Selbst-Optimierung

„Du willst deinen Weg finden? – Verlasse deinen Weg!“
(Cassianus)

Optimierung

Amöben sind Einzeller und gehören zu den kleinsten Lebewesen, die wir kennen.

Amöbe-OptimierungSie haben eine Grenze (H. Plessner) und sie pulsieren (W. Reich). Sie ernähren sich, pflanzen sich fort und reagieren auf die Umwelt. Es sind vollwertige Lebewesen.

Mehr Leben geht nicht!!!

Andere Lebewesen sind komplexer aufgebaut. Schon Insekten können z. B. oft fliegen. Aber sie leben dadurch nicht mehr. Sie variieren das Leben anders. Dies gilt natürlich auch für den Menschen. Er kann zwar nicht fliegen, hat aber z. B. die Selbstreflexion als eine andere Variation des Lebens ausgebildet. Er lebt dadurch nicht mehr, sondern nur anders.

Es ist sehr schön zu wissen, dass egal wie komplex ein Lebewesen ist, es einfach nur leben kann. Man muss kein Elefant sein, um zu leben. Ein Regenwurm lebt nicht weniger.

Es gibt günstige und ungünstige Bedingungen für das Leben. So wird eine Amöbe in einer entsprechenden Lösung immer starrer bis sie schließlich stirbt. Und eine lieblose Welt kann die Menschen verdorren lassen.

Aber mehr leben als leben geht nicht!!

Es könnte so einfach sein: Wir pulsieren einfach wie die Amöbe in all unseren Lebensbereichen und das wars.

Und doch gibt es da oft dieses Streben nach ‚mehr‘ – so als ob es ein ‚mehr‘ gäbe.

Entwicklungsmodelle sollen dies ‚mehr‘ und das Streben danach plausibel machen.

Optimierung – Mittelalter

Cassianus-OptimierungEin Beispiel: Vor über 1500 Jahren beschrieb der Abt Cassianus für die Mönche ein solches Modell. Er sah, dass die Mönche durch die Regungen des Leibes an der geistigen Vollkommenheit gehindert wurden. Das unwillkürliche Pulsieren war ihm ein Problem. In sechs Stufen des „Aufstiegs zur Keuchheit“ sollten die „Verwicklungen“ gelöst werden.[i] Die Aufgabe der Mönche bestand darin, „sich in einem Zustand steter Wachsamkeit gegenüber den einfachsten Regungen zu halten“.[ii] Am Ende der Entwicklung hört das Fleisch auf, gegen den Geist zu begehren und beide fangen an, „im vollsten Frieden beisammen zu sein“.[iii] Neben dieser Aufhebung der Dualität von Leib und Geist lockte auch der Zugang zum ewigen Leben nach dem Tode. Durch die Entwicklung zur Heiligkeit konnte das Leben so auf ewig verlängert werden.[iv]

Wenn man an ein Leben nach dem Tode glaubt, ist es sehr plausibel, eine Entwicklung anzustreben. Es ist auch plausibel, wenn man an Wiedergeburt glaubt und sich den Entwicklungsstatus anrechnen lassen kann.

Optimierung – modern

Aber auch hier und heute genügt sehr vielen Menschen das lebendige Pulsieren nicht. Sie streben nach mehr, höher und weiter. Und dies eben nicht nur im Beruf und Sport, sondern als ganze Person.

Wilber_OptimierungKen_Wilber_OptimierungEin sehr umfassendes Entwicklungsmodell hat Ken Wilber dazu erarbeitet.[v] Die hierarchischen Ebenen geben eine Orientierung über den eigenen Stand und den nächsten Schritt zur höheren Ebene. Wie bei Cassianus lockt auch hier am Ende der Frieden der Nondualität. Für diese Optimierung des Selbst werden in zahlreichen Publikationen die entsprechenden Methoden der Wachsamkeit beschrieben. Die Verbreitung des Ansatzes zeigt, dass die Logik funktioniert.

Gesehnte und geforderte Optimierung

Aber warum werden heute die Bewegungen des Lebens

  • als Veränderung gedeutet,
  • auf eine Skala eingeordnet und
  • in dieser Hierarchie nach oben gestrebt?

Der Soziologe Hartmut Rosa gibt eine Antwort: Die moderne Gesellschaft stabilisiert sich dadurch, dass sie „immer mehr Welt in Reichweite und unter Kontrolle zu bringen“ versucht.[vi] „Eine moderne Gesellschaft […] ist dadurch gekennzeichnet, dass sie sich immerzu steigern und dynamisieren muss, um sich zu erhalten.“[vii]

Dieser „Steigerungszwang“ bestimmt alle Lebensbereiche: Ob das die immer neuen Märkte sind, das immer genauere Wissen, die immer weiteren Urlaube oder die immer größeren Netzwerke. Das immer ‚mehr‘ hat hier eine Wurzel.
Optimierung-Steigerungszwang-SehnsuchtDas Smartphone als Gerät, mit dem man die ganze Welt in der Tasche hat, ist dafür ein gutes Symbol. Der immer stärker instrumentelle Umgang mit dieser Welt ist eine Konsequenz aus dem Zwang und fördert gleichzeitig die Sehnsucht nach dem Einssein mit dieser Welt. Die Optimierung des Menschen und seines Bewusstseins sind so nur konsequent.

Entwicklungsmodelle geben im Steigerungszwang nicht nur Orientierung, sondern werden selbst zur instrumentell nutzbaren Ware. Dies zeigt sich darin, dass Wilber sein Modell als „weltweit effektivstes Wachstums- und Entwicklungsprogramm“ anpreisen muss. Ausdrücklich effektiver als alle jahrtausendalte Meditationsmethoden.[ix]

Innere Sehnsucht (nach Nondualität) und äußerer Druck (nach Reichweitenerweiterung) gehen Hand in Hand und drängen uns auf die nächste Stufe.

Kritik an der Optimierung

Entwicklung ist der Weg, trotz steigender Komplexität den Status quo aufrecht zu erhalten. Das galt für die Klostergemeinschaft mit dem Blick auf den Sex und das gilt für die Moderne mit Blick auf die zerfallende Gesellschaft.

Wer die Gesellschaft und sich ändern will, muss Entwicklung hinterfragen.

Es ist leicht, Cassianus mit seiner Unterdrückung der Sexualität zu kritisieren. Aber viel wichtiger ist es, sich den heutigen Zwang zur Optimierung anzuschauen. Dies gilt nicht nur für die so genannten Auswüchse (gern wird auf Schönheits-OPs verwiesen), sondern für die selbstverständliche Orientierung an Entwicklungsmodellen.
Nur so können diese ihr tatsächliches Potenzial entfalten.

Die Amöbe – und nicht nur sie – macht das was Lebewesen tun: sie lebt. Dies ist eine gute Perspektive, diese Arbeit anzugehen.



Verweise
[i] Foucault fasst das Modell so zusammen: „Die sechs Grade des Aufstiegs zur Keuschheit sind sechs Stufen einer Anstrengung, welche die Verwicklung des Willens aufheben soll. Befreiung aus der Verwicklung in die Regungen des Leibes, das ist der erste Grad. Es folgt die Befreiung aus der Verwicklung in die Phantasien (nicht bei dem verweilen, was im Geiste ist). Sodann die Befreiung aus der Verwicklung in die Sinnlichkeit (die Regungen des Leibes nicht mehr spüren), aus der Verwicklung in die Anschauung (an die Objekte nicht mehr als mögliche Objekte des Begehrens denken) und schließlich aus der Verwicklung in dem Traum. […] Gegen sie richten sich der geistige Kampf und die mit ihm verbundene Anstrengung zur Loslösung und Befreiung aus der Verwicklung.“ (Foucault 1995, S. 32–33)
Noch genauer im Original: Johannes Cassianus. Zwölfte Unterredung, Kap 7 (http://www.unifr.ch/bkv/kapitel3062-6.htm)
[ii] Foucault 1995, S. 35
[iii] Johannes Cassianus, Unterredung 12/Kap. 11
[iv] Franz v. Assisi sagt sterbend zu seinem Gefolge: „Warum weint ihr, meine Brüder?“ Niemand antwortete. „Ist das Leben denn so süß, meine Brüder, oder euer Glaube an das ewige Leben so gering? Bruder Tod, der du draußen vor der Tür stehst, verzeih den Menschen. Weil sie deine erhabene Botschaft nicht verstehen, fürchten sie dich.“ So legt es zumindest N. Kazantzakis dem Heiligen in den Mund (Kazantzakis 1981, S. 349).
[v] Das Modell gilt als sehr erfolgreich und Wilber als einer der am meisten gelesenen amerikanischen Philosophen. Es ist ein Entwicklungsmodell für wörtlich „alles“ (Wilber 2017, S. 256) Die Grafik ist eine stark verkürzte Darstellung der Linie der Bewusstseinsentwicklung. Eine Einführung in das integrale Modell findet sich hier (http://integralesleben.org/il-home/il-integrales-leben/grundlagen-des-integralen/).
Zur Vorstellung der Selbsterhöhung durch „Autotranszendenz“ in der Moderne vgl. Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. S. 242ff
[vi] Rosa 2016, S. 314
[vii] Rosa 2016, S. 519
[ix] Wilber 2017, S. 11
Die Grafiken von der Amöbe und von Ken Wilber sind Wikipedia entnommen.
Im Artikel Lebendige Entwicklung?! wird ein Entwicklungsmodell dargestellt, in dem es um mehrere Richtungen geht.

Literatur

  • Foucault, Michel (1995): Der Kampf um die Keuchheit. In: Philippe Ariès und Andre Bejin (Hg.): Die Masken des Begehrens und die Metamorphosen der Sinnlichkeit. Zur Geschichte der Sexualität im Abendland. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl.  S. 25–39.
  • Johannes Cassianus: Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum). Hg. v. Gregor Emmenegger.
  • Habecker, Michael (2007): Ken Wilber – die integrale (R)evolution.  Frankfurt am Main: Info-3-Verl. (Schriftenreihe KonText, 10)
  • Kazantzakis, Nikos (1981): Mein Franz von Assisi. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl.
  • Rosa, Hartmut (2016): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp.
  • Wilber, Ken (2017): Integrale Meditation. Wachsen, erwachen und innerlich frei werden. Unter Mitarbeit von Jochen Lehner. München: O.W. Barth.

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20 Gedanken zu „Selbst-Optimierung

  1. annette

    Spannend………
    „Es könnte so einfach sein: Wir pulsieren einfach wie die Amöbe in all unseren Lebensbereichen und das wars“
    und würde die Amöbe denken :“heute möchte ich nur schön pulsieren….“ säße sie in dem selben Dilemma wie wir. Full Catastrophe Living.

    „Aber auch hier und heute genügt sehr vielen Menschen das lebendige Pulsieren nicht.“

    Das glaube ich nicht.
    Wir können das nicht.

    Ich lese Ken Wilber so, dass das Erlernen (einfach nur pulsieren, dein Wille geschehe….) im Entwicklungsmodell oben steht……. dann geht´s nicht nach oben, sondern wird rund…..

    Antworten
  2. Coneya

    Vielen Dank für den Text – hier ein paar Gedanken, die ich dazu teilen mag

    Ob der Wunsch nach Selbstoptimierung eine Entfremdung bewirkt – oder ob das Symptom der Entfremdung die ungünstigen (äußeren und inneren) Bedingungen widerspiegelt und der Wunsch nach Veränderung eigentlich die Suche nach günstigeren (inneren und äußeren) Bedingungen ist, kann man im Gedankenkonstrukt von Ursache und Wirkung – von Linearität (und damit Entwicklung) vermutlich unendlich diskutieren.
    Ein anderer „Weg“ wäre der Moduswechsel von „Haben“ in „Sein“ – dann bin ich der Weg – und pulsiere nicht nur, sondern fließe/bewege mich auch – und wenn ich kann, dahin, wo günstigere Bedingungen sind – und die sind unter Umständen verschieden – für die Individuen und die verschiedenen Zeitpunkte im Leben.
    Und wenn der Regenwurm in einer Pfütze keinen Ausweg findet, dann kann die Amöbe gerade wenig unterstützen – dann „freut“ er sich vielleicht über ein Menschenkind, das einfach aus Mitgefühl dem kleinen Wesen in günstigere Bedingungen zurück verhilft – da bildet sich dann die schlichte Hierarchie von Komplexität ab, ohne dass sich jemand eine Belohnung erhofft.

    Liebe Grüße
    Coneya

    Antworten
  3. annette

    Liebe Coneya,
    nett dich kennen zulernen……..
    spannender Kommentar……
    und wie kann der Moduswechsel von „Haben“ in „Sein“ gelingen ?

    annette

    Antworten
    1. Coneya

      Liebe Annette
      das finde ich auch schön…..

      Ich finde beide „Perspektiven“ wichtig – die des Verstandes, der Polarität, der Bewertung und die des „Seins“.
      Mit 8 Jahren habe ich mal ein Vogelbaby gefunden, das auf dem Boden lag. Ich habe es dann mit Erbsensuppe gefüttert. Mein Mitgefühl und die gute Absicht waren durchaus vorhanden – nur mein Wissen darüber, wie das dann auch gelingt eben nicht. Zwischenmenschlich oder mit mir selbst wähle ich auch manchmal Möglichkeiten, die zwar gut gemeint, aber nicht wirklich hilfreich sind. In den Bereichen finde ich für mich das Aneignen von Kompetenz sehr erleichternd. Im „spirituellen“ Kontext habe ich mich auch selbst schon erwischt, dass ein Geschmack von Angst oder die Hoffnung auf Erlösung dabei war… also ein Stück Weltflucht, die für mich auch nicht so hilfreich ist. Und alles kann man übertreiben oder ignorieren.
      Ich mag das Modell von Wilber als Strukturangebot – ich kann mich daran sortieren, reiben, klären – versuchen das oder den einen oder anderen besser zu verstehen.
      Und die Frage, wie eine entsprechende Erfahrung gelingen kann – da gibt es ja ein breites Angebot an spirituellen oder philosophischen…Ratgebern – aber ich kenne niemanden, der ein Rezept kennt.

      Liebe Grüße

      Coneya

      Antworten
      1. Volker

        Hallo Annette und Coneya,
        Der verstand ist wichtig, doch nur ein Instrument. Die Welt leidet glaube ich wirklich darunter, dass Menschen dazu tendieren, sich zu stark mit dem Denken zu identifizieren. Wenn Mensch dann nicht mehr Chef im eigenen Laden ist, wird es anstrengend. Das Fließen finde ich herrlich und es macht Spaß sich, im Sinne von Kant, seines Verstandes zu bedienen. Es ist gut Zusammenhänge zu erfahren und zu erkennen. Reines Mitgefühl ohne die rechte Tat ist irgendwie leer. Selber denken und nach Herzenslust handeln — das wäre doch auch ein gutes Motto, oder ???

        Antworten
  4. Volker

    Entwicklung ist eine Frage der Perspektive. Selbst Optimierung ist eine Wahl, die Wesen mit Bewusstsein treffen können. Wesentlich: Von welchen Voraussetzungen gehe ich dabei aus?
    Wenn ich a) im Wissen handele, dass schon alles da ist, dann ist das Leben Fülle.
    Wenn ich b) so handele, weil ich glaube, dass etwas fehlt dann ist das Leben Mangel.
    Neale D. Walsh hats ungefähr so ausgedrückt:
    Meister treffen stets die gleiche Wahl, unabhängig von den Bedingungen.

    In unserer Welt der Relativität brauchen wir die dualen Parameter; um uns stets an die erste Wahl zu Erinnern.

    E. Tolle hat wie du festgestellt: Leben ist primär. Das Denken ist in der Dualität verstrickt. Bewusstheit ist der Weg zur Freiheit.

    Antworten
    1. Ingo Diedrich Artikelautor

      Hallo Volker,
      Dein Kommentar hat mich sehr gefreut, Danke!
      Die Unterscheidung zwischen a) und b) finde ich sehr gut. Ja, wir haben auch in dem Modell die Wahl.
      Die Modelle sind wie Wilber sagt Landkarten. In meiner Kritik bilden die Entwicklungsmodelle primär innere Sehnsucht und äußeren Druck als Landschaft ab. Und innerhalb von dem können wir dann nach a) und b) entscheiden. Ist es nicht sinnvoller, sich mit anderen Modellen zu orientieren bzw. nicht immer auf meine Sehnsüchte und Zwänge zu starren?
      Ich habe den Verdacht, dass ich mit dieser Frage aber an deine Erläuterungen vorbeifrage, bin mir aber nicht sicher.
      Viele Grüße
      Ingo

      Antworten
      1. Volker

        Hallo Ingo, gerne…
        Mir geht es nicht so sehr um Kritik oder ein vollständiges Verständnis.
        Und: Deine Frage geht keineswegs an meinen Erläuterungen vorbei.
        Mich hat mal lange Zeit das autopoetische Gedicht in der Literaturtheorie gefesselt. Da geht es darum, was gute Dichtung ist. Man könnte auch fragen, wie es Lyrik schafft, die Lebendigkeit so zu gestalten, zu fassen dass das Leben sichtbar wird. Im autopoetischen Gedicht kann der Leser anhand des Gedichtes erkennen, warum es geht.
        Das Problem, was wir als Menschen haben ist, dass es keine vom Beobachter unabhängige Beobachtung geben kann, ganz im Sinne der systemischen Traditionen. Insofern sind Selbstotptimierung, Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung nichts, was wir letztlich begreifen können. Wir können das leben, was im Moment richtig ist, weil wir es fühlen und uns entscheiden. Damit sind wir die Instanz, die „macht“, was immer das ist: Wachstum, Rückzug, Kampf, Aufgabe, ….

        Es gibt in Wirklichkeit nicht zu zun. Das ist hart zu begreifen, bedeutet aber auch einen immensen Zuwachs an Freiheit, wenn wir uns vollständig hinter das stellen, was wir zu erfahren gedenken….

        Herzliche Grüße
        Volker

        Antworten
  5. annette

    „Es gibt in Wirklichkeit nicht zu tun.“
    Ja.

    Sich danach auszurichten ist mit Kindern, Haushalt, Beruf und und und nicht die einfachste Übung.
    Ingo hat im Februar einen Vortrag gehalten „Bewußtsein zwischen Leib und Körper“. Das war spannend…
    Ich hätte Lust auf Teil 2: „Bewußtsein zwischen Leib und Körper“ von der Theorie in die Praxis…… Coneya hat sicher Recht, es gibt kein Rezept….. Mehr Erfahrungsaustausch wünsche ich mir, drum freue ich mich über deinen Blog lieber Ingo….

    Antworten
  6. Volker

    Mit dem „es gibt in Wirklichkeit nichts zu tun“ meine ich, dass es keinen äußeren Grund gibt, für das was wir tun. Wir geben den Dingen, Handlungen und Geschehnissen die Bedeutung.

    „Es gibt nichts zu tun“ bedeutet nicht untätig zu sein, es bedeutet die Möglichkeit dem, was wir tun, von ganzem Herzen unsere volle Aufmerksamkeit zu widmen. Aus freier Entscheidung. keine Verpflichtung. Keine Regel.

    Antworten
  7. annette

    Ja.
    und sich danach auszurichten ist nicht einfach…..

    ich nehme wahr, dass immer mehr Menschen versuchen ihr Leben danach auszurichten….oder da auf der Suche sind…… das freut mich und da in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen das finde ich spannend….

    Antworten
  8. Michael Habecker

    Michael Habecker hat mir per Mail wertvolle Anmerkungen zum Artikel geschickt, die ich hier zitieren darf.
    Vielen Dank, Ingo Diedrich

    Anmerkungen von Michael Habecker:
    „Was Sie in Ihrem Beitrag ansprechen ist etwas, was Wilber den Grundwert aller Lebewesen nennt – sie alle sind gleichermaßen Manifestationen des Göttlichen – „mehr Leben geht nicht“. Und doch hat die Evolution nicht bei den Amöben aufgehört …

    Das Problem, wenn man bei einem „alles Leben ist gleichermaßen göttlich“ stehenbleibt ist eine Art von (horizontalem) Egalitarismus, der in der Konsequenz dazu führt dass man nicht Organisches mehr essen dürfte, (eine Mohrrübe – mehr Leben geht nicht – ist einem Menschen gleichwertig) und es auch keinerlei Handlungsbedarf mehr gibt – alles was ist, ist gleichermaßen göttlich. Da das kein Mensch tut ist es ehrlicher, die (vertikalen) Wertungen, die man sowieso hat und die in allem was man denkt, sagt und tut zum Ausdruck kommen, auf den Tisch zu legen, und die wissenschaftliche Sichtweise darauf ist die der Entwicklungspsychologie.

    Ken Wilber ist übrigens nicht der Auffassung, dass „am Ende“ einer Entwicklungsstufenskala „der Frieden der Nondualität“ liegt, sondern dass auf jeder Entwicklungsstufe das „Aufwachen“ möglich ist. Es gibt keinen Druck, jede Stufe ist auch eine „Haltestation“ (Wilber).

    Das „Einordnen“ auf einer Skala erfolgt durch Methodiken die die Entwicklungsspychologie, die kulturelle Genealogie oder auch die evolutionäre Systemtheorie (und entsteht damit keineswegs nur aus einem Kontrollzwang, sondern aus wissenschaftlichen Untersuchungen.)

    Was das „Anpreisen“ betrifft: es ist ein Angebot (welches Meditation beinhaltet).“

    Antworten
  9. Andreas Ibrom

    Lieber Ingo,

    vielen Dank, dein Text hat interessante und wichtige Gedanken ausgelöst. Schön auch, über die Meinungen von den vielen Bekannten und anderer zu lesen.

    Die Materie ist kompliziert und in wenigen Worten nicht zu ergründen. Mit etwas Abstand vom ersten Lesen betrachtet, bleibt bei mir der Eindruck, dass die Selbstoptimierung als theoretisches Konzept in deinem Text ein wenig zu schlecht und das Lebensmodell der Amöbe für uns, bei allem Respekt, ein wenig zu gut wegkommen.

    Viele Grüsse,
    Andreas

    Antworten
  10. Ingo Diedrich Artikelautor

    Lieber Andreas,
    freut mich sehr, was von dir zu lesen und schön, dass der Artikel etwas anregend war.
    Ich glaube, dass das „Lebensmodell der Amöbe“ – die unwillkürliche und selbstregulierte Pulsation das zenrale Modell unseres Lebens überhaupt ist.
    Mich würde interessieren, an welchem Maßstab gemessen die „Selbstoptimierung als theoretisches Konzept“ höher bewertet werden sollte.
    herzliche Grüße
    Ingo

    Antworten
  11. Andreas Ibrom

    Lieber Ingo

    Mein Maßstab ist subjektiv, eine Wertvorstellung, die wahrscheinlich vom selben Zeitgeist geprägt ist, den du kritisierst. Also ein bisschen langweilig und manchmal etwas provozierend.
    Ich sehe es so:

    In harmonischer Einheit von Körper, Leib und Geist zu leben wie eine Amöbe oder ein Elefant, ist als Erfahrung vielleicht mal ganz spannend, aber auf lange Sicht für mich und wie ich hier mal annehme, generell für Menschen, nicht ausreichend. Denn, wenn ich das richtig sehe, hieße das ja, bei der Ausrichtung seines Lebens ganz auf seinen Verstand zu verzichten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du das meinst, aber das lese ich aus deinem Text. Oder sind für dich Leben und Denken verschiedene Dinge?

    Ich sehe den Verstand nicht nur als ein unterhaltsames Mittel, unser ansonsten unterfordertes Gehirn zu unterhalten, sondern ein urmenschliches, ja fast schon (virtuelles) Organ, dessen Leistungen die Menschheitsentwicklung weit über das evolutive Maß beschleunigt hat.

    Entwicklung bedeutet Neudefinition. Die Geschichte zeigt, wir Menschen sind auf einen kulturellen Weg durch die Zeit. Unser Lebensmodell entwickelt sich mit, weg von unserer ursprünglichen Natur hin zu einer neuen Natur. Es dauert wohl ein wenig, sich diese neuen Natur zu eigen zu machen und sich darin zu beheimaten. Wachstumsschmerzen? Geburtsschmerzen? Oder Signale aus der Tiefe, dass wir uns auf einem Holzweg befinden? Beides? Oder sind wir eigentlich Wanderer? Na ja, all das tun Amöben und Elefanten eben nicht. Es ist nicht Teil ihres Lebensmodells.

    Zentral für deine Botschaft ist der Begriff des Pulsierens, der auch von anderen aufgegriffen wird. Was heißt pulsieren im Fall einer Amöbe, bei einem Elefanten und beim Menschen? Ist das alles dasselbe? Oder ist da ein zentraler Punkt, den das Lebensmodell der Amöbe beschreibt, den wir in unserer verstandesdurchdrungenen Lebensweise zu verlieren drohen? Wenn es das ist, bitte werde da etwas deutlicher, um was es sich dabei handelt.

    Ist es vielleicht das statische, das du damit ansprechen willst? So wäre ich nicht damit einverstanden, dies als Lebensmodell für den Menschen anzunehmen. Coneya schlägt „fließen“ vor, was ich ein sehr schönes Bild finde. Ein junger Mensch würde vielleicht strömen oder stürmen angemessen finden. Je nach Temperament und Lebensstufe. Alles passend. Ich sehe nicht, was das Lebensmodell der Amöbe hier anbieten kann.

    Ich meine, dass in deinem Text der Begriff Selbstoptimierung zu schlecht wegkommt. Im Prinzip ist doch nichts Schlechtes daran, an sich zu arbeiten, wenn man meint, dass es da etwas gibt, an dessen Veränderung es sich zu arbeiten lohnt. Du hast aber recht, dass es in der Gesellschaft auch eine ungesunde Tendenz zur Intensivierung gibt, die auch etwas mit Selbstoptimierung zu tun hat. Die allgemeine Bereitschaft zur Selbstoptimierung führt dazu, dass sich das Hamsterrad immer mehr beschleunigt und uns wohl erst die Grenzen des Erdsystems wieder, unsanft, auf den Teppich bringen werden. Das, was dem modernen Lebensmodell fehlen mag, ist die Bremse oder in anderen Worten die Weisheit, die Ursachen der Überforderung, z.B. eine rücksichtslose Gier und Ansprüche, die Optimierung zum Zwang werden lassen, zu erkennen und sich und anderen zu helfen, sich von diesen Bedrohungen des eigenen Glücks zu emanzipieren. Aber das ist leichter gesagt als getan.

    In dem Fall würde sich übrigens das Lebensmodell des in einem Käfig eingesperrten Hamsters anbieten. Der geht gerne mal ins Rad, was es ja in seiner natürlichen Umgebung ja gar nicht gibt, findet aber immer den Absprung bevor er sich zu Tode hetzt. Allerdings hat der auch den Vorteil, oder wie man’s nimmt, von dem, der ihn in den Käfig steckt, immer mit dem nötigsten versorgt zu werden. Ich frage mich, ob es ihm nicht manchmal langweilig wird?

    Also vielleicht doch ein ganz anderes Modell?

    Entschuldige für den langen Text, aber du wusstest ja sicher …

    Viele Grüße,
    Andreas

    Antworten
  12. Ingo Diedrich Artikelautor

    Lieber Andreas,
    vielen Dank für deinen langen Kommentar. Ich war vorhin in der Sonne spazieren und habe viel drüber nachgedacht. Ich schreibe ein paar Absätze, die nicht wie explizite Antowrten aussehen, sich aber auf deinen Text beziehen. herzliche Grüße, Ingo

    Als Darwin von Evolution geschrieben hatte, gab das viel Wirbel. Aber nicht weil er von Evolution geschrieben hatte, sondern weil es im Widerspruch zur herrschenden Sicht von der fertigen Schöpfung stand. Und dies führte zu tiefen Änderungen.
    Heute gilt der Zwang, ständig etwas zu ändern, etwas „Neues“ zu machen, sich immer wieder zu erfinden usw. Stillstand ist Rückschritt. Dies gilt nicht nur in der Wirtschaft sondern eben längst auch für die Persönlichkeit.
    Wer sich heute an ein Entwicklungsmodell orientiert, bestätigt den herrschenden Maßstab und ändert nichts.
    Dies ist meine versteckte These im Artikel.

    Für mich ist denken Leben. Aber soll es das auch sein? Thomas Hobbes ruft am Anfang der Moderne dazu auf, den Menschen anders zu denken als die Natur, ihn zu ver-ändern, ihn als „künstlichen Menschen“ zu denken und so „glücklich“ zu machen. Im Denken wird so der Mensch aus der Natur herausgenommen und gewinnt Kontrolle über sie. Diese Art von Denken macht es schwer, Vernunft und Pulsation (Amöbe) zusammen zu bringen.
    Für mich ist Vernunft Leben (totes Denken machen Computer) und fließt mit der Natur. Wie Hobbes und unsere Gesellschaft zeigen, kann man sich dagegen sträuben. Ich suche Wege, die dies nicht tun. Harmonisch müssen die deshalb aber nicht sein.

    Der Begriff Optimierung ist mir nicht so wichtig. Ich denke, dass Bäume & Co wachsen: eine Ausdrucksbewegung zur Welt hin. Blüten entfalten sich und zeigen in der Weitung etwas, was da ist. Optimieren denkt vom Ziel/Ideal her und vertraut nicht auf den Ausdruck, sondern versucht zum Ziel zu ziehen. Entwicklung denkt auch eher vom Ziel her, stellt aber die Richtung in den Vordergrund.

    Ich denke, dass eine Bremse als Gegenpol zur Optimierung nicht gut ist. Dann stehen wir doch nur mit dem einen Fuß auf dem Gas und mit dem anderen auf der Bremse. Das ist kein fließen, sondern ein anstrengendes blockieren. Ich denke, wir sollten lieber neben unsern ganzen gestalten, Welt retten und kultivieren, andere Perspektiven zulassen: loslassen, Unwillkürlichkeit, Vertrauen in die Natur … oder wie Rosa sagt: sich berühren lassen, Resonanz

    Ein Schritt in diese Richtung wäre es, die Bewegung des Lebens nicht nur auf einer Linie als Veränderungsprozess, Optimierung oder Entwicklung zu interpretieren, sondern eben auch als Pulsation, als alternierende Bewegung zum Kern und zur Welt. Und dies eben nicht nur beim Somatischen (Amöbe), beim Psychischen (Tiere), sondern auch beim Vernünftigen (Menschen).
    Das NEIN zur eigenen Naturhaftigkeit, zum Tiersein kann man in einem kultivierten Text ausdrücken. Dies hat z.B. Hobbes mit dem „Leviathan“ getan. Dieses NEIN ist aber auch in der Psyche erlebbar: eine Ambivalenz mit viel Angst. Und schon bei Säuglingen hat W. Reich dies NEIN an der Körperhaltung beschrieben.
    Auf allen Ebenen geht es um eine gegen die Expansion gerichtete Kontraktion, eine Zurück-haltung, eben ein Umgang mit der Pulsation, der uns moderne Menschen sehr normal erscheint.

    Antworten
  13. Lydia Sophia Wilmsen

    Der folgende Text wurde aus Facebook hierher kopiert.

    Also ein Einstieg für mich als Entwicklungsverfechterin ist: es gab/gibt eine Entwicklung auf der Welt, ganz unabhängig davon ob wir das wollen oder gut finden. Immerhin tappsen ja nicht mehr nur Amöben hier rum…
    Aus irgendeinem Grund fängt der Mensch an sich weiterzuentwicklen, von eher affenartigem Verhalten, zu immer komplexeren Denkstrukturen, bestimmten Gehirnarealen, die sich entwickeln, etc.
    Das, was auf der Welt ist, lässt sich nicht mehr „entdenken“. Die Atombombe kann nicht mehr „deerfunden“ werden, es heißt also von dem Punkt aus weiterzugucken. Wir können nicht mehr ins Amöbenstadium zurück, ob wir wollen oder nicht. (Obwohl Alzheimer und ähnliche Erkrankungen sind eine Möglichkeit).
    Ich sehe Entwicklung als Spirale, die durchaus pulsieren, mal scheinbar rückwärtsschwingen kann – wie Planeten in retrograde, im Kreis drehen kann. Wenn es kreisförmig wär, dann käme ja eben nichts Neues hinzu.
    Jetzt zur Selbst-Optimierung. Deine Kritik verstehe ich – und teile sie in „Teilen“. Grundsätzlich ist es mir egal, was andere machen, ob die sich zerschnipseln lassen etc. Mit denen habe ich aber auch nicht so viel zu tun. Ich konzentrier und fokussiere all meine Energie auf die Menschen, die mir zutiefst am Herzen liegen. Und da ist nicht so viel Optimierungs-Wahn.
    Optimierung ist für mich nach außen gerichtet. Besser werden für andere.
    Entwicklung ist für mich etwas Innerliches und entsteht aus dem Wunsch der Seele heraus (mal ein bisserl spiritueller).
    Das Mehr wollen, dass du vielleicht ein bisserl abfälliger betrachtest 😉 ist für mich Potenzial, mein Potenzial in die Welt bringen, mehr Menschen erreichen, meine Freude teilen und andere unterstützen, diese Level auch zu erreichen. Klar, ich kann auch Tag ein Tag aus vor meinem Reisfeld sitzen und Erfüllung finden – soviel zu deiner Frage wie es in Bali ist. Für mich ist es das nicht (sonst würde ich es ja tun). Für mich ist es die Weiterentwicklung und damit Seiten an mir immer mehr ins Leben zu holen, die vorher verdeckt waren. Und damit zu reifen. Auf MEINE Art und Weise.
    Ich glaube, das ist der einzige Unterschied, dass wir als Menschen unterschiedliche Fähigkeiten, Bedürfnisse und Wünsche haben. Und das recht haben, die auszuleben.

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