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Und sie erkannten sich Dieter Duhm Sabine Lichtenfels

Sex ist mehr. Sex ist viel mehr als das was in den Betten stattfindet.

„Auch hinter der grellsten Sexdarstellung unserer Zeit steckt die Not einer unerfüllten Sehnsucht!“ (65)

Diese Sehnsucht wird in dem Buch „Und sie erkannten sich“[1] aus den verschiedensten Perspektiven abgetastet. Sie führt zum Beginn der Menschheit als Erkenntnis, Sexualität und Vertreibung[2] zusammen gedacht wurde. Sie zeigt, dass Eros die tiefe Quelle ist, aus der immer wieder Schöpfung geschieht. Er ist aber auch der Grund für riesige Greueltaten und verweist auf den Kampf der Geschlechter und das Patriarchat.

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Die unbefriedigte Sehnsucht drückt sich in unserer Aufspaltung zwischen dem Heiligen und dem Animalischen aus. Die Autoren folgern:

„Erst wenn das Animalische als göttliche Kraft wieder voll anerkannt ist, kann und wird die Befreiung und Befriedung der Seele stattfinden, und ihre Sehnsucht findet Erfüllung.“ (184)

Denn „die sexuelle Welt und die göttliche Welt wollen sich in mir als Einheit zeigen.“ (147)

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Sex ist die Grundlage von dem, was wir Liebe nennen.
Und die Befriedung unserer Sexualität würde sich in der Befriedung der Welt zeigen. Die sinnliche Liebe wird so ganz politisch zum Dreh- und Angelpunkt von Friedensarbeit.[3]

Beziehungen

Auf diesem Hintergrund ist es geradezu naiv, Sexualität nur als ein Beziehungsthema abzuhandeln.

„Glauben wir wirklich, dass wir die Weltmacht Eros in einer privaten Liebesbeziehung einfangen können?“ (68)

Paarberatung-Ingo-Diedrich

Die Erotik weist ständig über die engen Grenzen hinaus.

„Du kannst nur treu sein, wenn du auch andere lieben darfst.“ (96)

„Die Sicherheit, einen Partner zu behalten, ergibt sich aus der inneren Fähigkeit, ihn in jedem Moment freizugeben.“ (102)

„Es gibt die Sehnsucht nach einem erotischen Abenteuer und die Sehnsucht nach der personalen Liebe, nach gelebter Partnerschaft: Kaum jemand wagt es, beiden Sehnsüchten zu folgen.“ (168)

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Jedes Aufweichen der „seelischen Selbstfesselung“ (69) aktiviert sofort tief sitzende Verlustängste und Eifersucht. Dieses Drama bzw. die folgende Resignation bestimmt unzählige Beziehungen.

„Treue und Freiheit gehören zusammen“ (168)

Auch wenn diese Argumente einleuchten, bringen wir doch unsere enge Struktur mit. Als Paare sind wir überfordert und können nur unsere Probleme aufeinander beziehen.

„Diese Konflikte sind zu zweit nicht zu lösen. Es sind ja keine privaten Fehler, sondern sie sind Teil einer ganzen Kultur und Menschheitsgeschichte, der wir angehören.“ (136)

Heilung kann so nicht stattfinden und der Friede hat keine Chance.

Gemeinschaft

Paare benötigen eine „solidarische Gruppe“ (68ff), in der sie tatsächlich Schritte gehen können.

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„Die Treue zwischen Liebespartnern […] möge dadurch wachsen, dass sie eingebettet ist in der Treue einer Gemeinschaft. […] Es ist die Basis aller Menschen, die für ihren inneren Zusammenhalt nicht mehr die alte Abgrenzung gegenüber anderen brauchen.“ (102)

Hier erhalten sie Unterstützung und gleichzeitig kann diese Gemeinschaft ein politisches Mittel sein, die neuen Wege der Liebe und Sexualität nach außen zu tragen.

„Wir haben die große Entdeckung gemacht, dass das Heimlichste und Intimste nicht privat ist.“ (164)

Der große Anspruch über die sinnliche Liebe, Frieden in der Welt zu schaffen, gelingt nur wenn zwischen dem Paar und der Welt eine stützende Gemeinschaft ist.

Und sie erkannten sich

Dies ist ein Strang wie das Buch „Und sie erkannten sich. Das Ende der sexuellen Gewalt“ von Dieter Duhm und Sabine Lichtenfels gelesen werden kann.

Sie haben das Buch als Paar in zwei getrennten Kapiteln geschrieben. Es ist kein wissenschaftliches und auch kein therapeutisches Buch.
Es ist eher ein Manifest der sinnlichen Liebe.

Aus ganz unterschiedlichen Perspektiven blicken sie in kurzen Abschnitten immer wieder auf das, was uns beim Thema Sexualität wichtig ist, weh tut und auch Hoffnung macht.

Die Aussage scheint mir übertrieben: „Es ist vielleicht das Tiefste, was heute zu den Themen von Liebe, Sexualität und Partnerschaft gesagt werden kann.“[4] Aber es gibt viele Stellen, die mich tatsächlich berührt haben. An einigen Stellen ärgern mich ihre Pauschalisierungen und manchen esoterischen Hinweisen will ich nicht folgen.

Mir ist das Buch trotz dem wertvoll:
Hier schreiben zwei Menschen, die sich über vier Jahrzehnte als Forschungsprojekt der Liebe verstehen und angemessene Wege suche, dies nach außen zu kommunizieren. Sie zeigen sich sehr persönlich, ohne Voyeurismus Nahrung zu geben. Sie haben theoretisches Wissen, aber vor allem geben ihre Erfahrungen den Aussagen Gewicht. Dies gilt nicht nur für ihr Liebesleben, sondern auch für das Leben in ihrer Gemeinschaft Tamera.

Mich faszinieren die Radikalität ihrer Thesen und die Realitätsnähe der Umsetzung.

Inhaltlich haben sie mich überzeugt: Ja, die Sexualität kann ein wesentlicher Angelpunkt von Friedensarbeit zwischen den Menschen und zur Natur sein.
Dies ist kein leichter Weg, aber im Gegensatz zu den meisten anderen ist es kein Aufruf zur Askese, zum du darfst nicht fliegen, Fleisch essen, Auto fahren usw.
Es ist ein Aufruf zur besseren Liebe und Sexualität.


Quellen

  1. Dieter Duhm, Sabine Lichtenfels: Und sie erkannten sich. Das Ende der sexuellen Gewalt. Bad Belzig (Verlag Meiga). 2019

  2. „Sie ‚erkannten‘ sich in der Lust ihrer Leiber“ (58) vgl. Gen 3,1-24

  3. Schon in „Der Mensch ist anders“ (1976) argumentierte Duhm ähnlich. Der ‚durchscheinende Busen‘ wurde als politisch bedeutend diskutiert. Mein Versuch, dies in einem Kolloquium an der Uni nachzuvollziehen, stieß leider auf wenig Gegenliebe.

  4. Und sie erkannten sich, Klappentext

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