Krebs – eine Heldenreise

Krebs ist eine Angst einflößende Krankheit und ein bedrückendes Thema. Und doch gelingt es dem Arzt Mukherjee zahlreiche Leser über 600 Seiten an dies Thema zu binden.

Krebs-Heldenreise-Mukherjee

Schon zu Beginn seiner Recherche sah er in der Krankheit eine ihm gegenüber stehende Person. Darum sollte das Buch auch eine Biografie des Krebses werden, der er den Titel „Der König aller Krankheiten“[i] gab.

Zwei Einschränkungen:

  • Die Krankheit, die er vorstellt, ist zwar mächtig und allgegenwärtig, aber sie hat nichts majestätisches, sondern etwas dämonisches. Krebs scheint nicht greifbar, verbreitet sich unter der Haut, tötet hinterrücks, passt sich immer wieder an und zeigt selten sein Gesicht. Sie ist nicht König, sondern Dämon.
  • Trotz der sehr inhaltsreichen Darstellung erfährt man im Buch erstaunlich wenig über diesen Krebs. Dies verweist wieder auf den dämonischen Charakter und gleichzeitig auf das eigentliche Thema: Die Heldenreise gegen diesen Dämon. Das Buch ist keine Biografie der Krankheit, sondern eine Darstellung des Kampfes gegen dieselbe.

Ohne dies zu begründen, wird dabei ausschließlich die schulmedizinische Perspektive präsentiert. Hier kann der Autor auf eigene Erfahrungen, aber vor allem auf ein sehr breites Wissen zurückgreifen, das spannend entfaltet wird. Zwei Aspekte bestimmen diese Perspektive durch das ganze Buch: Krebs wird mit Tumor gleichgesetzt und es werden Wege gesucht, diesen zu vernichten.

Krieg gegen Krebs

Der Dämon entzieht sich in einem „Katz-und-Maus-Spiel“ immer wieder den Medizinern, die trotzdem immer wieder angreifen. Das Buch ist gespickt mit Kriegs-, Kampf- und Eroberungsbildern.

Entsprechend dieser Kriegslogik müssen sich die Helden immer neue Taktiken überlegen, neue Ressourcen aktivieren, neue Perspektiven einnehmen, harte Grenzen zwischen Freund und Feind ziehen und sich trotz aller Widerstände immer wieder zu einem weiteren Angriff aufraffen.

Heldenreise-Krebs-MukherjeeDiese Heldenreise gegen den Dämon Krebs[ii] wird in allen Facetten dargestellt und macht das Buch spannend. Ob es Chirurgen, Strahlentherapeuten, Virologen, Mikrobiologen oder Genetiker sind: alle haben ihre Helden, die immer wieder gegen den Krebs anrennen. Über viele Jahrzehnte wird so aus einem Notstand heraus argumentiert. Es ist das Leid der Patienten, aber auch die Kränkung daraus, auf den Mond zu fliegen, aber dieser Krankheit so wenig entgegen zu setzen.

Dieser Druck führte in den letzten 150 Jahren zu zahlreichen Innovationen in der Krebstherapie. Sie führt aber auch zu Operationstechniken, die als „heroisch“ galten, weil sie ohne „missverstandener Freundlichkeit“ (100) „radikal“ so viel wie möglich wegschnitten. Auch wenn die Wirksamkeit nicht belegt war, war die Vorgehensweise Jahrzehnte vorherrschend. Ähnliches galt für die Strahlen- und die Chemotherapie.

Die Kriegslogik bestimmt aber nicht nur die Beziehung zum Krebs, sondern auch zu allen anderen Beteiligten. Jegliches Handeln außerhalb von ihr, muss abgewehrt werden. Der Arzt Wilhelm Reich z.B. folgte in den 40er Jahren einer anderen Logik. Für ihn war Krebs eine Biopathie, eine „Schrumpfung des Lebensapparats“, die mit einer „seelischen Resignation“ einhergeht.[iii] Der Tumor ist demzufolge ein Symptom dieser Krankheit – nicht die Krankheit. Er therapierte mit einem Körper-, Psyche- und energetisch orientierten Konzept. Entsprechend der Kriegslogik wurde Reich verboten, mit dieser Perspektive weiterzuarbeiten.

Kriegspartner

Aber noch etwas ist Ausdruck dieses Stellungskrieges: Die Kriegsparteien werden sich erschreckend ähnlich. Sie sind „schicksalhaft verbunden“ und müssen „das Katz-und-Maus-Spiel in der absehbaren Zukunft“ weiterspielen. Krebs erscheint als „der rauflustige, fruchtbare, invasive, anpassungsfähige Zwilling“ (568).

Dämon und Held haben sich im ewigen Kampf angeglichen: „Dies ist keine Metapher: Krebszellen sind bis in ihr innerstes molekulares Zentrum hyperaktive, fürs Überleben bestens gerüstete, angriffslustige, fruchtbare, einfallsreiche Kopien unser selbst.“ (483)

Nachdem Mukherjee die Heldenreise gegen den Dämon ausführlich beschrieben und die Chancen der Genetik noch einmal beschworen hat, schreibt er gegen Ende des Buches: „Es ist sehr gut möglich, dass der Krebs auch unsere Normalität ist, dass es uns von Natur aus bestimmt ist, auf ein malignes Ende zuzuschlurfen. Nachdem sich der Anteil derer, die von Krebs betroffen sind, in manchen Nationen unaufhaltsam von jedem Vierten über den Dritten zu jedem Zweiten fortbewegt, ist Krebs tatsächlich auf dem Weg, unsere neue Normalität zu werden – das ist unausweichlich.“ (566) Resignation ist die Schattenseite der Heldenreise.

Kampf ohne Sieg

Die Mediziner haben sich unendlich viel Wissen im Kampf gegen den Tumor erarbeitet. Ohne diese Heldenreise wäre diese Krankheit Krebs nicht denkbar.
Und doch kommt der oft versprochene „Sieg“ nicht näher. Der Dämon scheint immer genau so viel preiszugeben, um den Helden im Kampf zu halten, ihn an sich zu binden.
Der Kampf ist längst Teil des Problems geworden, das er zu bekämpfen vorgibt.

Wie ein Don Quichotte taumelt der Held zwischen Größenfantasien und Erschöpfung im Kampf gegen seine Riesen. Mukherjee deutet als Sancho Panza an mehreren Stellen einen dringenden Perspektivwechsel an, kann aber wohl seinen Herren nicht erreichen.

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[i] Siddhartha Mukherjee: Der König aller Krankheiten. Der Krebs – eine Biografie. Köln 2015. (Die nicht anders gekennzeichneten Zitate stammen aus diesem Buch.) Das Buch erhielt 2011 den Pullitzer Preis für Sachbücher, wurde vom Time Magazin zu einem der besten 100 Sachbücher seit 100 Jahren erklärt und als „Wissensbuch des Jahres“ 2012 ausgezeichnet (vgl.: Siddhartha Mukherjee).

[ii] Zum Bild der Heldenreise vgl.: Paul Rebillot, Melissa Kay: Die Heldenreise Das Abenteuer der kreativen Selbsterfahrung. Wasserburg am Inn 2011

[iii] Wilhelm Reich: Die Entdeckung des Orgons. Der Krebs. Köln 1994, S. 209 (dies Beispiel steht nicht bei Mukherjee)

4 Gedanken zu „Krebs – eine Heldenreise

  1. annette gramß

    interessant……
    das grundsätzliche Dilemma, der rein schulmedizinischen Perspektive…..
    aber wo ist die Auflösung bei Reich ?
    “ Krebs eine Biopathie, eine „Schrumpfung des Lebensapparats“, die mit einer „seelischen Resignation“ einhergeht.[iii] Der Tumor ist demzufolge ein Symptom dieser Krankheit – nicht die Krankheit.“…………..o.k. so weit so gut aber gilt es nicht aus dem Dilemma Krankheit/Gesundheit heraus zu finden….???

    “ Er therapierte mit einem Körper-, Psyche- und energetisch orientierten Konzept““ ???
    das bitte genauer…..mich interessiert der Aspekt, in dem es um die Auflösung „Krank/Gesund“ geht…..
    lg annette

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  2. Ingo Diedrich Artikelautor

    Liebe Annette
    Reich habe ich hier nur angeführt, um zu sagen, dass eine Medizin, die sich im Kriegszustand sieht, keine anderen Perspektiven dulden kann. Seine Methode wurde eben nicht überprüft, sondern verboten. Das ist unwissenschaftlich aber aus deren Logik verständlich.

    Eine genaue Beschreibung seiner Krebstheorie und -therapie kann ich hier nicht leisten. Hast du konkrete Fragen an sie?

    Dein eigentliches Thema scheint das „Dilemma Krankheit/Gesundheit“ zu sein. Was meinst du mit dem Dilemma? Für mich ist es eine Unterscheidung, eine Gegensatzanordnung. Was macht sie für dich zum Dilemma?

    Dass man sich in so einer Beziehung angleicht bzw. identisch ist, ist doch v.a. ein Problem, wenn es eine problematische Beziehung ist. Und Krieg ist eine problematische Beziehung, insbesondere wenn er ein Heilungsweg sein soll.

    Meine Erfahrung ist, dass Dämonen, die man bekriegt, in diesem Kampf wachsen. Sie nicht mehr als Dämonen zu bekriegen, wäre demzfolge ein Schritt, sie nicht mehr größer zu machen ….
    Das ist keine ‚Lösung‘, aber eine Richtung. So sehe ich das zumindest.

    Ingo

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  3. annette gramß

    Das Dilemma: die Krankheit sind die „Bösen“, die Gesundheit sind die „Guten“….also eine problematische Beziehung, denn die „Guten“ sollen gewinnen…. problematisch ist ja nur, dies „Gewinnen wollensollen“…..

    „…… Exakt und im wissenschaftlich nachprüfbaren Detail beschreibt Reich in Der Krebs die Entdeckung dieser biologisch-kosmischen Energie (Orgon), die er als Mittel im Kampf gegen den Krebs einsetzte……….. .“(Buchbeschreibung)
    ????

    also ist Orgon Gott wissenschaftlich verpackt…..?

    lg Annette

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  4. Ingo Diedrich Artikelautor

    „also ist Orgon Gott wissenschaftlich verpackt…..?“
    Das wäre nach Reich eigentlich zu kompliziert gedacht.

    Orgon ist vielmehr etwas, was man einfach (auch in sich) wahrnehmen kann. Viele Menschen sträuben sich dagegen und interpretieren die Wahrnehmungen mystisch bzw. übertragen sie auf eine äußere Instanz. Die Natur ist dann nicht einfach eine Variation von Orgon, sondern wird konsequenterweise als Schöpfung dieser Instanz (Gott) angesehen. (vgl. W. Reich: Christusmord S.97; W. Reich: Äther, Gott und Teufel S.42; I. Diedrich: Naturnah forschen S. 62)

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