klima mit unseren KI gestützten Modellen und ausgeklügelten Techniken.
Unsere Projekte werden immer größer. Als nächstes werden wir versuchen, das Universum in den Griff zu kriegen, damit uns der Himmel nicht auf den Kopf fällt.

Die Natur schlägt zurück

Klimawandel Natur

Bauman hat diese Dynamik als „Ordnen“ beschrieben und den Garten als Bild genommen.[i] Der Garten ist immer ein Kampf gegen die Unordnung. Gestaltung richtet sich gegen das ständig drohende Chaos der übergriffigen Natur.

Horkheimer spricht von einer Revolte der Natur[ii] gegen diese Beherrschung. Und die Flut- und Hitzekatastrophen vermitteln deutlich: Die Natur wehrt sich und macht uns das Leben schwer! Der Kampf geht also immer weiter.

Sehnsuchtsvoller Feind

Solange sie uns in ihrem Chaos gegenübertritt, wirkt die Natur wie eine bedrohliche Macht. Wenn wir sie erst einmal im Griff haben, wollen wir sie schützen und ihr aus der Ferne nah sein. Romane wie „Der Schwarm“ spielen genau mit dieser Ambivalenz: Ist die Natur Opfer oder Täter oder handelt sie in Notwehr?

Im Mittelalter bekämpften wir in und außerhalb von uns die Dämonen, Teufel und Hexen, jetzt die ungeregelte Natur: der irrationale und nicht zu gewinnende Kampf ist geblieben. Wir können sie nicht beherrschen und auch nicht mit ihr romantisch verschmelzen[iii]. Sie wird uns immer fremder.

„Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben.“[iv]

Abschied von der Natur nehmen

Abschied von der Natur

Die Natur hat gute Dienste geleistet. Wir konnten unsere Herrschaft über sie immer weiter ausdehnen, konnten „Naturvölker“ kultivieren, Tiere und Pflanzen ausbeuten und uns selbst unter Druck setzen. In diesem Umgang mit der Natur haben wir ein immenses Selbstbewusstsein als zivilisierte Menschen entwickelt.

Aber diese alten Lösungen funktionieren nicht mehr und sind selbst zum Problem geworden.

Es wird Zeit, Abschied zu nehmen von der Natur.

Nach dem Abschied relativiert sich auch unser Menschenbild als der Gegenentwurf zur Natur. Kultur und Zivilisation als Kampfbegriffe gegen die Natur verlieren an Bedeutung.
Dieser Weg geht raus aus der Spaltung Natur – Mensch.

Neue Wege gehen

Stattdessen rückt das Leben als Identitätsmerkmal in den Vordergrund. Menschsein betont die Trennung zur Welt – Leben die Verbindung. Wir sind Lebewesen wie alle anderen Organismen auch.

In dem Perspektivwechsel liegt die riesige Chance, neue Schritte als selbstbewusste Wesen in der Welt zu gehen.

Hingabe an das Leben

Aber ändert diese neue Position in der Welt auch unsere Angst vor ihr? Wenn die Beherrschung der Natur ihren Sinn verliert, wie gehen wir dann mit dem Ungeregelten um? Erklären wir sie wieder zu Schicksalsschlägen höherer Mächte? Suchen wir neue Formen, sie in den Griff zu kriegen?
Oder können wir dem Ungeordneten, dem Unwillkürlichen, dem Chaotischen vertrauen[v]?

Uns dem Leben hingeben, ohne angstvoll an uns zu halten?

Dies sind für mich die entscheidenden noch offenen Fragen.


Quellen:

[i] Bauman, Z., Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit Frankfurt/M 1996 S.46ff. „Alles, was die Ordnung, die Harmonie, den Entwurf verdirbt, und sich auf diese Weise gegen Zweck und Bedeutung sträubt, ist Natur. Und sobald es erst einmal Natur ist, muss es auch als solche behandelt werden. Und es ist Natur, weil es so behandelt wird. Das Argument ist zirkulär und deshalb unangreifbar.“ S.56/57

[ii] Er bezieht dies auch auf den Umgang mit der inneren Natur, die „brutal und gehässig“ behandelt wird. Wenn ihr dann ihr „freier Lauf“ gelassen würde, seien ihre Handlungen „verzerrt und schrecklich“. „Das erklärt die unheilvolle Ohnmacht demokratischer Argumente, wann immer sie mit totalitären Methoden konkurrieren mussten.“ Dieser Zusammenhang zwischen Unterdrückung der inneren Natur und der Wucht ihres Ausdrucks ist ein interessanter Aspekt bei der Wirkung des aktuellen Populismus. (Horkheimer, M.: Zur Kritik der instrumentellen Vernunft, Frankfurt/M 1985 S. 117)

[iii] Der Philosoph Morton kritisiert sehr grundsätzlich insbesondere die Vorstellungen der Romantik zur Natur und löst sich von diesem Begriff „Es geht darum, gegen den Strom der vorherrschenden normativen Naturvorstellungen zu schwimmen, und zwar im Namen fühlender Wesen, die unter katastrophalen Umweltbedingungen leiden.“ Morton, T: Ökologie ohne Natur, Berlin 2016 S. 23.

[iv] Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.) Frankfurt am Main 2016 S.15. Dies ist ein wichtiger Grundlagentext zum Thema Aufklärung, Natur, Herrschaft und Entfremdung.

[v] Ich möchte hier nur zwei Konzepte nennen:
Resonanz. Dies ist ein Beziehungsbegriff zur Welt, der eben nicht auf Herrschaft aufbaut (Hartmut Rosa).
Orgonomischer Funktionalismus. Der Naturwissenschaftler Wilhelm Reich arbeitet aus einer Perspektive, die auf „Kontakt“ und „Empfindung“ aufbaut und doch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht werden soll.

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