Lebenskraft – Philosophen erfinden das Leben

Leben – Dritte Vorlesung

In der dritten Vorlesung zum Thema „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs“ geht es Petra Gehring um das „‚Leben‘ im Singular in der Philosophie: Von Kant zu Hegel“. Wie bei der Biologie grenzt sie philosophische Konzepte voneinander ab.

Zum besseren Verständnis wird dem ein Abschnitt zur „Lebenskraft“ vorangestellt. Daraus ergeben sich drei Bereich, die hier zusammengefasst und kommentiert werden:

  • Lebenskraft (v. Haller, Blumenbach)
  • Aufklärung (Kant)
  • Deutscher Idealismus (Schelling, Hegel)

Lebenskraft - Philosophen erfinden das Leben

Lebenskraft

Im 18. Jh. gibt es große Entwicklungen in den anthropologischen Konzepten. Es entwickelt sich ein materialistischer Anspruch, der sich insbesondere von der Theologie abgrenzt. In Anlehnung an die Physik wird das Organische nicht als beseelte Natur aufgefasst, sondern auf die Mechanik zurückgeführt. Der Mensch wird als eine komplizierte Maschine beschrieben.

Lebenskraft MuskelexperimentWiederum in Abgrenzung zu dieser Perspektive werden insbesondere von Ärzten Begriffe wie „Lebenskraft“ und „Bildungstrieb“ angeführt. Albrecht von Haller (1708-1777) sieht in der Reizbarkeit und Kontraktion der Muskeln eine nicht mechanische Lebenskraft.

Johann Friedrich Blumenbach (1752 – 1840) grenzt sich mit dem Begriff „Bildungstrieb“ (1781) noch stärker von der mechanischen Kraft ab. Aufgrund dieses Triebes bildet sich etwas heraus und wächst. Er rechnet den Trieb zu „den Lebenskräften“, aber auch der Begriff „Lebenstrieb“ kommt zur Anwendung.

Diese Ansichten konnten sich aber nicht als ein einheitliches Konzept durchsetzen. Spätestens seit Mitte des 19. Jh. galten sie laut Gehring als „unbiologisch“ und überholt. Sie standen im Verdacht mystisch zu sein.

Lebenskraft – Anmerkung

Dieser Blick auf diese spannende Zeit kann nur ein verengter Ausschnitt sein. Alles wird nur angetippt.

Mir scheint v.a. das Spannungsfeld zwischen der theologischen und physikalischen Perspektive wichtig zu sein. Den Geschöpfen Gottes wurde die Seele genommen. Übrig blieb die unbefriedigende Vorstellung einer komplexen Maschine. Das Aufkommen der Lebenskraft als eine Art materialistische Seele ist somit verständlich. Aber ist das nicht nur ein hilfloser Versuch sich aus beiden Bereichen etwas zusammenzubasteln?

Lebenskraft Philosophie Leben

Podcast Lebenskraft – Philosophen erfinden das Leben

Diese Spannung brachte interessante Persönlichkeiten hervor. Ich möchte hier nur Julien Offray de La Mettrie (1709-1751) nennen. Eine ausführliche Besprechung findet sich im LSR-Projekt von Bernd A. Laska.[1]

Etwas Schwierigkeiten habe ich bei diesem Abschnitt mit der These, dass „das Leben“ eine Erfindung des 19.Jh. sei (vgl. Entstehung der Biologie). Wie passen dazu diese intensiven Auseinandersetzungen mit dem Lebensbegriff?

Aufklärung

Als zentralen Philosophen des 18. Jh. führt Gehring Immanuel Kant (1724-1804) an. Das Leben als stofflich begreifbare Einheit taucht hier nicht auf, aber 1790 greift er das Thema in der „Kritik der Urteilskraft“ unter dem Titel „Erkennbarkeit von Ordnungen der nicht mechanischen Natur“ auf. Er hat die theologische Perspektive, die mechanistischen Vorstellungen (insbesondere Descartes) und die Idee der Lebenskraft vor Augen. Auch im nicht mechanischen Bereich geht er von Regelmäßigkeiten aus. Allerdings geht er ähnlich wie im Bereich der Sittlichkeit davon aus, dass diese Regelmäßigkeiten nicht kausaler Art sind.

Lebenskraft Immanuel KantDer Modus des Urteilens, also des Zugangs zu diesem Bereich, bezieht sich auf den Zweck bzw. die „Zweckmäßigkeit“. Im Gegensatz zur Wirkung kann der Zweck nicht objektiv erkannt, sondern nur erschlossen werden. Dies ist eine etwas „losere, weichere“ Form der Objektivität.

Bei Pflanzenwachstum geht es um bestimmte Zwecke. Die Pflanze wächst, indem sie sich zur Sonne aufrichtet, indem sie ihre Wurzel so tief wachsen lässt, bis sie an Wasser kommen. Das Wasser ist nicht die Ursache dafür, dass die Pflanze die Wurzeln so weit wachsen lässt. Das Wachstum hat den Zweck, dass die Pflanze zum Wasser zu führen. Die Zwecke sind der Natur inhärent (Aristoteles) und nicht von Gott vorgegeben.

Dieser Bereich der Zweckmäßigkeitsordnung ist weder als physikalische Dinge noch über ein magisches Vollziehen zu erfassen. „Das was da geleistet wird ist die Organisation in Hinblick auf Zwecke.“

Wie Blumenbach spricht Kant von der Organisation mehrerer Kräfte. Er geht noch nicht von dem Leben als Einheit aus. Für so ein Prinzip, das ja als Singular gedacht wird, ist in dem von Kant gedachten Universum von Kräften kein Platz.

Deutscher Idealismus

Ganz anders bei Friedrich Schelling (1775 – 1854) und Friedrich Hegel (1770 – 1831) nach 1800. Hier findet sich ein Lebensbegriff, der das materialistische aufgreift und für die Philosophie fruchtbar macht. Der Begriff wird in das Geistige, das Geschichtliche und das Denken eingeführt.

Schelling und Hegel treten explizit gegen Kants Vorstellungen von den separaten Kritiken bzw. Urteilsformen auf. Für Schelling ist die Natur „durch und durch dynamisch“ und in diesem Sinne organisch, also nicht per se tot. Dies gilt auch für das vermeintlich Stabile wie z.B. Steine.

Dialektik

Die Natur ist absolute Identität also mit sich selbst identisch und gleichzeitig polarer Gegensatz. In den gegensätzlichen Richtungen, dem nach außen gehen und von außen zurückdrängen liegt „das Prinzip für die Konstruktion aller Lebenserscheinung“ (Schelling)

Alles ist im Prozess, wechselhaft und dynamisch. Magnetismus, Elektrizität und chemischer Prozess sind die Kategorien der Konstruktion der Natur.

Lebenskraft Dialektik HegelHegel stellt die Entwicklung wendet sich vom statischen „Urteilen“ hin zu einem verstehenden Begreifen, ein Prozess der nie aufhört.

Die Wirklichkeit ist stoffliche Welt, begriffliche Dynamik und historischer Zusammenhang.

„Das Prinzip der Dialektik, das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens, wie Hegel das nennt, herrscht im Bereich des Denkens […] und nur weil die Dialektik dem Leben gerecht wird und weil sie selbst lebendig ist, ist die dialektische Denkbewegung wahr.“

Das Leben ist an der Schwelle um 1800 eine „Mehrfacherfindung“. Auf der einen Seite steht die Entwicklung in der Naturkunde. Auf der anderen Seite geht die philosophische Erkenntnistheorie „den Weg von einer universalen Kritik der Vernunft hin zu einer tendenziell totalen Philosophie der lebendigen Denkbewegung.“

Anmerkung

Der Teil über den Deutschen Idealismus war eher unbefriedigend. Es wurden zahlreiche sehr spannende Aspekte angesprochen, ohne dass sie angemessen ausgeführt wurden. Ich gehe davon aus, dass das noch kommt. Gehring sagt, dass man aufgrund dieser Vorlesung Hegels Philosophie nicht verstehen könne, aber vielleicht könne man ahnen „wie sie tickt“.

—–
[1] Bernd A. Laska: Das LSR-Projekt zu La Mettrie, Max Stirner und Wilehelm Reich

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3 Gedanken zu „Lebenskraft – Philosophen erfinden das Leben

  1. Pierre

    Nicht so viel. Ich kam über einen google-Alert auf die Seite und erwartete etwas über den Zusammenhang Lamettrie/Reich, wie ihn Laska konstruiert hat. — Und dann: wenn ich Kant und Hegel lese, wird’s mir immer etwas unwohl 😉 Aber das geht ja auf das Konto Petra Gehring, ein bisschen natürlich auch auf deins, weil du’s ins Netz gestellt hast. Nix für ungut!

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