Guter Sex – reden wir drüber


Jede/r weiß: Guter Sex ist nicht selbstverständlich. Aber was ist guter Sex? Wie kann man darüber reden und warum überhaupt?

Guter-Sex

Guter Sex – was ist das?

OK, guter Sex sollte Spaß machen, einvernehmlich sein und den jeweiligen Bedürfnissen der Beteiligten entsprechen. Jenseits von diesem viel gepriesenem Konsens wird es spannend. Gibt es einen Maßstab für guten Sex?

Wilhelm Reich

Wilhelm-Reich-guter-SexSchon vor 90 Jahren hat Wilhelm Reich hier genau hingeschaut. Inwieweit kann ich mich tatsächlich dem Sexualakt hingeben? Vertraue ich meinem Organismus und akzeptiere seine unwillkürlichen Bewegungen?[1] Oder halte ich an der Kontrolle fest und mache Sex ohne tatsächlicher Befriedigung?
Unwillkürlichkeit und Befriedigung gehören zusammen und zeigen sich in einer Bewegung des ganzen Organismus.
Guter Sex findet somit nicht im Geschlechtsteil oder Kopf statt, sondern im ganzen Organismus. Sexuelle Befriedigung ist Merkmal eines gut integrierten Organismus.

Sexocorporel

Institut-sexocorporel-deutschland_guter-SexDie Sexualtherapie Sexocorporel[2] greift heute viel von diesem Maßstab auf[3] und beschreibt mehrere Erregungsmodi,[4] in denen wir unsere Sexualität leben.

Den archaischen Modus haben wir vielleicht schon als Kleinkind kennen gelernt. Hier spielt Druck im Genitalbereich eine große Rolle. Druck, der z. B. durch große Anspannung oder mit einem Kissen zwischen den Beinen erzeugt werden kann. Die Erregung ist oft schnell, aber begrenzt und in der Partnerschaft schlecht lebbar.

Sexocorprel-guter-SexIm mechanischen Modus steht die Reibung im Vordergrund. Sie geht oft einher mit muskulärer Anspannung und enger Atmung. Viele Menschen kommen so zum Orgasmus, klagen aber auch über geringe Empfindungen.

Im ondulierenden Modus fallen die fließenden Bewegungen auf. Die wohlige Lust wird in den ganzen Körper geführt und oft als emotionale Intensität erlebt. Die genitale Erregung tritt aber eher in den Hintergrund.[5]

Im wellenförmigen Modus steht die integrierende Bewegung von Becken und Kopf im Zentrum. Die genitale Erregung und die emotionale Lust fließen in einem intensiv erlebten Orgasmus zusammen.[6]

Zum Beispiel an diesen Maßstäben können wir uns orientieren oder abarbeiten – aber wie?

Guter Sex – wie darüber reden?

Guter-Sex_BlaetterSchlechter Sex wie z. B. Pädophilie, Zwangsprostitution, #metoo und Missbrauch ist häufig Thema. Über diesen schlechten Sex der Anderen können wir uns auch schnell einigen.

Viel schwerer ist es zu bereden, was guter Sex ist. Sofort kommen Einwände: Kommt jetzt wieder die Moralkeule? Wer hat das Recht, da einen Maßstab zu formulieren? Angst vor Bevormundung, Anmaßung und Degradierung der eigenen Sexualität sind offensichtlich.

Darum drei Punkte:

  1. Mir geht es hier um Alltagsgespräche mit FreundInnen in unaufgeregter Atmosphäre z.B. beim Essen.[7]
  2. Maßstäbe werden oft ausgrenzend genutzt. Dies verhindert ein offenes Gespräch. Der Grat zwischen verurteilen und banalisieren ist der Ort des guten Gesprächs. Der Maßstab sollte weder (autoritär) normativ noch (laissez faire) beliebig sein. Dieses Spannungsfeld gilt es auszuhalten.
  3. Gut wär’s auch, wenn eine Sprache gefunden wird, die offen ist, aber nicht entblößt.

Und: es ist ein schönes Thema. Dies darf sich auch im Gespräch zeigen.

Guter Sex – warum darüber reden?

Guter-Sex-SesselSex ist für den einzelnen Menschen, aber auch für die Gesellschaft sehr wichtig. Hier spüren wir unmittelbar unsere Angst und Sehnsucht vor dem Leben.
In den 70er Jahren galt Sex als ein politisches Thema. Im Kampf um den guten Sex wurden Freiräume gegen die rigide Moral erkämpft. In diesen Freiräumen darf man (fast) alles machen, Hauptsache man ist sich einig.

Toleranzgebot

Gleichzeitig ist daraus aber auch das Toleranzgebot beim Sex geworden. Es ist verpönt, sexuelles Verhalten zu bewerten. So als ob dadurch die Freiräume zerstört würden. Erkämpfte Freiräume werden zu intimen Schutzräumen.

Aber unter diesem Deckmantel der Toleranz hat sich schon längst ein Maßstab des guten Sexes etabliert! Dieser Maßstab wurde nicht öffentlich gebildet, sondern u.a. über den Markt durchgesetzt. [8]

Ware Sex als Maßstab

Guter Sex PornoGuter Sex PornoJede 8. aufgerufene Internetseite in Deutschland ist eine Pornoseite[9] und 40% der Kinder suchen Pornos.[10] Auf diesen Seiten werden Freizügigkeit definiert, Vorlagen für guten Sex produziert und Ideen konsumiert.

In dieser Leistungsschau der Pornoindustrie geht es um Verfügbarkeit, Austauschbarkeit und um die Spielarten des Sexes (Anal, BDSM, Fisting …).
Wie in einem Supermarkt wird die Ware Sex in allen Variationen präsentiert und beziehungslos konsumiert. Dieser Maßstab von guten Sex wird mit jedem Klick immer stärker etabliert.

Befriedigung oder Kontrolle?

Bei Wilhelm Reich ging es um Befriedigung, um ein gutes Leben und eine gute Gesellschaft. Im neuen Maßstab geht es um die Verdinglichung eines der schönsten Erlebnisse überhaupt.
Sex soll dem Menschen nicht gut tun, sondern sich gut verkaufen.

Dazu sollen wir unser Bild von Sex anpassen. Im Zentrum steht die Kontrolle, nicht die Hingabe: Kontrolle über die Situation, die Körper, den Ablauf, die Lust und natürlich den Orgasmus. Unwillkürlichkeit und Befriedigung sind hier ohne Bedeutung. Sie stören. Unbefriedigte Menschen sind die besseren Kunden, sie wollen immer mehr. Und darum geht es in diesem Maßstab.

Gut, dass der lustfeindliche Maßstab der Kirchen an Bedeutung verliert. Aber der marktförmige Ansatz ist keine gute Alternative.

Ich möchte einen Maßstab stärken, der die Unwillkürlichkeit, die Hingabe und somit die Befriedigung ins Zentrum stellt.


[1]          Eine ausführliche Beschreibung befindet sich im Buch Die Funktion des Orgasmus von W.Reich. (Reich 1987, S. 85). Eine sehr gute Einführung in das Gesamtwerk bietet (Sharaf 1994)
[2]              siehe Institut Sexocorporel International
[3]              Dies gilt insbesondere für die Definition von Orgasmus: Unterscheidung „zwischen dem rein körperlichen Phänomen einer orgastischen Entladung, bei der es sich vorwiegend um ein angenehmes Loslassen körperlicher Spannung handelt, und dem Orgasmus, dem intensiven und genussvollen Erleben einer körperlichen und emotionalen Entladung“ Dafür werden die Begriffe Orgastie und Orgasmie genutzt. (Karoline Bischof 2008, S. 4)
[4]              Ich nenne hier nur sehr kurz vier Arten der Erregung. Eine gute Darstellungen aus männlicher Sicht findet sich in „Erregungsmodi“ (Gehrig 2008, S. 61–64)
[5]              Mich erinnert das sehr an Slow Sex nach Richardson. Vgl. Sex-Transformation
[6]              Dieser Modus kommt der von W. Reich beschriebenen orgastischen Potenz am nahesten.
[7]              Angeregt zu diesem Text wurde ich durch ein Gespräch mit Freunden in einem Restaurant.
[8]              „Die Deutschen sind Weltrekordler im Pornos-gucken, ein beachtlicher Teil ist hochgradig alkoholabhängig, ausgebrannt und so weiter. Und der Rattenschwanz an Problemen, mit dem wir eine unlebendige Gesellschaft kreieren, drückt sich unter anderem auch im Geschäft der Prostitution aus. Den ständigen Drang gesellschaftlich über die Prostituierte zu debattieren halte ich für ein Ablenkungsmanöver. Es wäre viel entscheidender, mal offen über den Durchschnittsbürger zu sprechen.“ Sagt die ehemalige Prostituierte Ilan Stephani in einem Interview über ihr Buch zum Thema.
[9]              FAZ: Wieso schaust du Frauen an? Pornographie im Internet 2014
[10]            GIGA: Porno-Konsum: Deutschland ist Weltmeister 2015

 

Literatur

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10 Gedanken zu „Guter Sex – reden wir drüber

  1. Stefanie

    Sex und Selbstbefriedigung, Liebe, Emotionen, ein interessantes Spiel, eine gute Lehre sich fallen zulassen, absolute Entspannung und wenn man mag eine sportliche Herausforderung

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  2. monika racheter

    Ach Leute, wie wollt ihr einem Eisbären vom Nordpol erklären wie heiss es in der Sahara ist und umgekehrt, wenn die Luschen umsverrecken nicht verstehen wollen das es bei gutem Sex nicht darauf an kommt planlos in der Frau rum zu stochern! 🙂

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  3. annette

    Der Artikel ist gut geschrieben…
    Ich finde es interessant der Frage nach zu gehen, warum der Artikel mich trotzdem wenig anspricht….
    Natürlich bin ich gegen die Pornoindustrie, genau wie gegen Pharma, Auto usw…….und die genannten Zahlen sind erschreckend und da gibt es etwas zu tun und zu verändern….
    aber über „guten Sex“ reden, spricht mich nicht an….
    ich kann „guten Sex“ gar nicht denken, ohne dass die großen Themen LIEBE und BEZIEHUNG sich einstellen….und das sind ansprechende Lieblingsthemen….
    wenn in der LIEBE und BEZIEHUNG etwas gelingt, dann stellt sich die Frage nach „guten Sex“ von ganz allein in einem intimen geschützten Rahmen….hier sucht die Frage nach Antwort und hier findet sich die Antwort.

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    1. Ingo Diedrich Artikelautor

      Liebe Annette, Danke für Antwort
      Für dich gehört die Frage nach guten Sex in einen intimen geschützten Rahmen. Da stimme ich dir zu.
      Da gehört sie auch rein und hat hier eine besondere Qualität.

      Die allgemeine Nutzung der Pornografie findest du erschreckend und möchtest was verändern. Aber warum und auf welcher Basis sollte dies passieren? Müsste man dazu nicht über Sex reden?

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    2. Annette

      Ich hab noch mal nachgedacht……
      du willst über GUTEN Sex reden……
      ich glaube das GUTEN geht schnell unter, weil das Wort Sex so befrachtet ist.
      Reich finde ich da auch nicht einfach… zu schnell liest es sich „wenn die Orgasmusfähigkeit optimiert wird, ist das Ziel erreicht…..“
      das ist das, was der Westen aus Tantra macht……
      und wie man „den lieben Gott“ mit ins Bett kriegt das finde ich schon spannend, ansprechend
      womit wir wieder bei meinen Themen sind😉

      Antworten
      1. Ingo Diedrich Artikelautor

        Ich würde gern antworten, aber das hieße mit dir über guten Sex reden, was du ja explizit nicht willst. schade 😉

        Ich unterscheide übrigens zwischen drei Ebene, auf denen man darüber reden kann. Alle haben ihre Qualitäten:
        1. mit meinem Sexualpartner
        2. im Freundeskreis (darauf bezog sich der Text)
        3. in der Öffentlichkeit (z.B. Internet)

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        1. Ingo Diedrich Artikelautor

          also kurz in der Öffentlichkeit…

          Ja, Reich wird oft falsch als Optimierer gelesen.

          Um noch mehr zu verwirren: Reich ist sicher der, der „den lieben Gott mit ins Bett“ geholt hat, bzw. gesagt hat, dass der da hin gehört. Vieles was spirituelle Menschen versuchen auszudrücken, hat er einfach benannt.

          In seinen Augen ist guter Sex, wenn auch die Ichstruktur in ihrer Begrenzung an Bedeutung verlieren darf ((Spiris: Kontemplation) < -> (Reich: Unwillkürlichkeit, Hingabe)). Dies ist aber nur möglich, wenn etwas da ist, was auffängt ((Spiris: Glaube < -> (Reich: Vertrauen in die Lebensfunktion)). Es kommt zum Eins sein beim gleichzeitigen getrennt sein ((kath. Spiris: Kommunion < -> (Reich: Orgasmus)). Sex ist Gottesdienst, in dem die Immanenz (die pulsierenden Lebewesen) mit der Transzendenz (dem Erleben des Unbegrenzten) im Orgasmus zusammenfließt.

          Er kannte natürlich die ganzen spirituellen Positionen und ist davon ausgegangen, diese integriert zu haben. Es ist quasi eine postspirituelle Ebene 😉
          Ich finde das eine gute Basis, um über guten Sex zu reden.

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