Konfrontative Pädagogik

Am 26. April 2005 fand in der Friedrich Ebert Stiftung eine Tagung zum Thema ‚Konfrontative Pädagogik’ statt. Der Andrang war riesig.
Wie erklärt sich dies große Interesse?
An der Effizienz der konkreten Methoden kann es nicht liegen: sie wird bestenfalls angenommen, belegt ist sie nicht.

Konfrontative Pädagogik darf hart sein.

Konfrontative Pädagogik
Viel wichtiger ist vielmehr die Botschaft, die sich an die Pädagogen richtet und sich durch die gesamte Tagung zog: Du darfst hart sein!
Die ewigen Versuche auf die „schwierigen“ Jugendlichen einzugehen, scheinen versagt zu haben. Insbesondere die LehrerInnen sehen sich schon längst an ihren Grenzen angelangt.
Und da kommen Prof. Jens Weidner & Co und sagen: es ist effizient und korrekt Grenzen zu zeigen, sie mit ihren Untaten zu konfrontieren und zu „schimpfen“.
Nach einer mitreißenden Rede von Weidner brachte ein männliches Mitglied des Podiums die Stimmung auf den Punkt: die Botschaft der konfrontativen Pädagogik sei „erlösend“! Man könne „endlich wieder“ Regeln setzen und erziehen.

Die schlaffe „Verständnispädagogik“ darf endlich durch die harte konfrontative Pädagogik abgelöst werden. Auch bei den weiblichen Teilnehmerinnen schien diese Botschaft sehr eindringlich gewesen zu sein.

Weidner brachte noch etwas Ordnung in das Thema:
Ihm war klar, dass es den LehrerInnen durchaus nicht immer leicht fällt, hart zu den Kindern zu sein. Er konnte sie beruhigen: Bei 80% der SchülerInnen können sie weiterhin „Gutmenschen“ bleiben. Konfrontative Pädagogik sei nur für die „schwierigen“ Kinder und Jugendlichen, die den „Ärger machen“. Diese Personen „sehnen sich nach Struktur“ und hier solle man als Pädagoge seine „Respektleidenschaft“ ausleben und „auch genießen“.

Frontpädagogik

Es gab auch wenige vorsichtige kritische Anmerkungen. So meinte ein Teilnehmer: er höre immer nur „Frontpädagogik“. Weidner solle doch ein paar Grundlagen dieser Pädagogik verdeutlichen. Hier wurde schnell klar, dass es ganz offensichtlich kein tatsächliches Konzept für die „Konfrontative Pädagogik“ gibt. Weidner erläuterte etwas den Unterschied zwischen „nicht permissiv“, „autoritär“ und „autoritativ“ und sprach davon, den „rohen“ Jugendlichen das „Realitätsprinzip einmassieren“ zu wollen. Er blieb sehr vage und brachte sein Modell wieder auf den bekannten Punkt: „Ihr dürft Grenzen ziehen“.

Konfrontative Pädagogik ist keine Pädagogik, sondern eine Ansammlung von Methoden für abweichende Kinder und Jugendliche. Der Kern dieser Methoden ist das so genannte Antiaggressionstraining.

Mit der von Weidner eingeführten Aufteilung kann somit die Stigmatisierung der als problematisch empfundenen Personen noch klarer vorangetrieben werden. Für die 80% braven Kinder gibt es die empathischen Methoden und für die 10-20% schwierigen Kinder die u.a. im Strafvollzug entwickelten konfrontativen Methoden.

Armagedoneffekt – Sadismus

In Workshop 2 („Warum es gut sein kann, böse Menschen, schlecht zu behandeln“) beschrieb Reiner Gall wie das ‚Coolness-Trainig’ als Teil der Konfrontativen Pädagogik aussieht.

Um deutlich zu machen wie die Methode die Jugendlichen verändert, führte Gall den so genannte „Armagedoneffekt“ an. Er bezog sich dabei explizit auf den Science Fiction mit Bruce Willis.
Kurz zur Erinnerung: Ein Komet stürzt in diesem Film auf die Erde zu und droht sie zu zerstören. Ein Rettungsteam fliegt auf den Kometen (Jugendlichen), bohrt ein tiefes Loch hinein und versengt dort eine Atombombe. Die Zerstörungen der Explosion sollen den Kometen aus der bisherigen Bahn werfen.

Es gibt kaum ein Bild das die Kehrseite des Gutmenschentum – den Sadismus! – besser zum Ausdruck bringen kann. Eindringen und von Innen zur Explosion bringen.

Übrigens entspricht dies Vorgehen bei vielen ausgegrenzten Jugendlichen genau den Erwartungen. Gewaltkriminelle, die ihre soziale Position entsprechend dem Typus ‚Äußerer Konflikt’[1] interpretieren, gehen davon aus, dass u.a. die Pädagogen in sie eindringen wollen, um ihre Identität zu zerstören. Dagegen schützen sie sich (zu Recht).

„Niemand hat das Recht, den anderen zu beleidigen, zu verletzen oder auszugrenzen. Geschieht dies dennoch, erfolgt Konfrontation“ (Gall)
Dieses Credo muss auch auf die konfrontativen Pädagogen selbst angewandt werden.

—–
[1] vgl.: Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Eine orgonomisch funktionalistische Arumentation. Bremen 2003; Ingo Diedrich: Ausgrenzung mit Gewalt: Jugendliche Gewaltkriminelle in der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Mainstream. Eine Analyse autobiographischer Erzählungen. Saarbrücken 2008

Die Dokumentation der Tagung „Konfrontative Pädagogik“ am 26. April 2005 in der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.