Buchbesprechungen

Und sie erkannten sich Dieter Duhm Sabine Lichtenfels

Sex ist mehr. Sex ist viel mehr als das was in den Betten stattfindet.

„Auch hinter der grellsten Sexdarstellung unserer Zeit steckt die Not einer unerfüllten Sehnsucht!“ (65)

Diese Sehnsucht wird in dem Buch „Und sie erkannten sich“[1] aus den verschiedensten Perspektiven abgetastet. Sie führt zum Beginn der Menschheit als Erkenntnis, Sexualität und Vertreibung[2] zusammen gedacht wurde. Sie zeigt, dass Eros die tiefe Quelle ist, aus der immer wieder Schöpfung geschieht. Er ist aber auch der Grund für riesige Greueltaten und verweist auf den Kampf der Geschlechter und das Patriarchat.

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Die unbefriedigte Sehnsucht drückt sich in unserer Aufspaltung zwischen dem Heiligen und dem Animalischen aus. Die Autoren folgern:

„Erst wenn das Animalische als göttliche Kraft wieder voll anerkannt ist, kann und wird die Befreiung und Befriedung der Seele stattfinden, und ihre Sehnsucht findet Erfüllung.“ (184)

Denn „die sexuelle Welt und die göttliche Welt wollen sich in mir als Einheit zeigen.“ (147)

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Sex ist die Grundlage von dem, was wir Liebe nennen.
Und die Befriedung unserer Sexualität würde sich in der Befriedung der Welt zeigen. Die sinnliche Liebe wird so ganz politisch zum Dreh- und Angelpunkt von Friedensarbeit.[3]

Beziehungen

Auf diesem Hintergrund ist es geradezu naiv, Sexualität nur als ein Beziehungsthema abzuhandeln.

„Glauben wir wirklich, dass wir die Weltmacht Eros in einer privaten Liebesbeziehung einfangen können?“ (68)

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Die Erotik weist ständig über die engen Grenzen hinaus.

„Du kannst nur treu sein, wenn du auch andere lieben darfst.“ (96)

„Die Sicherheit, einen Partner zu behalten, ergibt sich aus der inneren Fähigkeit, ihn in jedem Moment freizugeben.“ (102)

„Es gibt die Sehnsucht nach einem erotischen Abenteuer und die Sehnsucht nach der personalen Liebe, nach gelebter Partnerschaft: Kaum jemand wagt es, beiden Sehnsüchten zu folgen.“ (168)

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Jedes Aufweichen der „seelischen Selbstfesselung“ (69) aktiviert sofort tief sitzende Verlustängste und Eifersucht. Dieses Drama bzw. die folgende Resignation bestimmt unzählige Beziehungen.

„Treue und Freiheit gehören zusammen“ (168)

Auch wenn diese Argumente einleuchten, bringen wir doch unsere enge Struktur mit. Als Paare sind wir überfordert und können nur unsere Probleme aufeinander beziehen.

„Diese Konflikte sind zu zweit nicht zu lösen. Es sind ja keine privaten Fehler, sondern sie sind Teil einer ganzen Kultur und Menschheitsgeschichte, der wir angehören.“ (136)

Heilung kann so nicht stattfinden und der Friede hat keine Chance.

Gemeinschaft

Paare benötigen eine „solidarische Gruppe“ (68ff), in der sie tatsächlich Schritte gehen können.

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„Die Treue zwischen Liebespartnern […] möge dadurch wachsen, dass sie eingebettet ist in der Treue einer Gemeinschaft. […] Es ist die Basis aller Menschen, die für ihren inneren Zusammenhalt nicht mehr die alte Abgrenzung gegenüber anderen brauchen.“ (102)

Hier erhalten sie Unterstützung und gleichzeitig kann diese Gemeinschaft ein politisches Mittel sein, die neuen Wege der Liebe und Sexualität nach außen zu tragen.

„Wir haben die große Entdeckung gemacht, dass das Heimlichste und Intimste nicht privat ist.“ (164)

Der große Anspruch über die sinnliche Liebe, Frieden in der Welt zu schaffen, gelingt nur wenn zwischen dem Paar und der Welt eine stützende Gemeinschaft ist.

Und sie erkannten sich

Dies ist ein Strang wie das Buch „Und sie erkannten sich. Das Ende der sexuellen Gewalt“ von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels gelesen werden kann.

Sie haben das Buch als Paar in zwei getrennten Kapiteln geschrieben. Es ist kein wissenschaftliches und auch kein therapeutisches Buch.
Es ist eher ein Manifest der sinnlichen Liebe.

Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven blicken sie in kurzen Abschnitten immer wieder auf das, was uns beim Thema Sexualität wichtig ist, weh tut und auch Hoffnung macht.

Die Aussage scheint mir übertrieben: „Es ist vielleicht das Tiefste, was heute zu den Themen von Liebe, Sexualität und Partnerschaft gesagt werden kann.“[4] Aber es gibt viele Stellen, die mich tatsächlich berührt haben. An einigen Stellen ärgern mich ihre Pauschalisierungen und manchen esoterischen Hinweisen will ich nicht folgen.

Mir ist das Buch trotz dem wertvoll:
Hier schreiben zwei Menschen, die sich über vier Jahrzehnte als Forschungsprojekt der Liebe verstehen und angemessene Wege suche, dies nach außen zu kommunizieren. Sie zeigen sich sehr persönlich, ohne Voyeurismus Nahrung zu geben. Sie haben theoretisches Wissen, aber vor allem geben ihre Erfahrungen den Aussagen Gewicht. Dies gilt nicht nur für ihr Liebesleben, sondern auch für das Leben in ihrer Gemeinschaft Tamera.

Mich faszinieren die Radikalität ihrer Thesen und die Realitätsnähe der Umsetzung.

Inhaltlich haben sie mich überzeugt: Ja, die Sexualität kann ein wesentlicher Angelpunkt von Friedensarbeit zwischen den Menschen und zur Natur sein.
Dies ist kein leichter Weg, aber im Gegensatz zu den meisten anderen ist es kein Aufruf zur Askese, zum du darfst nicht fliegen, Fleisch essen, Auto fahren usw.
Es ist ein Aufruf zur besseren Liebe und Sexualität.


Quellen

  1. Dieter Duhm, Sabine Lichtenfels: Und sie erkannten sich. Das Ende der sexuellen Gewalt. Bad Belzig (Verlag Meiga). 2019

  2. „Sie ‚erkannten‘ sich in der Lust ihrer Leiber“ (58) vgl. Gen 3,1-24

  3. Schon in „Der Mensch ist anders“ (1976) argumentierte Duhm ähnlich. Der ‚durchscheinende Busen‘ wurde als politisch bedeutend diskutiert. Mein Versuch, dies in einem Kolloquium an der Uni nachzuvollziehen, stieß leider auf wenig Gegenliebe.

  4. Und sie erkannten sich, Klappentext

Wilhelm Reich war einer der spannendsten Menschen des 20 Jahrhunderts. Dies gilt für seine Forschungen, aber auch für sein Leben. Seine Biografie ist voller Brüche, Neuanfänge und einer fortlaufenden Suche nach einen eigenen Standpunkt.

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Er begann nach dem 1. Weltkrieg als Psychoanalytiker, musste mehrfach umsiedeln und starb in den USA im Gefängnis. Über Reich gibt es zahlreiche Biografien.[1]

Lore Reich Rubin – aufgewachsen in einer chaotischen Welt

Lore Reich Rubin eine chaotische Welt

Aber wie erlebt dies ein Kind, dass in dieses Leben hineingeboren wird? Lore Reich Rubin wurde als jüngste Tochter von Anni und Wilhelm Reich 1928 in Wien geboren. Sie zog in den ersten zehn Jahren mehrfach zwischen Wien, Berlin und Prag um und lebte längere Zeit nicht bei ihren Eltern. Der Kontakt zu Wilhelm Reich war oft unterbrochen und 1938 zog sie mit ihrer Mutter in die USA.

Über 90jährig veröffentlich sie nun ein autobiografisches Buch ihrer ersten 30 Jahre: Erinnerungen an eine chaotische Welt. Mein Leben als Tochter von Anni Reich und Wilhelm Reich.[2]

Das Buch liest sich gut und ihr Erinnerungsvermögen gerade an die frühe Zeit ist bewundernswert. Es ist ein sehr persönliches Buch, in dem Familieninterna schonungslos dargestellt und interpretiert werden.

Es wird schnell deutlich, wie sehr sie unter der Situation gelitten hat und wie lange sie zur Verarbeitung benötigte.

Alles grau … „ja sogar das Essen ist grau.“ (14)

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„In meiner Erinnerung ist das Leben trüb und einsam, in den Filmen [von ihrem Vater] bin ich in einem wundervollen Kindergarten, zwei Jahre alt, ernsthaft am Geschirrwaschen.“ (14) Ihre Erinnerungen sind geprägt von schweren Gefühlen. Die schönen Momente fügt sie immer Mal wieder ergänzend hinzu.

„Unsere Eltern sahen sich als wichtigen Teil der intellektuellen und gesellschaftlichen Revolution. Sie waren Psychoanalytiker, sie waren Intellektuelle, sie waren Marxisten“ Und bitter fügt sie hinzu: „Im Jahre 1929, als ich ein Jahr war, reisten meine Eltern für vier Monate in die Sowjetunion, um Zeuge der Revolution zu sein“ (17)

Zwei Jahre später bekommt sie einen Streit ihrer Eltern mit, in dem es darum ging „uns Kinder loszuwerden.“ „Wie einfach es doch für ihn war, seine persönlichen Bedürfnisse mit einer Ideologie zu vereinen.“ „Kinder sollten in einer Kommune fern der Familie aufgezogen werden, sodass sie keinen Ödipuskomplex entwickeln können und zugleich sozialistische Werte erlernen.“ (19)

Ausgrenzungen und Demütigungen

Sichere Zugehörigkeit ist in ihrem Leben ein sehr seltenes Gut. Ihr Vater machte ihr in seiner Dominanz und Wut Angst und ihrer Mutter fehlte die „Mütterlichkeit“. Diese Erfahrungen gehen aber weit über die Familie hinaus. Immer wieder schildert sie ihre Ausgrenzungserfahrungen bis hin zur Flucht 1938 vor den Nazis in die USA. Aber auch dort ist die schwere Integration einer ihrer Hauptthemen.

Bei aller Entfremdung von ihrem Vater, teilt sie mit ihm dieses Thema als roten Faden der Biografie.

In der Familie scheint sich erst mit Wilhelm Reichs Tod (1957) etwas zu ändern: „Es war, als wäre ein böser Geist vertrieben worden.“ „[…] als hätten sie nach Willis Tod endlich die Erlaubnis erhalten, eine gute Beziehung zueinander aufzubauen.“ (249)

In der Wilhelm Reich Szene wird an vielen Stellen bis heute an der Wichtigkeit der Aufspaltung festgehalten.

https://youtu.be/fz8xXW-mqsM?t=9m19s
Der Film gibt auch einen kurzen Eindruck von Lore Reich Rubin im Gespräch über Wilhelm Reich

Verwicklungen

Ein spannendes Buch, das mir eine neue Perspektive auch auf Wilhelm Reichs Leben anbietet. Besonders wichtig sind mir dabei die gut herausgearbeiteten Verwicklungen der Lebensbereiche Politik, Beruf und Privates.

Ein Beispiel für die Verwicklungen der Ebenen:

1933 lebte ihr Vater Wilhelm Reich schon im Exil in Skandinavien. Die Eltern waren getrennt. Die ältere Schwester Eva machte eine Analyse bei Berta Bornstein, der besten Freundin ihrer Mutter. Die Lehranalytikerin von Bornstein war Anna Freud, die ein großes Interesse hatte, W. Reich aus der Psychoanaltischen Gesellschaft zu drängen. Bornstein schrieb W. Reich, er solle den analytischen Prozess nicht stören und den Kontakt zur Tochter lösen und Eva (ca. 10 Jahre alt) predigte sie, dass er „verrückt“ sei und sie „ihn aufgeben solle“ (77-79).[3]

1934 lud Reich seine Kinder zu sich und seiner Freundin nach Dänemark ein. Sie verbrachten eine gute Zeit und fuhren dann über Frankreich nach Luzern zum Psychoanalytischen Kongress. Dort erfuhr er, dass er auch hier hinausgeworfen war. Den folgenden Wutausbruch bekamen dann wieder die Kinder mit.

Biografie und Werk

Es war nicht leicht, Tochter dieser exponierten Eltern in dieser Zeit zu sein. Insbesondere die oft schlechte Beziehung zu ihrem Vater hat bei Lore tiefe Spuren hinterlassen. Im Vorwort steht folglich: „Möge dieser Einblick nicht dazu dienen, seine Errungenschaften, seinen großen Geist und sein Wirken in den Schatten zu stellen“.[4]

Biografie und Werk sind zwei unterschiedliche Lebensbereiche. Es ist gut, wenn Lore auch negative Aspekte ihres Vaters aus den Schatten holt. So können beide Lebensbereiche deutlicher angeschaut werden und auch in ihrer Verschiedenheit gewürdigt werden. Wilhelm Reich hat aber immer das gleichzeitige Denken in Unterschieden und Identitäten gefordert. So bleibt die Frage: Welche zugrunde liegende Identität drückt sich in den unterschiedlichen Lebensbereichen Biografie und Werk aus? Worin sind sie identisch? Die Klärung dieser Frage würde somit auch zu einem tieferen Verständnis seines Werkes führen.


Quellen:

  1. Eine umfangreiche Biografie, die auch die persönlichen Hintergründe gut herausarbeitet: Myron Sharaf: Wilhelm Reich – Erforscher des Lebendigen. Gießen 2019

  2. Lore Reich Rubin: Erinnerungen an eine chaotische Welt. Mein Leben als Tochter von Anni Reich und Wilhelm Reich. Gießen 2019

  3. Darstellung der Situation aus der Sicht von Eva Reich: Zur Überwindung des »heiligen Zorns« in Eva Reichs Leben

  4. Vorwort von Wolfram Ratz (Seite 8)

Die Bilder von Lore Reich stammen von der Seite „Mit Freud in Berlin
Das erste Bild ist ein Auschnitt vom Cover des Buches

„Senior Terzani, sie haben Krebs.“ Mit diesem Satz beginnt eine lange Reise mit einem großen Ziel: Der Autor Tiziano Terzani will noch weiter leben, er will „Noch eine Runde auf dem Karussell“[1] fahren.

Die Reise startet in New York mit Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung und endet nach fünf Jahren in einer Einsiedelei im Himalaya. Der Leser folgt ihm zu dem Homöopathen nach Italien, den Ayurvedaärzten und dem Ashram in Indien, der Selbsthilfegruppe in den USA, den Geistheilern auf den Philippinen, nach Hongkong, Thailand usw. usw. Terzani möchte leben und nimmt dafür viel auf sich.

Reise der Heilung

Es ist aber keine Reise des Leidens, sondern eher eine Forschungsreise in eigener Sache. Immer wieder lässt er sich neugierig und mit großer Offenheit auf die neue Situation ein.

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Ich bin ihm sehr gerne gefolgt, habe sein immenses Wissen aufgesogen und seinen Geschichten gelauscht. Am wichtigsten sind mir aber seine Erfahrungen, die er als Betroffener schildert. Wie erlebt er es, sich dem Geistheiler mit seiner magischen OP-Methode auszuliefern? Und wie ändert er sich äußerlich und innerlich in den drei Monaten, die er im Ashram verbringt? Wie ist es, sich eine Woche intensiv in einer Gruppe mit dem eigenen Tod zu beschäftigen? Er verändert sich auf der Reise und lässt uns daran teilhaben.

Während es zu Beginn noch um den Kampf gegen den Krebs geht, rücken langsam grundsätzlichere Fragen ins Zentrum: wer bin ich, wie kann ich leben und wie den Tod annehmen?

Krieg und Frieden

Das Buch steht gut neben dem Bestseller von Mukherjee über die „Biografie“ der Krankheit.[2] Während hier der schulmedizinische Krieg gegen den Krebs beschrieben wird, versucht Terzani Frieden zu schließen.

Wohltuend ist dabei seine offene und freundliche Sprache, die auch intime Details beschreibt ohne aufdringlich zu sein.

Instandsetzung und Heilung

Für mich am wichtigsten ist seine Unterscheidung zwischen „Instandsetzung“ und „Heilung“. Seinen „Instandsetzern“ in New York ist er sehr dankbar. Sie haben mit high tech und viel Wissen ihm einen Aufschub gegeben. Aber letztlich haben sie ihn wie ein komplexes Auto behandelt, das repariert werden muss.

Heilung ist etwas anderes. Sie wird nicht mit einem gemacht, sondern ist eine Interaktion zwischen dem Heiler bzw. dem Mittel und der eigenen Person. Heilung ist sehr subjektiv.

Heilung ist schlecht greifbar, geht aber über „Placebo“, „man muss nur daran glauben“ oder „alles Psycho“ weit hinaus. Es ist ein aktives darauf Zugehen und gleichzeitig ein Annehmen. Heilung ist ein persönlicher Weg des Suchens und sich finden lassen.
Terzani beschreibt wie ein Ayurvedaarzt ein Medikament speziell für ihn herstellt. Er nimmt es aber nicht ein, weil er weiß, dass ihm im Gegensatz zu den Indern ein kultureller Zugang zu dem Mittel fehlt und es bei ihm nicht helfen würde.

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Verlockung

Der Autor scheint seinen Weg gefunden zu haben. Immerhin kann er sein letztes Kapitel mit „Ankunft“ überschreiben.

Aber gerade hier liegt eine Verlockung des Buches: Ich war mehrfach geneigt, mich zu bedanken und seine Erfahrungen mir anzueignen: im Sessel sitzen und sehr plastisch geschilderte Erfahrungen als meine annehmen. Das wäre schön.

Aber es gibt keine Abkürzung der Heilung, sondern jeder Kranke und auch Nichtkranke muss seinen Weg gehen. Dies ist eine Wahrheit des Buches.

Terzani wird aber auch gesagt: „Du wirst den Weg schließlich finden – sofern du den Mut hast, dich zuvor zu verirren“ (S. 713).

Paul Watzlawick sagt: „Wer zu sich selbst finden will, darf andere nicht nach dem Weg fragen.“ Aber es ist eine wohltuende Aufmunterung, einen anderen Menschen in einem berührenden Buch eine Zeit lang zu begleiten.


  1. Tiziano Terzani: Noch eine Runde auf dem Karussell. Vom Leben und Sterben. Hamburg 2006, 732 Seiten

  2. Siddhartha Mukherjee: Der König aller Krankheiten. Krebs – eine Biografie. Köln 2015. Siehe auch: Krebs – eine Heldenreise

Krebs ist eine Angst einflößende Krankheit und ein bedrückendes Thema. Und doch gelingt es dem Arzt Mukherjee zahlreiche Leser über 600 Seiten an dies Thema zu binden.

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Schon zu Beginn seiner Recherche sah er in der Krankheit eine ihm gegenüber stehende Person. Darum sollte das Buch auch eine Biografie des Krebses werden, der er den Titel „Der König aller Krankheiten“[i] gab.

Zwei Einschränkungen:

  • Die Krankheit, die er vorstellt, ist zwar mächtig und allgegenwärtig, aber sie hat nichts majestätisches, sondern etwas dämonisches. Krebs scheint nicht greifbar, verbreitet sich unter der Haut, tötet hinterrücks, passt sich immer wieder an und zeigt selten sein Gesicht. Sie ist nicht König, sondern Dämon.
  • Trotz der sehr inhaltsreichen Darstellung erfährt man im Buch erstaunlich wenig über diesen Krebs. Dies verweist wieder auf den dämonischen Charakter und gleichzeitig auf das eigentliche Thema: Die Heldenreise gegen diesen Dämon. Das Buch ist keine Biografie der Krankheit, sondern eine Darstellung des Kampfes gegen dieselbe.

Ohne dies zu begründen, wird dabei ausschließlich die schulmedizinische Perspektive präsentiert. Hier kann der Autor auf eigene Erfahrungen, aber vor allem auf ein sehr breites Wissen zurückgreifen, das spannend entfaltet wird. Zwei Aspekte bestimmen diese Perspektive durch das ganze Buch: Krebs wird mit Tumor gleichgesetzt und es werden Wege gesucht, diesen zu vernichten.

Krieg gegen Krebs

Der Dämon entzieht sich in einem „Katz-und-Maus-Spiel“ immer wieder den Medizinern, die trotzdem immer wieder angreifen. Das Buch ist gespickt mit Kriegs-, Kampf- und Eroberungsbildern.

Entsprechend dieser Kriegslogik müssen sich die Helden immer neue Taktiken überlegen, neue Ressourcen aktivieren, neue Perspektiven einnehmen, harte Grenzen zwischen Freund und Feind ziehen und sich trotz aller Widerstände immer wieder zu einem weiteren Angriff aufraffen.

Heldenreise-Krebs-MukherjeeDiese Heldenreise gegen den Dämon Krebs[ii] wird in allen Facetten dargestellt und macht das Buch spannend. Ob es Chirurgen, Strahlentherapeuten, Virologen, Mikrobiologen oder Genetiker sind: alle haben ihre Helden, die immer wieder gegen den Krebs anrennen. Über viele Jahrzehnte wird so aus einem Notstand heraus argumentiert. Es ist das Leid der Patienten, aber auch die Kränkung daraus, auf den Mond zu fliegen, aber dieser Krankheit so wenig entgegen zu setzen.

Dieser Druck führte in den letzten 150 Jahren zu zahlreichen Innovationen in der Krebstherapie. Sie führt aber auch zu Operationstechniken, die als „heroisch“ galten, weil sie ohne „missverstandener Freundlichkeit“ (100) „radikal“ so viel wie möglich wegschnitten. Auch wenn die Wirksamkeit nicht belegt war, war die Vorgehensweise Jahrzehnte vorherrschend. Ähnliches galt für die Strahlen- und die Chemotherapie.

Die Kriegslogik bestimmt aber nicht nur die Beziehung zum Krebs, sondern auch zu allen anderen Beteiligten. Jegliches Handeln außerhalb von ihr, muss abgewehrt werden. Der Arzt Wilhelm Reich z.B. folgte in den 40er Jahren einer anderen Logik. Für ihn war Krebs eine Biopathie, eine „Schrumpfung des Lebensapparats“, die mit einer „seelischen Resignation“ einhergeht.[iii] Der Tumor ist demzufolge ein Symptom dieser Krankheit – nicht die Krankheit. Er therapierte mit einem Körper-, Psyche- und energetisch orientierten Konzept. Entsprechend der Kriegslogik wurde Reich verboten, mit dieser Perspektive weiterzuarbeiten.

Kriegspartner

Aber noch etwas ist Ausdruck dieses Stellungskrieges: Die Kriegsparteien werden sich erschreckend ähnlich. Sie sind „schicksalhaft verbunden“ und müssen „das Katz-und-Maus-Spiel in der absehbaren Zukunft“ weiterspielen. Krebs erscheint als „der rauflustige, fruchtbare, invasive, anpassungsfähige Zwilling“ (568).

Dämon und Held haben sich im ewigen Kampf angeglichen: „Dies ist keine Metapher: Krebszellen sind bis in ihr innerstes molekulares Zentrum hyperaktive, fürs Überleben bestens gerüstete, angriffslustige, fruchtbare, einfallsreiche Kopien unser selbst.“ (483)

Nachdem Mukherjee die Heldenreise gegen den Dämon ausführlich beschrieben und die Chancen der Genetik noch einmal beschworen hat, schreibt er gegen Ende des Buches: „Es ist sehr gut möglich, dass der Krebs auch unsere Normalität ist, dass es uns von Natur aus bestimmt ist, auf ein malignes Ende zuzuschlurfen. Nachdem sich der Anteil derer, die von Krebs betroffen sind, in manchen Nationen unaufhaltsam von jedem Vierten über den Dritten zu jedem Zweiten fortbewegt, ist Krebs tatsächlich auf dem Weg, unsere neue Normalität zu werden – das ist unausweichlich.“ (566) Resignation ist die Schattenseite der Heldenreise.

Kampf ohne Sieg

Die Mediziner haben sich unendlich viel Wissen im Kampf gegen den Tumor erarbeitet. Ohne diese Heldenreise wäre diese Krankheit Krebs nicht denkbar.
Und doch kommt der oft versprochene „Sieg“ nicht näher. Der Dämon scheint immer genau so viel preiszugeben, um den Helden im Kampf zu halten, ihn an sich zu binden.
Der Kampf ist längst Teil des Problems geworden, das er zu bekämpfen vorgibt.

Wie ein Don Quichotte taumelt der Held zwischen Größenfantasien und Erschöpfung im Kampf gegen seine Riesen. Mukherjee deutet als Sancho Panza an mehreren Stellen einen dringenden Perspektivwechsel an, kann aber wohl seinen Herren nicht erreichen.

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[i] Siddhartha Mukherjee: Der König aller Krankheiten. Der Krebs – eine Biografie. Köln 2015. (Die nicht anders gekennzeichneten Zitate stammen aus diesem Buch.) Das Buch erhielt 2011 den Pullitzer Preis für Sachbücher, wurde vom Time Magazin zu einem der besten 100 Sachbücher seit 100 Jahren erklärt und als „Wissensbuch des Jahres“ 2012 ausgezeichnet (vgl.: Siddhartha Mukherjee).

[ii] Zum Bild der Heldenreise vgl.: Paul Rebillot, Melissa Kay: Die Heldenreise Das Abenteuer der kreativen Selbsterfahrung. Wasserburg am Inn 2011

[iii] Wilhelm Reich: Die Entdeckung des Orgons. Der Krebs. Köln 1994, S. 209 (dies Beispiel steht nicht bei Mukherjee)

Cormac McCarthy: Die Straße

Es ist das beklemmenste Buch, das ich kenne.

„Die Straße“ führt durch ein zerstörtes Land; ein Land, das auf die Leblosigkeit reduziert ist. Es ist kalt, nass und grau. Die Stille wird nur vom Wind und Regen gestört, der die Asche auf alles verteilt. Dieser Eindruck ist allumfassend. Es gibt keine Horizonte und keine Lichtblicke. Die Straße zieht sich über verschneite Hügel, durch verbrannte Wälder und verlassene Städte: überall das gleiche trostlose Bild.

Cormac McCarthy: Die Straße

Auf der Straße zieht ein Mann mit seinem Sohn Richtung Süden. Sie schieben einen Einkaufswagen mit etwas Proviant und einer Pistole mit zwei Kugeln. Obwohl es keinen Grund zur Hoffnung gibt, suchen sie einen Ort, wo es heller und wärmer ist.

Sie suchen Proviant und verstecken sich vor anderen Menschen, die in ihnen vor allem etwas zu essen sehen.

 

Die postkatastrophale Umwelt hat die Menschen verändert. Sie nähern sich ihr an. Altbekannte Grenzen des Lebens, der Moral und Menschlichkeit verschwimmen im Grau der Landschaft.

Vater und Sohn versuchen noch, ihre Würde zu behalten und zu den Guten zu gehören. Die Grenze ist aber schwer zu bestimmen und nicht immer gelingt es ihnen, sie zu wahren.

 

Es ist ein Buch über die Liebe zweier Menschen, die außer dem nichts mehr haben. Auf 250 Seiten wird ein Abschied beschrieben: Abschied von der Hoffnung, vom Leben, vom Schönen und Liebgewordenen. Es ist ein Abschied von der Welt.

Sie geben alles daran zu überleben und hoffen gleichzeitig, dass es bald vorbei ist.

Es ist ein ruhiges und sehr intensives Buch. Trotz einer klaren und dichten Schreibweise, ist es schwer zu lesen: Ohne die Hoffnung auf ein helles und warmes Ende, bleibt der Wunsch, dass es bald vorbei ist.

Das Buch zwingt, alte Koordinaten wie zum Beispiel die Trennung zwischen uns und der Umwelt zu überdenken. Es relativiert auch unser Klagen über die zerstörte Umwelt und das schlechte Wetter: Wir leben in einem Paradies!

Aber es macht auch deutlich, dass der Klimawandel, das Aussterben der Arten und die Versiegelung der Landschaft kein Umweltproblem ist. Wir sind es, die mit diesen Veränderungen lebloser, starrer und trauriger werden.

 

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Cormac McCarthy: Die Straße, Reinbek (rororo) 2012, 253 S.,  978-3499246005

siehe auch: Das Ende ist nahe …