Perspektive Jugendgewalt

Gewalt ist gerade in einer Gesellschaft mit einem gewaltfreien Selbstverständnis immer auch eine Frage der Ausgrenzung.

Fast alle Ansätze der Bearbeitung der Gewalt ziehen daraus denselben Schluss: Das gewalttätige Verhalten soll ausgegrenzt werden und insbesondere der jugendliche Täter soll wieder integriert werden.

Gewaltperspektive Jugendgewalt

Um dies effektiv umsetzen zu können, bedarf es zu allererst eines genauen Wissens über die Gewalttäter. Wie sieht deren Welt aus, wo sind die Türen, um Kontakt mit ihnen zu knüpfen und sie wieder zu integrieren? Welche Zugangsmöglichkeiten zu diesen Personen sind gegeben?

Was nutzen noch so ausgeklügelte pädagogische Maßnahmen, wenn sie einfach an den Strukturen der Täter abprallen?

Perspektiven auf die Jugendgewalt

Die ‚Hallenser Biographiestudie zur Jugendgewalt’ [1] stellt die soziale Welt gewaltkrimineller Jugendlichen ins Zentrum. Auf der Basis von über 50 autobiographischen narrativen Interviews können vier Typen der ‚Ausgrenzungsbearbeitung’ kontrastiert werden. Dies Wissen erlaubt einen guten Zugang zu diesen ausgegrenzten Personen. Die Bedeutungen, die die Jugendlichen diesen Erfahrungen zuschreiben werden verstehbar. Auch die Gewalt bekommt hier ihren Platz.

Das von den Jugendlichen erhaltene Wissen über deren Welt kann somit die Grundlage für ein Arbeiten mit diesen Jugendlichen sein.

So selbstverständlich diese Herangehensweise aussieht, so selten ist sie.

Populäre Ansätze wie z.B. der Desintegrationsansatz von Heitmeyer oder die so genannte ‚Konfrontative Pädagogik’ (z.B. von Büchner) gehen den umgekehrten Weg. Grundlage ihrer Arbeit ist nicht das Wissen über die Welt der Täter, sondern ihr Bild von dem, was sie für den Mainstream der Gesellschaft halten.

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Podcast Gewaltperspektive

Diese Normalität ist der Maßstab von dem die defizitäre Welt der Jugendlichen abgeleitet wird. Da Gewalttäter per Definition außerhalb der Normalität stehen, können sie als Negation dessen charakterisiert werden, was innerhalb gilt. Vereinfacht ausgedrückt: Eine Gesellschaft stellt bestimmte Anforderungen an die Mitglieder. Da Gewalttäter auf Gewalt zur Bewältigung ihres Lebens zurückgreifen, zeigen sie, dass sie den Anforderungen der Gesellschaft nicht gewachsen sind. [2]

Die Erklärungsansätze begnügen sich damit, die Defizite der Jugendlichen zu beschreiben und damit zu erklären, warum sie auf das naturnahe Mittel der Gewalt zurückgreifen müssen. Nicht der Zugang zu den Jugendlichen, sondern die Erklärung der defizitären Abweichung von der vermeintlichen Normalität steht im Zentrum.

Nicht das Wissen über die Jugendlichen wächst so, sondern die Vorstellungen von dem, was als abweichend gilt. Diese Perspektive bietet kaum Möglichkeiten, ausgegrenzte Jugendliche wieder zu integrieren.

Auf der Basis der vier Typen der Ausgrenzungsbearbeitung kann ich sagen, dass zumindest drei Typen sich in ihrer Weltsicht durch so eine Herangehensweise nicht irritieren lassen. Ihre Orientierung und somit ihre Handlungen bleiben im Wesentlichen unverändert. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass Maßnahmen aus dieser Perspektive zu einer Stabilisierung vorhandener Orientierungen führen.

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1. vgl. Gewalttätige Ausgegrenzte; Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Eine orgonomisch funktionalistische Arumentation.

2.vgl. das Konzept der Autotranszendenz

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