Beiträge

Gewalt ist per Definition Grenzüberschreitung und somit ein ideales Thema der sozialen Grenzarbeit.

Grenzarbeit der Gewalttäter

In einem Interview erzählte mir ein rechtsextremer und gewaltkrimineller Jugendlicher ausführlich über seine gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den „Autonomen“, „Linken“ und „Punks“. Er verachtet diese Gruppen und die Kämpfe machen ihm deutlich, dass er zu den Richtigen gehört.

linke und rechte Gewalt

Im selben Interview berichtet er aber auch davon, dass der „Staat uns fertigmachen will“. Mit „uns“ meint er nicht nur die Rechten, sondern die „Jugendbanden“, zu denen er eben auch die Autonomen, Linken und Punks zählt.  Anhand eines als gewalttätig empfundenen Verhaltens des Staates konstruiert er ein neues ‚wir‘.[1]

Rechte Gewalt und die entsprechende Grenzarbeit hat somit eine vielfältige Bedeutung. Im „Kampf“ gegen die Anderen  auf gleicher Ebene stärkt sie die eigene Gruppenidentität und wird positiv erlebt. Als ‚unfairen‘ Übergriff des übermächtigen Staates wird sie erlitten bzw. gibt der Verortung am Rande der Gesellschaft einen defensiven, aber heroischen Status.

Rechte Gewalt und der Mainstream

Jedes Jahr werden vom Innenministerium Straftaten gezählt und publiziert. Die Zahlen sollen deutlich machen, wie viele Handlungen jenseits der rechtlichen Grenze geahndet wurden. Die Grenze und die Bedrohung derselben wird so periodisch thematisiert und intensiv diskutiert.

Dies gilt insbesondere für die festgestellten politisch motivierten Gewaltstraftaten. In der TAZ gab es gleich mehrere Artikel und zahlreiche Leserbriefe. Als brisant wurde dieses Jahr empfunden, dass die links motivierten Gewaltstraftaten 2009 stark angestiegen waren.

Provozierend titelte die TAZ: Linke schlagen Rechte.[2] TAZ-LeserInnen distanzieren sich meist von Gewalt, identifizieren sich aber gleichzeitig häufig mit linken Positionen. Wie bei dem genannten Jugendlichen wird daher ein zweiter Limes konstruiert. Es reicht nicht mehr aus, pauschal die Gewalt auszugrenzen, sondern es werden die Unterschiede zwischen der rechten und der linken Gewalt hervorgehoben. Die linke Gewalt richtet sich z.B. oft gegen die Polizei und gegen Autos und führt nicht zum Tode.

Die Grenzarbeit wird somit etwas uneindeutig: ist die linke Gewalt gar keine richtige Gewalt von der man sich abgrenzen muss?[3]

Einigkeit besteht allerdings in der Ausgrenzung rechtsmotivierter Gewalt und der Warnung vor den hohen Zahlen dieser Straftaten. In dieser Form der Grenzarbeit treffen sich linke TAZler, konservative Politiker, liberale Wissenschaftler und der brave Bürger und definieren somit den gesellschaftlichen Mainstream anhand der Kategorie Gewalt.

Sie sind sich einig in der Richtigkeit und Wichtigkeit dieser Grenze. Spannend ist, dass sie sich auch mit den ausgegrenzten rechten Gewaltkriminellen in dieser Grenzziehung einig sind. Beide Seiten arbeiten in diesem gemeinsamen Projekt aus antagonistischen Perspektiven eng zusammen und sind in der jeweiligen Definition ihrer Welten aufeinander angewiesen.

Was würde eigentlich passieren, wenn die Zahl der rechten Gewalttaten tatsächlich sinken würde – der Grenzarbeit quasi die Energie entzogen würde?

Würde das zu einer Erleichterung oder eher zu einer Verunsicherung führen? Würde das nicht bedeuten, dass die rechten Personen nicht mehr jenseits der Grenze, sondern bei uns in der Normalität  verortet werden müssen?


[1] Vgl. die ‚Hallenser Biographiestudie zu Jugendgewalt‘: Gewalttätige Ausgegrenzte; Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Bremen 2003; Ingo Diedrich: Ausgrenzung mit Gewalt. Saarbrücken 2008

[2] Z.B.: Linke schlagen Rechte (TAZ 24.3.2010); Linke als Zielgruppe wiederentdeckt (TAZ 31.3.2010); Regierung verschiebt Geld nach links (TAZ 24.3.2010)

[3] dies gilt übrigens in umgekehrter Weise auch für die Interpretationen der Zahlen in den rechten Blogs.

Gewalt ist gerade in einer Gesellschaft mit einem gewaltfreien Selbstverständnis immer auch eine Frage der Ausgrenzung.

Fast alle Ansätze der Bearbeitung der Gewalt ziehen daraus denselben Schluss: Das gewalttätige Verhalten soll ausgegrenzt werden und insbesondere der jugendliche Täter soll wieder integriert werden.

Gewaltperspektive Jugendgewalt

Um dies effektiv umsetzen zu können, bedarf es zu allererst eines genauen Wissens über die Gewalttäter. Wie sieht deren Welt aus, wo sind die Türen, um Kontakt mit ihnen zu knüpfen und sie wieder zu integrieren? Welche Zugangsmöglichkeiten zu diesen Personen sind gegeben?

Was nutzen noch so ausgeklügelte pädagogische Maßnahmen, wenn sie einfach an den Strukturen der Täter abprallen?

Perspektiven auf die Jugendgewalt

Die ‚Hallenser Biographiestudie zur Jugendgewalt’ [1] stellt die soziale Welt gewaltkrimineller Jugendlichen ins Zentrum. Auf der Basis von über 50 autobiographischen narrativen Interviews können vier Typen der ‚Ausgrenzungsbearbeitung’ kontrastiert werden. Dies Wissen erlaubt einen guten Zugang zu diesen ausgegrenzten Personen. Die Bedeutungen, die die Jugendlichen diesen Erfahrungen zuschreiben werden verstehbar. Auch die Gewalt bekommt hier ihren Platz.

Das von den Jugendlichen erhaltene Wissen über deren Welt kann somit die Grundlage für ein Arbeiten mit diesen Jugendlichen sein.

So selbstverständlich diese Herangehensweise aussieht, so selten ist sie.

Populäre Ansätze wie z.B. der Desintegrationsansatz von Heitmeyer oder die so genannte ‚Konfrontative Pädagogik’ (z.B. von Büchner) gehen den umgekehrten Weg. Grundlage ihrer Arbeit ist nicht das Wissen über die Welt der Täter, sondern ihr Bild von dem, was sie für den Mainstream der Gesellschaft halten.

[podcast]https://ingo-diedrich.de/wp-content/uploads/2005/01/ID-Podcast-Gewaltperspektive.mp3[/podcast]
ID Podcast

Podcast Gewaltperspektive

Diese Normalität ist der Maßstab von dem die defizitäre Welt der Jugendlichen abgeleitet wird. Da Gewalttäter per Definition außerhalb der Normalität stehen, können sie als Negation dessen charakterisiert werden, was innerhalb gilt. Vereinfacht ausgedrückt: Eine Gesellschaft stellt bestimmte Anforderungen an die Mitglieder. Da Gewalttäter auf Gewalt zur Bewältigung ihres Lebens zurückgreifen, zeigen sie, dass sie den Anforderungen der Gesellschaft nicht gewachsen sind. [2]

Die Erklärungsansätze begnügen sich damit, die Defizite der Jugendlichen zu beschreiben und damit zu erklären, warum sie auf das naturnahe Mittel der Gewalt zurückgreifen müssen. Nicht der Zugang zu den Jugendlichen, sondern die Erklärung der defizitären Abweichung von der vermeintlichen Normalität steht im Zentrum.

Nicht das Wissen über die Jugendlichen wächst so, sondern die Vorstellungen von dem, was als abweichend gilt. Diese Perspektive bietet kaum Möglichkeiten, ausgegrenzte Jugendliche wieder zu integrieren.

Auf der Basis der vier Typen der Ausgrenzungsbearbeitung kann ich sagen, dass zumindest drei Typen sich in ihrer Weltsicht durch so eine Herangehensweise nicht irritieren lassen. Ihre Orientierung und somit ihre Handlungen bleiben im Wesentlichen unverändert. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass Maßnahmen aus dieser Perspektive zu einer Stabilisierung vorhandener Orientierungen führen.

————-

1. vgl. Gewalttätige Ausgegrenzte; Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Eine orgonomisch funktionalistische Arumentation.

2.vgl. das Konzept der Autotranszendenz