„Vorbeugen ist besser als bohren“1

Prävention Beccaria Kriminalitätsprävention

Prävention leuchtet spontan ein: Natürlich ist es besser, die Zähne zu pflegen als Schmerzen zu leiden. Prävention boomt auch in der Kriminalitätsbekämpfung. Verbrechen werden nicht abgewartet, sondern vorher angegangen.

  • In der KITA Sozialkompetenzen lernen ist besser als später Gewalt anzuwenden.
  • Über Facebook aufklären ist besser als Opfer von Cybermobbing zu werden.
  • Therapien nutzen ist besser als pädophilen Neigungen nachzugehen.

Schon im 18. Jahrhundert wendeten sich aufgeklärte Kriminologen wie Cesare Beccaria gegen Vergeltung.

Prävention Beccaria Kriminalitätsprävention

Cesare Beccaria 1738-1794

Das Rechtssystem sollte die moderne Staatsordnung effektiv stabilisieren und nicht rächen. Damals war noch die Inquisition aktiv und dies war kein selbstverständlicher Standpunkt.

„Besser ist es, den Verbrechen vorzubeugen als sie zu bestrafen.“2

Die nach vorne weisende Prävention ist effektiver als die zurückblickende Sanktion. Beccaria wurde damals heftig kritisiert. Trotz aller Betonung des Gegenteils galt er als umstürzlerisch. Nach 250 Jahren gilt Beccaria als weitsichtig und die Prävention als liberal.

Unsere Gesellschaft hat sich seit Beccaria stark verändert. Die Differenzierung und Individualisierung tritt in den Vordergrund. Damit einhergehend verändern sich Begriffe wie Ordnung, Sicherheit und Gefahr. Ulrich Beck charakterisierte die neue Gesellschaftsordnung schon in den 80er Jahren als Risikogesellschaft.

„Das Zentrum des Risikobewußtseins liegt nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft. In der Risikogesellschaft verliert die Vergangenheit die Determinationskraft für die Gegenwart. An ihrer Stelle tritt die Zukunft, damit aber etwas Nichtexistentes, Konstruiertes, Fiktives als ‚Ursache‘ gegenwärtigen Erlebens und Handelns.“3

Kriminalität wird zu einer zu verhindernden Zukunft. Auf diesem Hintergrund ist der Siegeszug der Prävention zu verstehen: Die Sanktion kommt eigentlich immer zu spät.

Sanktion ist das stabilisierende Ordnungsinstrument der Moderne – Prävention das der Postmoderne.4

Darum steht bei einer Präventionsmaßnahme eine Frage absolut im Vordergrund:

  • Ist sie wirksam? Stabilisiert sie tatsächlich die Ordnung?5

Prävention Beccaria Kriminalitätsprävention PolizeiDie Frage, welche Ordnung stabilisiert werden soll, wird ausgeblendet bzw. implizit als geklärt angenommen. So wird Prävention vor allem eins: konservativ.

Was für Gesellschafts- und Menschenbilder liegen der Maßnahme zugrunde? Ist es gute Prävention,

  • wenn jemand lebenslang für eine Tat eingesperrt wird, die er nicht getan hat, die er aber evtl. tun würde (Sicherheitsverwahrung)?
  • wenn ganze Wohngebiete abgesperrt werden und öffentliche Plätze von unliebsamen Personen freigehalten werden?
  • wenn Geheimdienste wie die NSA ohne konkreten Verdacht ganze Länder ausspähen?

Wollen wir Kommunale Präventionsprojekte (wie z.B. das CTC), die sich an amerikanischen Vorstellungen der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts orientieren?6

Um beurteilen zu können, wann Prävention gut ist, benötigen wir Maßstäbe für Qualität, die jenseits von Wirksamkeit und Effektivität liegen. Es bedarf inhaltlicher Positionen!

Hier entscheidet sich, ob Prävention eine sinnvolle Vorbeugung oder eher eine Autoimmunerkrankung des Systems ist.7 Ohne eine kritische Positionierung verliert die Prävention schnell ihren fortschrittlichen Charakter. Es wäre doch schade um diese schöne Idee.
Oder anders gefragt: Was würde ein weitsichtiger Denker wie Beccaria heute fordern?
—————————————–

1 Eine Kampagne von Krankenkassen und Colgate

2 Beccaria S. 86. Beccaria ging ähnlich wie Thomas Hobbes von einem Gesellschaftsvertrag aus (Diedrich 2003, 219-228), in dem die freien Menschen einen Teil der Freiheit aufgeben, um „sich des andern mit desto größerer Sicherheit und Ruhe“ (Beccaria S. 18) erfreuen zu können. Aber im Gegensatz zu Hobbes sieht er im Souverän nicht einen Despoten, sondern einen „Verwalter“ dieser Freiheiten. Um zu verhindern, dass die Menschen die Gesellschaft „in ihr früheres Chaos zurückschleudern“ bedarf es „fühlbarer Beweggründe“ (Strafen), die Freiheiten nicht wieder zu ergreifen. (Beccaria S. 18). Aber jede Strafe musste angemessen sein, ansonsten sei sie Tyrannei. Und (diesen Satz sollte der Kontrolltheorie immer wieder ins Gedächtnis gebracht werden) „Geknechtete Menschen sind wollüstiger, ausschweifender und grausamer, als freie.“ (Beccaria S. 86)

Für Beccaria lag der Zweck der Strafe darin, den Verurteilten daran zu hindern, seine Tat zu wiederholen und „die Andern zurückzuhalten, Gleiches zu thun“ (Beccaria S. 34). In Beccarias Präventionskonzept ging es somit um die Spezial- und Generalprävention durch Strafe. Sanktion und Prävention waren kein Gegensatz, sondern gehörten zusammen.

In einem kurzen Absatz über die Erziehung geht er über diesen Gedanken hinaus: Die Erziehung ist das „sicherste aber schwierigste Mittel, den Verbrechen vorzubeugen“ und „bis zu den entferntesten Jahrhunderten […] ein unfruchtbares Feld“ (Beccaria S. 90). Dafür gibt es zwei Gründe: sie ist so umfassend, dass die Bearbeitung nur „wenigen Weisen“ (z.B. Rousseau) vorbehalten ist und sie ist zu tief in die Natur der Regierung eingebunden.

3 Beck S. 44; Auf dem Hintergrund wird auch klarer, warum in der Kriminologie der Begriff „Risikofaktor“ so wichtig wird. Es ist ein Merkmal, das Personen oder Gruppen zugeschrieben wird, das sowohl den Kausalitätsaspekt von Ursachen als auch die Vagheit des Zukünftigen beinhaltet. Gerade für quantitative Auswertungen in Studie und Evaluationen bietet der Begriff so große Möglichkeiten. Eine fiktive Perspektive wird mit scheinbarer Wissenschaftlichkeit aufgeladen.

4 Beck spricht von der reflexiven Moderne. Vgl. Düsseldorfer Gutachten S. 18

5 Vgl. Düsseldorfer Gutachten S. 5; ergänzt wird dies noch durch die Frage: entsprechen die Maßnahmen bestimmten wissenschaftlichen Kriterien bzw. sind sie förderwürdig?

6 „Communities that care“ (CTC) ist eine in den USA entwickelte Methode der Kommunalen Präventionsarbeit. Sie ist auch Grundlage für die Entwicklung und Beurteilung deutscher Projekte (vgl. Grüne Liste Prävention). Eine wesentliche theoretische Basis dieser Methode ist die Soziale Kontrolltheorie. (Schubert S.3; Monahan S. 3)

Die Kontrolltheorie nach Hirschi und später nach Gottfredson/ Hirschi ist eine Theorie, die explizit an ein Konsensmodell der Werte festhält und die Anbindung an die entsprechenden Institutionen propagiert (vgl. Diedrich 2013: Die Soziale Kontrolltheorie nach Travis Hirschi)

Auch das Düsseldorfer Gutachten bezieht sich auf diesen Ansatz (Düsseldorfer Gutachten S. 15f). Sie beziehen sich sogar auf die verschärfte Version des (Selbst- ) Kontrollansatzes nach Gottfredson/Hirschi.

Vergleiche dazu auch den Artikel: „Kriminologie – Kinder die drängeln  … werden rauben und vergewaltigen“

7 Leena Simon versteht die als Prävention verstandenen Überwachungsmaßnahmen des Staates als „Überfunktion des Immunsystems“. Sie stabilisieren nicht die demokratische Ordnung, sondern untergraben sie.

Neben der Frage der inhaltlichen Position bleiben schon diskutierte strukturelle Probleme von Kriminalprävention. So konstruiert Prävention immer eine zu verhindernde Kriminalität. Wenn sie sich auf bestimmte Gruppen bezieht, stigmatisiert sie diese. Ohne, dass diese Menschen etwas getan haben, werden sie so in die Nähe der Kriminalität gerückt. Wenn sie sich andererseits auf ganze Stadtteile oder noch weiter (vgl. NSA) bezieht, gibt es keine unbescholtene Bürger mehr, sondern nur noch potentielle Kriminelle. Die Prävention kriminalisiert so die Sozialpolitik. (vgl. DJI Impulse: Mythos Prävention)

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Quellen:

Baccaria, Cesare: Über Verbrechen und Strafen. Berlin (Heimann Verlag) 1870 (Original 1766)

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Wege in eine andere Moderne. Frankfurt/M. 1986

Diedrich, Ingo: Aus-einander-setzung mit Gewalt. 2003

Diedrich, Ingo: Die Soziale Kontrolltheorie nach Travis Hirschi – eine Diskussionsvorlage. 2013

DJI Impulse (2/2011): Mythos Prävention, http://www.dji.de/bulletin/d_bull_d/bull94_d/DJIB_94.pdf, (2.3.2013)

Landeshauptstadt Düsseldorf Arbeitskreis Vorbeugung und Sicherheit (Hrsg.): Düsseldorfer Gutachten. Leitlinien wirkungsorientierter Kriminalprävention. Düsseldorf 2002

Monahan, Kathryn C.; J. David Hawkins; Robert D. Abbott: The Application of Meta-analysis within a Matched-pair Randomized Control Trial: An Illustration Testing the Effects of Communities That Care on Delinquent Behavior. in: Prevention science. The official journal of the Society for Prevention Research. 2013-02

Simon, Leena: Der größte Feind des Staates? Ist er selbst. TAZ 7./8.9.13, S. 19)

Schubert, Herbert und Veil, Katja: Erster Zwischenbericht der SPIN Evaluation.Literaturanalyse Communities That Care. Köln 2009

(das Bild von Beccaria stammt aus Wikipedia)

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Kinder, die drängeln und plärren…
… werden rauben und vergewaltigen.1

Kriminologie Soziale Kontrolltheorie Selbstkontrolle Travis Hirschi Gottfredson

Überzeugt diese Logik noch? Wollen wir unsere Kinder so betrachten? Wie erklären wir uns abweichendes Verhalten?
Kriminologie Hirschi Soziale Kontrolltheorie
Und welche Handlungen leiten sich daraus ab?

Die Kriminologie bietet die Modelle an, abweichendes Verhalten zu verstehen und zu bearbeiten.

Die Modelle betreffen aber nicht nur Straftäter, sondern uns alle!

Kriminologie Ingo Diedrich-Travis-Hirschi-Soziale-Kontrolltheorie

Die Kontrolltheorie nach Travis Hirschi – eine Diskussionsvorlage

Immer stärker wird die Bestrafung von Tätern durch Prävention bei Normalbürgern ergänzt.

Vorbeugen ist besser als bohren. Diese richtige Maxime verändert aber auch unseren Blick auf die Kinder.

So gehen zahlreiche Projekte der Frage nach: Wie kann man schon bei Kleinkindern mögliche Gewalt vorbeugen? Kinder werden zu potentiellen Kriminellen.3

Außerdem verschwimmt die Grenze zwischen Kriminalprävention und Gesundheitsprävention: Gesetzestreues und gesundes Verhalten wird immer häufiger zusammen gedacht.

Kriminologie und ihre normierenden Theorien werden so immer wichtiger.

Die Kriminologie bietet zahlreiche Modelle. Welches ist angemessen?

Die Kontrolltheorie nach Hirschi und Gottfredson ist eine der einflussreichsten Theorien in Deutschland. Sie dient zahlreichen Maßnahmen als Grundlage. Sie verbreitet aber eben auch einen Maßstab, der sich an dem Leben in den 50er Jahren des letzten Jh. in den USA orientiert.

Es lohnt sich, sie genau anzuschauen, sie mit den eigenen Werten zu vergleichen und eine Position dazu – z.B. im Kommentarfeld – kund zu tun.

Lesen Sie doch die Diskussionsvorlage und mischen sich ein. Vielen Dank!
————–

1 Hirschi (1994): S. 2
2 Gottfredson (1990): S. 97
3 DJI Impulse: Mythos Prävention

Quellen:

– Diedrich (2003), Ingo: Aus-einander-setzung mit Gewalt, S. 203-218
– Diedrich (2013), Ingo: Die Kontrolltheorie nach Travis Hirschi – eine Diskussionsvorlage
– Diedrich (2016), Ingo: Münchhausen und die Kontrolltheorien
– DJI Impulse (2/2011): Mythos Prävention, http://www.dji.de/bulletin/d_bull_d/bull94_d/DJIB_94.pdf , (2.3.2013)
– Gottfredson (1990), Michael R./ Hirschi, Travis: A general theory of crime. Stanford, California 1990
– Hirschi (1994), Travis/ Gottfredson, Michael R.: Substantive Positivism and the idea of crime. In: Hirschi, Travis/Gottfredson, Michael R. The generality of deviance. New Brunswick, New Jersey 1994, S.253- 270

Bestehende Identitätskonzepte sind ausgefeilt, hängen aber in der Luft. Ihnen fehlt der Leib als Fundament. So kann Robert Gugutzers Grundthese zusammengefasst werden.[1]

Der Mensch weiß, dass er einen Körper hat und er kann sich zu sich positionieren. Er hat aber nicht nur einen Körper, sondern ist wie jedes Tier auch Leib.

Leib-haftige Identität Eheglück

Der Mensch ist somit im Spannungsfeld von „Leib sein“ und „Körper haben“ verortet.[2] Wer Gugutzer bis hierher folgt, dem eröffnet sich ein sehr weites Feld menschlichen Lebens.[3]

So fungiert der Leib als Vermittler zwischen Ich und Welt. Durch ihn bekomme ich einen Zugang zu den anderen Menschen, zu Landschaften oder auch Ideen. Ich kann ihn auch z.B. auf mein Auto ausdehnen und es so vorreflexiv nutzen.

Aber auch das „erotische Verstehen“ bekommt so einen Sinn. Und Begriffe wie das „Spüren“ in Abgrenzung zu den Gefühlen, die „leiblich-affektive-Betroffenheit“ und die „primitive Gegenwart“ ermöglichen weitreichende Einblicke.

Das Dösen und Dahindämmern, aber auch der Rausch, die Ekstase, das Lachen und das Weinen können quasi von innen heraus beschrieben werden. Und die „leibliche Kommunikation“ geht weit über das hinaus, was üblich unter nonverbal verstanden wird.[4]

Gugutzer hat mich überzeugt: Ohne den Leib kann man der menschlichen Identität nicht gerecht werden.

Dies wird schon im empirischen Teil des Buches deutlich. Hier werden die unterschiedlichen Körper-Leibbezüge bei Ballett-Tänzern und Ordensangehörigen gegenüber gestellt.[5]

Der Leib und die Forschung

Wenn man die leibhaftige Identität ernst nimmt, so ist sie aber nicht nur Forschungsgegenstand. Sie muss sich vielmehr auch in der Forschungsmethode niederschlagen.[6] Eine solche Forschung wäre ein großer Schritt, die cartesianische Spaltung aufzuheben.[7]

Daraus ergeben sich zahlreiche spannende Fragen:

  • Wo ist diese Forschung anzusiedeln? Ist sie eine erweiterte Soziologie oder eher eine verstehende Naturwissenschaft?[8] Wie sieht die Abgrenzung zu esoterischen Zugängen aus?
  • Wie kann leibliche Wahrnehmung in den Forschungsprozess integriert werden? Und wie wird sie kommuniziert? Welche Kompetenzen muss die forschende Person mitbringen?[9]
  • Wie sieht eine Forschung aus, die nicht den sozial konstruierten Sinn von Leib, sondern eben die leibliche Bedeutung erforscht?

Der hier besprochene Text ist schon einige Jahre alt. Ich bin gespannt, wie sich der Ansatz seit dem entwickelt hat.

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1 Ich beziehe mich auf das Buch: Robert Gugutzer: Leib, Körper und Identität : eine phänomenologisch-soziologische Untersuchung zur personalen Identität. Wiesbaden 2002. Gugutzer will nicht weniger als ein „zeitgemäßes Identitätsmodell“ erstellen. Die bestehenden Modelle werden als „sozial-kognitiv verengt“ kritisiert. (vgl. Teil 1)

2 Grundlage dieser Aussagen ist die These der ‚Exentrischen Positionalität‘ nach Helmut Plessner.

3 In einem Ritt „auf den Schultern von vier Riesen der Leib- und Körpertheorie“ (S.59) baut Gugutzer das Fundament für sein Modell. Er greift auf Helmuth Plessner, Maurice Merleau-Ponty, Hermann Schmitz und Pierre Bourdieu zurück. Die Theorien werden jeweils dargestellt und gleichzeitig (manchmal zu) spielerisch verknüpft. Von der philosophischen Anthropologie geht es über die Phänomenologie bis hin zur Soziologie.

4 Hermann Schmitz argumentiert etwas anders als Gugutzer, kommt aber zum selben Ergebnis: Eine Person zeichnet sich demnach durch die „Fähigkeit zur Selbstzuschreibung“ aus. Das womit in der Selbstzuschreibung identifiziert wird, muss schon vor der Identifikation bekannt sein (29). Dies „ist also nur möglich, wenn ihr [der Selbstzuschreibung] ein identifizierungsfreies Selbstbewusstsein ohne Selbstzuschreibung zu Grunde liegt. Und das gibt es wirklich, nämlich in Gestalt des affektiven Betroffenseins.“ (30) Und diese unmittelbare Erfahrung wird dem Leib zugeordnet. Vgl.: Hermann Schmitz: Kurze Einführung in die Neue Phänomenologie. Freiburg 2009

5 Vgl. Gugutzer, drittes Kapitel

6 Gugutzer zitiert Merleau-Ponty: „Die Funktion des lebendigen Leibes kann ich nur verstehen, indem ich sie selbst vollziehe, und in dem Maße, in dem ich selbst dieser einer Welt zuwendender Leib bin.“ (Merleau-Ponty zit. n. Gugutzer 77)

7 Gugutzer hatte zu Beginn kritisiert „dass der Großteil der sozialwissenschaftlichen Identitätstheorien nach wie vor am Erbe des Cartesianismus partizipiert und an der Trennung zwischen Körper und Geist, Leib und Seele, Vernunft und Emotion festhält. Dies zeigt sich konkret daran, dass im Zentrum dieser Ansätze Denken (bzw. Reflexion) und Sprache (bzw. Narration) stehen. “ (57) Diesem Anspruch folgend muss gesagt werden, dass auch seine Empirie der Spaltung methodisch verhaftet bleibt.

8 Gugutzer sieht zwischen Natur und Kultur eine dialektische Verschränkung. Wobei: „Leib bezeichnet die Natur, die man selbst ist, Körper deren soziale Konstruktion“ (S. 277) Für mich liegt daher eine Perspektive nahe, die sich mit der kulturellen Möglichkeit des Verstehens dem Gegenstand (Natur-Leib) nähert.

9 Wilhelm Reich bietet eine hermeneutische Perspektive, in der der somatische Zugang eine zentrale Funktion einnimmt und die Person des Forschers das wesentliche Werkzeug der Forschung ist. Die strukturell bedingte „Wahrnehmungsfähigkeit“ der Person auf der Basis der Ein- und Ausdrucksbewegungen gibt wichtige Hinweise auf die notwendigen Kompetenzen bei einer leiborientierten Forschung.

Eine Zusammenfassung von Reichs Wissenschaftsverständnis findet sich hier: Ingo Diedrich: Naturnah forschen. Wilhelm reichs Methode des lebendigen Erkennens. Berlin 2000

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Angst – Thomas Hobbes

Seine Mutter brachte Zwillinge zur Welt: ihn und die Furcht.[1] Die Angst Opfer einer Gewalttat zu werden, begleitete Thomas Hobbes sein Leben lang.[2]

Diese Angst aller Menschen und deren „Wunsch nach Reichtum, Ehre, Herrschaft und jeder Art von Macht stimmt den Menschen zum Streit, zur Feindschaft und zum Kriege.“[3]

Hobbes geboren mit der Angst

Der Mensch ist demzufolge von Natur aus dem Menschen ein Wolf.[4]

– So als ob die Wölfe sich ständig gegenseitig nach dem Leben trachten würden. –

Selbstüberwindung

Erst wenn der Mensch mittels Vertrag auf die naturgegebene Macht verzichtet entstehe eine glückliche und friedliche Gesellschaft.[5]

Zwei nie belegte Thesen sind hier enthalten:

  • Der Mensch kann sich selbst über die eigene Natur erheben und
  • in dieser Transformation entsteht etwas, das ein friedliches Miteinander ermöglicht.

-So, als ob es ein Jenseits der Natur mit einem friedlichen Leben geben würde.-[6]

Diese Vorstellung wird bis heute tradiert.

Sigmund Freud folgte dem zwar mit schweren Herzen, aber mit heftigen Argumenten. Auch er sah die grundsätzliche „Feindseligkeit eines gegen alle und aller gegen einen.“[7] Die Überwindung dieses Zustandes durch Kultivierung ist demzufolge eine fortwährende individuelle und gesellschaftliche Aufgabe.[8]
Nur so könnten Kriege verhindert werden.[9]
– So als ob irgendwelche Naturvölker und nicht etwa die ‚Kulturnationen‘ Europas den 1. Weltkrieg führten, gegen den er sich wandte. –

Aber auch heute noch dominieren diese Koordinaten. Wenn mal wieder ein Gewaltexzess bekannt wird, wird nach der Stärkung der Zivilisation gerufen. Und Gewaltforscher wie Wilhelm Heitmeyer phantasieren über „naturvermittelte“ Kategorien[10], an denen sich angeblich die Täter orientieren.

Gewalttäter bleiben so naturnahe Barbaren, die bei der Selbstüberwindung Defizite haben.

Die desintegrierende Gesellschaft produziere Orientierungskrisen, die ein Durchbrechen des Naturzustandes ermögliche. Wie bei Hobbes steht da wieder die Angst vor dem Chaos und Gewalt des natürlichen Menschen.

Potential

Aber gerade in Zeiten von Orientierungskrisen wäre es wichtig, von den kultivierten Größenphantasien abzulassen und real vorhandene Potentiale zu nutzen.

Hobbes Angst Potential fliegen

Der Mensch hat tatsächlich Fähigkeiten entwickelt, die in der Tierwelt einzigartig sind. Aber würden die Vögel ihre spezifischen Fähigkeiten so nutzen wie wir unsere, würde nur ein stolperndes Hüpfen herauskommen.

Fliegen ist eben kein Versuch, die Natur zu überwinden, sondern sie elegant zu variieren.

Die Frage, ob wir im Naturzustand ‚gut‘ oder ‚böse‘ sind, ist uninteressant.[11] Wir sind, was wir sind.

Wichtig ist die Frage:

Wie lange wollen wir unser Menschsein noch über den Kampf gegen uns selbst definieren und so unsere Potentiale vergeuden?

——–
[1] Meine Mutter did bring forth Twins at once, both Me, and Fear.” Hobbes zitiert nach Reemtsma, Jan Phillipp: Das Implantat der Angst. In: Miller, Max/
Soeffner, Hans Georg (Hrsg.): Modernität und Barbarei, Frankfurt/M 1996, S.28-35. S.29

[2] Vgl. Münkler, Herfried: Thomas Hobbes. Frankfurt/M 1993. S.34/35: Der Philosoph, der die Furcht vor dem Tode zum Grundmotiv seiner Philosophie gemacht hat, hat sein eigenes Leben weitgehend in Übereinstimmung mit diesem von ihm herausgestellten Grundantrieb geführt.“

[3] Hobbes, Thomas: Leviathan. Stuttgart 1996. S.90/91

[4] Diese Annahme ist nicht nur unbelegt, sondern tut den Kaniden Unrecht, die zu den geselligsten und kooperativsten Tieren“ zählen, Frans de Waal: Primaten und Philosophen. München. 2011. S.21; Rommelspacher sieht hier den Versuch von Hobbes, den Menschen als noch schlimmer als die Tiere darzustellen. Vgl. Diedrich: Aus-einandersetzung-mit Gewalt. S.219

[5] „Der große Leviathan (so nennen wir den Staat) ist ein Kunstwerk oder ein künstlicher Mensch – obgleich an Umfang und Kraft weit größer als der natürliche Mensch, welcher dadurch geschützt und glücklich gemacht werden soll.“ (Hobbes: Leviathan. S.5).
Vgl. Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Im Kapitel 3 gibt es eine ausführliche Darstellung der hier vorliegenden Argumentation.

[6] In der naturwissenschaftlichen Perspektive von Hobbes werden so religiöse Koordinaten auf Dauer integriert. Wilhelm Reich hat den Versuch vieler Menschen, sich von den eigenen Grundlagen zu trennen ausgiebig dargestellt (vgl. Maschinen Menschen). Diese Abspaltung drückt sich demzufolge in einer Gleichzeitigkeit des Mechanischen und Mystischen aus.

[7] Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur.  1930. S.407; „Homo homini lupus; wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten?“ Freud (1930)  S. 400

[8] Freud weist darauf hin, dass nach Kopernikus und Darwin er mit der Psychoanalyse der Menschheit eine weitere große Kränkung zugeführt habe, gegen die sie sich wehrt. Das mag sein, aber er hat auch mit seinem Kulturmodell die Kulturmenschen erhöht und gleichzeitig den Boden entzogen.

[9] Vgl Freud, Sigmund: Warum Krieg? In: Freud, Anna/ Grubisch-Simitis, Ilse (Hrsg.): Sigmund Freud. Werkausgabe in zwei Bänden. Band 2. Frankfurt/M 1978, S.483-493

[10] Heitmeyer, Wilhelm: Rechtsextremistische Orientierungen bei Jugendlichen. Empirische Ergebnisse und Erklärungsmuster einer Untersuchung zur politischen
Sozialisation. Weinheim 1992. S.67

[11] Unter dieser Perspektive sind Rousseau und Hobbes nur zwei Seiten einer Medaille

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… was die Themen miteinander zu tun haben?

Ich lese gerade das Buch ‚Die Psychologie sexueller Leidenschaft‘, habe einen Workshop zum Scrum gemacht und an einer Projektevaluation zur Arbeitsvermittlung mitgearbeitet.

Individualisierung Sex scrum Arbeitsvermittlung

Und:

In allen Bereichen wird eine positive Entwicklung daraus abgeleitet, dass das Individuum immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen wird.

Arbeitsvermittlung

Im Projekt können die Arbeitslosen eine Unterstützerstruktur nutzen. Bedingung ist: sie müssen wollen. Sie werden in keine Maßnahmen gedrängt, müssen keine Sanktionen befürchten, aber dafür aktiv den eigenen Weg gestalten.

Scrum

In diesem Projektmanagement stehen dem Team große Freiräume zur Verfügung. Es gibt sehr klare Strukturen, die diese Räume schützen. Sie können sie selbstverantwortlich und selbstorganisiert nutzen. Bedingung ist, dass sie sie eben selbstverantwortlich und selbstorganisiert nutzen.

Sex

Der Psychotherapeut Schnarch beschreibt, wie das alte Ideal der Verschmelzung regelmäßig in eine frustrierende Sackgasse führt. Die Autonomie sei die Grundlage für eine gelingende Sexualität. Dies eröffnet dem Individuum große Freiheiten. Es verlangt aber auch z.B. in der Umarmung auf eigenen Füßen zu stehen.

 Individualisierung

Diesen Doppelcharakter der Individualisierung hat Beck schon 1986 grundlegend beschrieben. Die bisher regulierenden Großstrukturen wie z.B. die Kirchen verlieren an Bedeutung. Das Individuum bekommt so Freiräume. Gleichzeitig erhält es aber auch die Last der Selbst-Regulation. Der äußere Druck wird so evtl. zur Selbstmotivation und Selbstdisziplinierung umgewandelt. Dies wird nun in den verschiedenen Bereichen durchdekliniert.

Das Leben wird so vielfältiger. Ob es ein emanzipatorischer Prozess ist, ist nicht so klar. Egal ob Sex, Scrum oder Arbeitsvermittlung: es lohnt sich genau hinzuschauen, wie sinnvoll dieser neue Maßstab tatsächlich ist.

——–

Quellen:

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. 1986

David Schnarch: Die Psychologie sexueller Leidenschaft. 2009

Gewalt ist per Definition Grenzüberschreitung und somit ein ideales Thema der sozialen Grenzarbeit.

Grenzarbeit der Gewalttäter

In einem Interview erzählte mir ein rechtsextremer und gewaltkrimineller Jugendlicher ausführlich über seine gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den „Autonomen“, „Linken“ und „Punks“. Er verachtet diese Gruppen und die Kämpfe machen ihm deutlich, dass er zu den Richtigen gehört.

linke und rechte Gewalt

Im selben Interview berichtet er aber auch davon, dass der „Staat uns fertigmachen will“. Mit „uns“ meint er nicht nur die Rechten, sondern die „Jugendbanden“, zu denen er eben auch die Autonomen, Linken und Punks zählt.  Anhand eines als gewalttätig empfundenen Verhaltens des Staates konstruiert er ein neues ‚wir‘.[1]

Rechte Gewalt und die entsprechende Grenzarbeit hat somit eine vielfältige Bedeutung. Im „Kampf“ gegen die Anderen  auf gleicher Ebene stärkt sie die eigene Gruppenidentität und wird positiv erlebt. Als ‚unfairen‘ Übergriff des übermächtigen Staates wird sie erlitten bzw. gibt der Verortung am Rande der Gesellschaft einen defensiven, aber heroischen Status.

Rechte Gewalt und der Mainstream

Jedes Jahr werden vom Innenministerium Straftaten gezählt und publiziert. Die Zahlen sollen deutlich machen, wie viele Handlungen jenseits der rechtlichen Grenze geahndet wurden. Die Grenze und die Bedrohung derselben wird so periodisch thematisiert und intensiv diskutiert.

Dies gilt insbesondere für die festgestellten politisch motivierten Gewaltstraftaten. In der TAZ gab es gleich mehrere Artikel und zahlreiche Leserbriefe. Als brisant wurde dieses Jahr empfunden, dass die links motivierten Gewaltstraftaten 2009 stark angestiegen waren.

Provozierend titelte die TAZ: Linke schlagen Rechte.[2] TAZ-LeserInnen distanzieren sich meist von Gewalt, identifizieren sich aber gleichzeitig häufig mit linken Positionen. Wie bei dem genannten Jugendlichen wird daher ein zweiter Limes konstruiert. Es reicht nicht mehr aus, pauschal die Gewalt auszugrenzen, sondern es werden die Unterschiede zwischen der rechten und der linken Gewalt hervorgehoben. Die linke Gewalt richtet sich z.B. oft gegen die Polizei und gegen Autos und führt nicht zum Tode.

Die Grenzarbeit wird somit etwas uneindeutig: ist die linke Gewalt gar keine richtige Gewalt von der man sich abgrenzen muss?[3]

Einigkeit besteht allerdings in der Ausgrenzung rechtsmotivierter Gewalt und der Warnung vor den hohen Zahlen dieser Straftaten. In dieser Form der Grenzarbeit treffen sich linke TAZler, konservative Politiker, liberale Wissenschaftler und der brave Bürger und definieren somit den gesellschaftlichen Mainstream anhand der Kategorie Gewalt.

Sie sind sich einig in der Richtigkeit und Wichtigkeit dieser Grenze. Spannend ist, dass sie sich auch mit den ausgegrenzten rechten Gewaltkriminellen in dieser Grenzziehung einig sind. Beide Seiten arbeiten in diesem gemeinsamen Projekt aus antagonistischen Perspektiven eng zusammen und sind in der jeweiligen Definition ihrer Welten aufeinander angewiesen.

Was würde eigentlich passieren, wenn die Zahl der rechten Gewalttaten tatsächlich sinken würde – der Grenzarbeit quasi die Energie entzogen würde?

Würde das zu einer Erleichterung oder eher zu einer Verunsicherung führen? Würde das nicht bedeuten, dass die rechten Personen nicht mehr jenseits der Grenze, sondern bei uns in der Normalität  verortet werden müssen?


[1] Vgl. die ‚Hallenser Biographiestudie zu Jugendgewalt‘: Gewalttätige Ausgegrenzte; Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Bremen 2003; Ingo Diedrich: Ausgrenzung mit Gewalt. Saarbrücken 2008

[2] Z.B.: Linke schlagen Rechte (TAZ 24.3.2010); Linke als Zielgruppe wiederentdeckt (TAZ 31.3.2010); Regierung verschiebt Geld nach links (TAZ 24.3.2010)

[3] dies gilt übrigens in umgekehrter Weise auch für die Interpretationen der Zahlen in den rechten Blogs.

Maschinenmenschen – Homo normalis

Maschinenmenschen MaschinenmenschMaschinenmenschen faszinieren in Romanen und Filmen seit langem.

Schon 1933 beschreibt Wilhelm Reich in der „Massenpsychologie des Faschismus“[1]  wie wichtig die Maschinennähe des Menschen zum Verständnis des Faschismus ist.

Ganz kurz: Der Mensch versucht das eigene Tiersein zu überwinden. Diese Abgrenzung vom biologischen Bereich geht einher mit der Orientierung am maschinellen Bereich. Das eigene lebendige Funktionieren kann nur „mechanistisch, unlebendig und starr“ (297) gedeutet werden. Soweit das Seelische nicht auch maschinell interpretiert wird, erscheint es als „nebelhafte, mystische Gegebenheit“ (299)

Diese mechano-mystische Aufspaltung ist als Charakterstruktur des „homo normalis“[2] grundlegend auch für ein Verständnis des Faschismus mit seinen mystischen Verklärungen bei gleichzeitiger Überhöhung des Maschinellen.

Der Film „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich“[3] bringt historische Beispiele für diesen Zusammenhang. Der folgende Ausschnitt bezieht sich auf Wien in den zwanziger Jahren.

Filmausschnitt Download

Zwei Aspekte sind mir hier wichtig:

  • Vitalität: Reich konstruiert zwei Bereiche: Leben <-> Nichtleben. Durch die mechano-mystische Aufspaltung im Bereich des Lebens rückt das Nichtleben in den Vordergrund. Die Vitalität bzw. Lebendigkeit als zentrale Funktion dieses Bereichs wird zugunsten toter Funktionselemente zurückgedrängt. Dieser Vitalitätsbegriff steht konträr zu einem Begriff, der im Überleben das zentrale Merkmal sieht (vgl. Vitalität; Vitalität – Nachtrag). Im Faschismus konnte der starre Militarist durchaus erfolgreich überleben. Ihn deshalb für besonders vital zu halten ist absurd.
  • Normalität: Reich beschreibt nicht eine obskure Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm, sondern die Normalität selbst („ homo normalis“). Aufgrund einer genauen Beobachtung beschrieb er das, was als selbstverständlich galt.

Maschinenmenschen – heute

Hier liegen die Grenzen der historischen Dokumentation. Das Marschieren, Turnen usw. wirkt aus der zeitlichen Distanz fremd und nicht selbstverständlich. Diese Normalität bietet für uns heute kaum noch Identifikationspunkte.

Das Selbstverständliche der Vergangenheit wird zur Abweichung für das aktuelle Selbstverständliche. Um Reichs Kritik nachzuvollziehen, muss sich der Blick also wieder auf das aktuelle Selbstverständliche richten. Unter dem Deckmantel der Normalität hat sich die Maschinenorientierung nicht etwa abgebaut, sondern ausgeweitet und perfektioniert.

Maschinenmenschen Mann-FrauIch möchte hier nur darauf hinweisen, inwieweit die Technik (Handy, Mail, SMS …) mit ihren Standards, Regeln, Möglichkeiten und Grenzen bestimmend für unsere Kommunikation geworden ist.

Und die Selbstverständlichkeit sagt: warum nicht?

Die Maschinenzivilisation zeigt sich mit ihren glatten und den weniger schönen Seiten als herrschende Normalität.

Maschinenmenschen Haus

Gegenentwurf

Spannend finde ich, dass nicht nur die Normalität maschinenorientiert ist, sondern auch Gegenentwürfe von ihr.

Neulich habe ich mir den Film „Avatar. Aufbruch nach Pandora“ angesehen. Seine technischen Ausdruckformen haben mich sehr beeindruckt. Der Inhalt ist nicht ganz so spektakulär. Da treffen wieder diese Maschinenmenschen ohne Verständnis für das Wesentliche, aber ausgestattet mit reichlich Waffen auf die native people. Wie immer zeichnen sich diese edlen Wilden durch ihre große Naturnähe aus. Aber trotz der üblichen Priesterinnen findet sich kaum eine ausgeprägte Mystik. Für den Kontakt zur Natur und zur jenseitigen Welt benötigen sie kein esoterisches Wissen.

Maschinenmenschen AvatarStattdessen sind alle Na’vi mit einem USB Zopf ausgestattet. Diese universelle Schnittstelle ermöglicht es ihnen, sich überall und zu jeder Zeit mit ihren Pferden, Flugsauriern, aber auch mit den Toten und der großen Mutter zu verbinden. Der Wald mit seinen Wurzeln ist ein riesiges Netzwerk, über dessen „Datenströme“ sie Dank der Schnittstelle integriert sind.

So stellt man sich in der Computerwelt ‚Kontakt‘ vor.

Durch die Übertragung unserer Technikkompatibilität auf diese heile Welt, gestaltet sie sich nicht als Gegenentwurf, sondern als Perfektionierung derselben.

Keine Technikkritik

Reichs Kritik an den Maschinenmenschen und der „Maschinenzivilisation“ ist keine Technikkritik, sondern eine Kritik an der mechanistischen Perspektive auf das Leben.

Das Leben ist in der grundsätzlichen Funktion der Pulsation sehr einfach. Und es gelingt durch Variationen dieser Einfachheit, wahrzunehmen, zu lieben, zu denken und sich künstlerisch auszudrücken.

Grundlage eines Computer ist nicht Kontraktion und Expansion, sondern der Schalter: An – Aus. Computer pulsieren nicht. Sie werden aber immer stärker dazu eingesetzt die lebendigen Funktionen zu imitieren. Netzwerkorientierte Komplexität und Schnelligkeit stehen dabei im Zentrum. Die Entwicklung der Computer besteht primär darin, diese beiden Aspekte zu steigern und noch zu managen.

So weit, so gut. Warum sollte man nicht versuchen, lebendige Prozesse zu imitieren?

Gleichzeitig verändert sich aber eben auch unser Modell vom Leben. Das Gehirn wird nur noch als ein extrem komplexes Netzwerk mit riesigen Datenströmen wahrgenommen. Das Verständnis der Pulsation und somit des Lebens scheint nicht notwendig.

So rauben wir uns unsere Vitalität.

Reich schrieb 1933[4]:

„Alle Vorstellungen nun, die der Mensch von sich entwickelt hat, lehnen sich durchweg an das Vorbild der Maschinen an, die er geschaffen hat. Der Maschinenbau und die Maschinenhandhabung haben den Menschen mit dem Glauben erfüllt, dass er sich selbst in die Maschinen hinein und durch sie hindurch fort – und ‚höher‘ – entwickle.“ (297)

„Der sogenannte Kulturmensch wurde tatsächlich eckig, maschinell, ohne Spontanität. […] Er lebt, liebt, hasst und denkt nur mehr maschinell.“ (303)


Quellen:

Das Bild des Maschinenmenschen aus Metropolis und das folgende Zitat stammt von der Seute: www.walter-schulze-mittendorff.com. „Das Gesicht des ,Maschinenmenschen‘ – entrückt und präsent in einem Moment – zeigt den Ausdruck eines zeitlosen Geistes.“

[1] Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1986
[2] Wilhelm Reich: Charakteranalyse. Frankfurt/M. 1981. S. 399f
[3] Nicolas Dabelstein & Antonin Svoboda: Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? TV-Dokumentation, A 2009, 95 min. Youtube
Download des Filmausschnitts
[4] Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1986

Die Naturwissenschaften konnten in den letzten Jahren insbesondere in der Hirnforschung große Erfolge vorweisen. Sie prägen immer stärker unser Bild vom menschlichen Zusammenleben.

Der Soziologentag 2006[1] („Die Natur der Gesellschaft“) stand ganz unter diesem Eindruck. Mit geschliffenen Argumenten in festgezurrten Grenzen setzte sich der Berufsstand gegen den Verlust der Deutungshoheit zur Wehr.

Lebendige Soziologie

Der Soziologe Thomas Lemke greift kurze Zeit später das Verhältnis zwischen Natur und Gesellschaft bzw. Natur- und Sozialwissenschaften noch einmal auf und fordert einen „Dritten Weg“.[2]

Er sieht zwei konträre Perspektiven:

  • Die naturalistischen Konzepte „favorisieren umweltdeterministische“ Modelle und sehen in den gesellschaftlichen Prozessen den direkten Ausdruck der natürlichen Grundlagen.
  • Die „soziozentrischen“ Modelle, die sich ausschließlich für die symbolische Dimension des Naturverhältnisses interessieren. Ihr Thema ist die Kommunikation und Vergesellschaftung – die materiell-stofflichen Aspekte treten in den Hintergrund.

Seiner Einschätzung  nach sind aber beide Wege nicht in der Lage die „Vermittlung von symbolischen und materiellen Dimensionen“ angemessen zu bearbeiten. In beiden „wird Natur letztlich auf eine passive Rolle reduziert“. „Im ersten Fall liegt sie gesellschaftlichem Handeln voraus und determiniert dieses; im zweiten ist sie Resultat und Projektionsfläche sozialer Praktiken ohne dass ihr selbst Substanz und innere Konsistenz zukäme.“

Der Dritte Weg

Lemke plädiert für ein „transdisziplinäres Feld“, in dem die Natur- und Sozialwissenschaften ihre Kompetenzen einbringen und in einen „kooperativen Dialog“ treten. So seien die „Interaktionen zwischen Gesellschaft und Natur“ zu bearbeiten.

Seine Argumente sind so einleuchtend, dass sich die Frage stellt, warum dieser Weg nicht einfach gegangen wird. Neben Gründen, die sich aus der Theorie, der Geschichte, den methodischen Zugängen, der Macht- und Deutungsansprüchen ableiten, möchte ich darauf hinweisen, dass so ein Prozess mit einer immensen Orientierungsunsicherheit einhergehen würde.

  • Natur- und Sozialwissenschaften haben sich in der Abgrenzung entwickelt. So ärgerlich die Auseinandersetzung mit den Anderen sein mag, so wichtig ist das Starren auf die Grenze für das Selbstverständnis.
  • Die Orientierung innerhalb der wissenschaftlichen Community ist von der Parallelität und vom Aushalten des Widerspruches beider Perspektiven geprägt. Der Wechsel vom ausschließlichen Managen der Differenzen hin zum Gestalten der Identität geht weit über bisherige Kooperationsformen hinaus.

Dem möglichen effektiveren Umgang mit zentralen Problemen steht die Ungewissheit der zu entwickelnden Orientierung gegenüber.

Lebendige Soziologie Käfer

Lebendige! Soziologie

Lemke zitiert Ulrich Beck, dass „Gesellschaft […] nicht mehr ohne Natur, Natur nicht mehr ohne Gesellschaft verstanden werden kann.“ Um dem gerecht zu werden, muss sich die Soziologie in eine schwierige Position begeben: Auf der einen Seite muss sie sich den Naturwissenschaften öffnen und gleichzeitig muss sie sich gegen deren Naturalismus wenden. Sie muss die Differenz weiterhin reflektieren und gleichzeitig Schritte auf dem gemeinsamen „Dritten Weg“ machen:

„Welche historischen und kulturellen Grenzen trennen beide Bereiche voneinander und wie lässt sich eine – darf man es sagen: lebendige? –Soziologie erfinden, die das Soziale nicht als Ausgangspunkt, sondern als Resultat einer Ko-Produktion von Gesellschaft und Natur bereift.“

Im Sinne von Wilhelm Reich kann gesagt werden, dass im Zuge der funktionellen Differenzierung zwischen Natur- und Sozialwissenschaften immer stärker ausgeblendet wurde, was differenziert wurde. Differenzierung als Trennung der Bereiche bei gleichzeitiger Abspaltung der zugrundeliegenden identischen Funktion.[3]

Aufgrund der Ausblendung leitet sich das Selbstverständnis aus der Differenz zum Gegenüber ab. Mehr Orientierungspunkte werden kaum gesehen.

Das Einblenden der zugrunde liegenden Funktion führt nicht zur Aufhebung der Differenzen, sondern zum vertieften Verständnis derselben. Gleichzeitig entsteht so ein Bezugspunkt, der erst den geforderten „kooperativen Dialog“ ermöglicht.

In seiner (leider nur) rhetorischen Frage „- darf man es sagen: lebendige? – Soziologie“ verweist Lemke auf eine mögliche zentrale Kategorie: das Leben. Wenn man z.B. das Gehirn aber eben auch das Soziale als Variation des Lebens versteht, ist es selbstverständlich, dass es Spezialisten für beide Bereiche gibt. Sie arbeiten teilweise mit unterschiedlichen Methoden und Modellen. Gleichzeitig beziehen sie sich aber gemeinsam auf die zugrunde liegende Funktion Leben und müssen dieser gerecht werden. Das Soziale ist keine abhängige Variable vom Leben, sondern variiert, wie die materiellen Aspekte auch, in spezifischer Weise diese zugrunde liegende Funktion.

Anstatt immer wieder aus der Defensive auf die Aktionen der Naturwissenschaften zu reagieren, könnten die Sozialwissenschaften einen Lebensbegriff entwickeln, der dies leisten kann. Dieser Begriff könnte dann offensiv an die Naturwissenschaften herangetragen werden.


[1] Die Natur der Gesellschaft. 33. Kongress der Deutscher Gesellschaft für Soziologie. 9.-13. Oktober 2006 in Kassel

[2] Thomas Lemke: Der Dritte Weg. Abschied vom anthropozentrischen Paradigma: Die Soziologie muss ein neues disziplinäres Selbstverständnis jenseits von Naturalismus und Konstruktivismus entwickeln. Frankfurter Rundschau. 5.12.2006

[3] Zur Bedeutung der gemeinsamen Grenzarbeit vgl.: Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Eine orgonomisch funktionalistische Arumentation.  Bremen 2003; Ingo Diedrich: Ausgrenzung mit Gewalt: Jugendliche Gewaltkriminelle in der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Mainstream. Eine Analyse autobiographischer Erzählungen. Saarbrücken 2008

www.dgs2006.de