Der große Wurf

Jeder kennt es: man nimmt einen Stock und schon wartet der Hund auf den großen Wurf. Er rennt los und bringt ihn voller Freude wieder zurück. Jeder Lauf festigt die Beziehung zum Menschen und er rennt bis er nicht mehr kann.[1]

Gottes großer Wurf – Berufung

So wie der Hund dem Werfer, so können wir Gottes großen Wurf folgen. In unserem Glauben auserwählt zu sein, folgen wir seinem Ruf und kommen ihm nahe. Unsere Berufung zeigt sich in unseren Taten, die wir in seinem Namen umsetzen.

So kann sich Gott in der Welt verwirklichen.
Dies ist eine Auszeichnung und eine Bürde, die uns zerreißen kann. Schon der heilige Franziskus meinte: „Es gibt drei Arten Gebet. Das erste: Mein Gott, spanne mich, damit ich nicht erschlaffe. Das zweite: Mein Gott überspanne mich nicht, damit ich nicht breche. Das dritte: Mein Gott, überspanne mich, auch wenn ich breche. Diese letzte Art ist die unsere.“[2]

Selbstverwirklichung

Gott wird aber immer häufiger als Werfer ersetzt. Statt seiner gehen wir davon aus, dass es in uns ein Selbst gibt. Dieses Selbst übernimmt den großen Wurf und wir folgen ihm. Wir brennen für diese besondere Nähe zum Selbst in dem für uns auserwählten Beruf. Hier zeigen wir unsere verzehrende Leidenschaft.

So kann sich das Selbst in der Welt verwirklichen.
Diese Bindung bringt uns zu Größengefühlen oder zum Burnout.

Wir können diesem großen Wurf unseres Selbst wie ein Hund hinterherhecheln – wir können es aber auch sein lassen.



  1. Irvin D. Yalom nutzt dieses Bild, um der Aussagen nachzugehen: „Wer unter uns hat nicht den Wunsch gehabt: wenn mir nur jemand meinen Stock werfen würde“ in Religion and Psychiatry 2000, S.7/8

  2. So sah es zumindest Nikos Kazantzakis in seinem Buch „Mein Franz von Assisi“ 1981 S.160

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14 Gedanken zu „Der große Wurf

  1. Ute Jungnick

    Ich verstehe das 3.Gebet von Assisi nicht. Ist das ironisch? Warum will er brechen?
    Und
    Ich verstehe nicht was du mit Selbst meinst. Das Ego? Dann stimme ich dir zu. Das innere Wesen? Dann vielleicht eher nicht. Irgendwie nicht greifbar für mich das Bild.

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    1. Ingo Diedrich Artikelautor

      Hallo Ute
      Nein, da ist keine Ironie. Franziskus wollte eine rücksichtslose Askese in der Nachfolge Gottes. Eine Nachfolge, in der das Gebrochen werden Sinn macht.
      Ja, ich sehe es auch so, dass das „Selbst“ irgendwie nicht passt. Aber mir ging es um die Beziehung, die ein Mensch gestaltet, wenn er in der „Selbst“-verwirklichung ausbrennt. Diese Art der Beziehung wollte ich in drei Ebenen darstellen bzw. vergleichen.
      Wenn diese Menschen von „Ichverwirklichung“ reden würden, hätte ich vom „Ich“ gesprochen, dass den Stock wirft. Ich hinterfrage ja auch nicht, ob Gott tatsächlich das richtige Wort für das ist, dem Franziskus mit dieser Einstellung folgen will.
      Ich glaube aber, dass vieles von Franziskus in der säkularisierten Selbstverwirklichung tradiert wurde. Und das, was beim Hund noch irgendwie nett wie ein Spiel aussieht, bei diesen Menschen bitterer Ernst ist

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  2. Georg Schmid

    In der begrifflichen Zuordnung von „Gott, Seele, Wesenheit, Selbst, Ego, Ich, Über-Ich, Es, . . .“ zu meinen etwaigen inneren Instanzen habe ich noch keine klare Vorstellung entwickelt.

    In meinem Gefühl ist das Selbst näher dran an Glauben, Berufung und Bestimmung. Für den Alltagsgebrauch gibt es bei mir den Autopiloten oder das Ego.

    „Selbstverwirklichungen“ sind meist Egoprojektionen auf Statussymbole oder Sprossen auf der Karriereleiter, die eben zu geilen Größengefühlen oder zum Burnout führen. Dazu passen die Gebetsarten eins und zwei.

    Selbstverwirklichung für Gott in der Welt und für die Welt bedeutet erst mal die Übernahme von Verantwortung für Dich, Dein Umfeld und letztlich für die Welt. Für etwas einstehen, für etwas kämpfen. Also ist das dritte Gebet für Märtyrer, Revolutionäre und Kriegsdienstverweigerer oder in der heutigen Zeit für Umweltaktivisten.

    Interessanterweise spricht man hier oft von einem „selbstlosen“ Einsatz des Lebens für eine Sache, was im Sinne der Einleitung Deines Artikels „Gottesdienst“ wäre. Durch den bedingungslosen Einsatz Deines Lebens verwirklicht sich Gott durch Dich in der Welt.

    Für das dritte Gebet gibt es auch weniger anspruchsvolle Varianten. Dazu musst Du Dir aber erst mal bewusst machen, was Gott von Dir will und dann die entsprechenden Konsequenzen in Deinen Lebensstil integrieren. Deutliche Hinweise gibt es gerade genügend, auch hier: https://aktionskreis-energie.de/corona-chance/

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    1. Ingo Diedrich Artikelautor

      Puuh, da ist soo viel drin …
      stutzig hat mich dein Verweis auf den „selbstlosen“ bzw. „bedingungslosen“ Einsatz gemacht.
      Mich irritieren die Worte, insbesodnere wenn man das annimmt, was Ute geschrieben hat.

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  3. Kehe

    Vielleicht gibt es noch eine vierte Art von Gebet: „Mein“* Gott, spanne und entspanne mich zu rechten Zeiten, damit das Leben stets in Harmonie verläuft.
    * „Mein“ verwende ich nicht so gerne, da es Ego und Anhaftung befördert.

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    1. Ingo Diedrich Artikelautor

      Hallo Kehe
      Ich denke in der Gefolgschaft von Franziskus hättest du es schwer mit dieser Einstellung.
      Ein Gott, der dieses Gebet magt, führt einen aber sicher nicht ins burn out.
      Aber ich denke, dass man auch diesem Ziel (Hamonie) wie ein Hund dem Stock hinterhecheln kann.

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  4. Karoline Krempel

    Gottogottogott. Also morgens geht es mir ja immer super, so bis elf. Dann kommt die Zeit der Narr*innen.
    Ich weiß, es gibt immer welche, die sich vorsichtig herantasten an das Dunkel. Und andere, die’s immer schon genau wissen. Und die, die vorgeben in dem Mysterium mit sich im Reinen zu sein, dann aber doch wieder die Welt retten oder sich selbst in der Welt. Oder eine Rechtfertigung für sich in der Welt: Kinder, Berufe, Hunde. Naja. Und alle andern natürlich auch. Ich frage: Kann man nicht einfach die Dinge mal so lassen, wie sie sind? Ein Baum ist ein Baum, ein Tisch ist ein Tisch (Bichsel). Einfach so. Und dann hören, wann es weitergeht?

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  5. Annette Gramss

    Spricht mich an , was du schreibst. Darauf hab ich den Film „Ein Tisch ist ein Tisch“ gesehen. Gefällt mir gut . Danke.
    Ich kann die Dinge nicht so lassen wie sie sind.
    Einfach so gelingt mir nicht,ich versuche es….
    Solange es mir noch nicht gelingt, möchte ich beide Sprachen sprechen, gesund bleiben und dann hören wie es weitergeht…..

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    1. Karoline Krempel

      „Ein Tisch ist ein Tisch“ von Peter Bichsel war für mich niemals nur eine traurige Geschichte. Das ist sie, ja, zumal vom Standpunkt einer stets vernetzten Welt betrachtet, in der niemand allein ist. Doch sie ist auch Selbstverwirklichung, Religion, Rebellion, Durchsetzung, Zielgerichtetheit, Phantasie, Kunst, Liebe … und natürlich eine Frage der Würde.
      Man kann auch mal versuchen, diesen werfenden Gott eine Frau sein zu lassen. Vielleicht ändert sich sein Gesicht. Und damit das Gefühl für den Wurf. Oder man stellt diesen Männergott neben eine Frau und lässt ihn den Stock übergeben. In dieser neuen Beziehung nimmt er sich ganz anders aus.
      Gott ist ja ohnehin unmodern geworden. Aber so eine Göttin könnte beim Werfen sicher noch richtig was hermachen, allein aus dem widersprüchlichen Denken heraus.
      Vielleicht erübrigt sich dann die Frage nach Gott oder ich. Aus der Sicht eines Mannes ist Gott doch sehr affin. Mir war Gott, so wie er christlich gedacht wird, immer suspekt. Ich werfe lieber selbst. Und wenn ich dabei noch so viele Wörter erfinde. Allerdings fand Gabriele Hasler , „das Singen ging immer tiefer, dahin, wo Schrift nicht hingelangt“ – vielleicht muss ich singend werfen. Da wären meine Vorbilder ohnehin Frauen.

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  6. Klaus

    “ there ist a crack in everything , that‘ s where the light comes in “ Leonhard Cohen
    So sehe ich das auch, Klaus, Berlin

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