Wie gut ist Prävention? (Beccaria)

„Vorbeugen ist besser als bohren“1

Prävention Beccaria Kriminalitätsprävention

Prävention leuchtet spontan ein: Natürlich ist es besser, die Zähne zu pflegen als Schmerzen zu leiden. Prävention boomt auch in der Kriminalitätsbekämpfung. Verbrechen werden nicht abgewartet, sondern vorher angegangen.

  • In der KITA Sozialkompetenzen lernen ist besser als später Gewalt anzuwenden.
  • Über Facebook aufklären ist besser als Opfer von Cybermobbing zu werden.
  • Therapien nutzen ist besser als pädophilen Neigungen nachzugehen.

Schon im 18. Jahrhundert wendeten sich aufgeklärte Kriminologen wie Cesare Beccaria gegen Vergeltung.

Prävention Beccaria Kriminalitätsprävention

Cesare Beccaria 1738-1794

Das Rechtssystem sollte die moderne Staatsordnung effektiv stabilisieren und nicht rächen. Damals war noch die Inquisition aktiv und dies war kein selbstverständlicher Standpunkt.

„Besser ist es, den Verbrechen vorzubeugen als sie zu bestrafen.“2

Die nach vorne weisende Prävention ist effektiver als die zurückblickende Sanktion. Beccaria wurde damals heftig kritisiert. Trotz aller Betonung des Gegenteils galt er als umstürzlerisch. Nach 250 Jahren gilt Beccaria als weitsichtig und die Prävention als liberal.

Unsere Gesellschaft hat sich seit Beccaria stark verändert. Die Differenzierung und Individualisierung tritt in den Vordergrund. Damit einhergehend verändern sich Begriffe wie Ordnung, Sicherheit und Gefahr. Ulrich Beck charakterisierte die neue Gesellschaftsordnung schon in den 80er Jahren als Risikogesellschaft.

„Das Zentrum des Risikobewußtseins liegt nicht in der Gegenwart, sondern in der Zukunft. In der Risikogesellschaft verliert die Vergangenheit die Determinationskraft für die Gegenwart. An ihrer Stelle tritt die Zukunft, damit aber etwas Nichtexistentes, Konstruiertes, Fiktives als ‚Ursache‘ gegenwärtigen Erlebens und Handelns.“3

Kriminalität wird zu einer zu verhindernden Zukunft. Auf diesem Hintergrund ist der Siegeszug der Prävention zu verstehen: Die Sanktion kommt eigentlich immer zu spät.

Sanktion ist das stabilisierende Ordnungsinstrument der Moderne – Prävention das der Postmoderne.4

Darum steht bei einer Präventionsmaßnahme eine Frage absolut im Vordergrund:

  • Ist sie wirksam? Stabilisiert sie tatsächlich die Ordnung?5

Prävention Beccaria Kriminalitätsprävention PolizeiDie Frage, welche Ordnung stabilisiert werden soll, wird ausgeblendet bzw. implizit als geklärt angenommen. So wird Prävention vor allem eins: konservativ.

Was für Gesellschafts- und Menschenbilder liegen der Maßnahme zugrunde? Ist es gute Prävention,

  • wenn jemand lebenslang für eine Tat eingesperrt wird, die er nicht getan hat, die er aber evtl. tun würde (Sicherheitsverwahrung)?
  • wenn ganze Wohngebiete abgesperrt werden und öffentliche Plätze von unliebsamen Personen freigehalten werden?
  • wenn Geheimdienste wie die NSA ohne konkreten Verdacht ganze Länder ausspähen?

Wollen wir Kommunale Präventionsprojekte (wie z.B. das CTC), die sich an amerikanischen Vorstellungen der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts orientieren?6

Um beurteilen zu können, wann Prävention gut ist, benötigen wir Maßstäbe für Qualität, die jenseits von Wirksamkeit und Effektivität liegen. Es bedarf inhaltlicher Positionen!

Hier entscheidet sich, ob Prävention eine sinnvolle Vorbeugung oder eher eine Autoimmunerkrankung des Systems ist.7 Ohne eine kritische Positionierung verliert die Prävention schnell ihren fortschrittlichen Charakter. Es wäre doch schade um diese schöne Idee.
Oder anders gefragt: Was würde ein weitsichtiger Denker wie Beccaria heute fordern?
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1 Eine Kampagne von Krankenkassen und Colgate

2 Beccaria S. 86. Beccaria ging ähnlich wie Thomas Hobbes von einem Gesellschaftsvertrag aus (Diedrich 2003, 219-228), in dem die freien Menschen einen Teil der Freiheit aufgeben, um „sich des andern mit desto größerer Sicherheit und Ruhe“ (Beccaria S. 18) erfreuen zu können. Aber im Gegensatz zu Hobbes sieht er im Souverän nicht einen Despoten, sondern einen „Verwalter“ dieser Freiheiten. Um zu verhindern, dass die Menschen die Gesellschaft „in ihr früheres Chaos zurückschleudern“ bedarf es „fühlbarer Beweggründe“ (Strafen), die Freiheiten nicht wieder zu ergreifen. (Beccaria S. 18). Aber jede Strafe musste angemessen sein, ansonsten sei sie Tyrannei. Und (diesen Satz sollte der Kontrolltheorie immer wieder ins Gedächtnis gebracht werden) „Geknechtete Menschen sind wollüstiger, ausschweifender und grausamer, als freie.“ (Beccaria S. 86)

Für Beccaria lag der Zweck der Strafe darin, den Verurteilten daran zu hindern, seine Tat zu wiederholen und „die Andern zurückzuhalten, Gleiches zu thun“ (Beccaria S. 34). In Beccarias Präventionskonzept ging es somit um die Spezial- und Generalprävention durch Strafe. Sanktion und Prävention waren kein Gegensatz, sondern gehörten zusammen.

In einem kurzen Absatz über die Erziehung geht er über diesen Gedanken hinaus: Die Erziehung ist das „sicherste aber schwierigste Mittel, den Verbrechen vorzubeugen“ und „bis zu den entferntesten Jahrhunderten […] ein unfruchtbares Feld“ (Beccaria S. 90). Dafür gibt es zwei Gründe: sie ist so umfassend, dass die Bearbeitung nur „wenigen Weisen“ (z.B. Rousseau) vorbehalten ist und sie ist zu tief in die Natur der Regierung eingebunden.

3 Beck S. 44; Auf dem Hintergrund wird auch klarer, warum in der Kriminologie der Begriff „Risikofaktor“ so wichtig wird. Es ist ein Merkmal, das Personen oder Gruppen zugeschrieben wird, das sowohl den Kausalitätsaspekt von Ursachen als auch die Vagheit des Zukünftigen beinhaltet. Gerade für quantitative Auswertungen in Studie und Evaluationen bietet der Begriff so große Möglichkeiten. Eine fiktive Perspektive wird mit scheinbarer Wissenschaftlichkeit aufgeladen.

4 Beck spricht von der reflexiven Moderne. Vgl. Düsseldorfer Gutachten S. 18

5 Vgl. Düsseldorfer Gutachten S. 5; ergänzt wird dies noch durch die Frage: entsprechen die Maßnahmen bestimmten wissenschaftlichen Kriterien bzw. sind sie förderwürdig?

6 „Communities that care“ (CTC) ist eine in den USA entwickelte Methode der Kommunalen Präventionsarbeit. Sie ist auch Grundlage für die Entwicklung und Beurteilung deutscher Projekte (vgl. Grüne Liste Prävention). Eine wesentliche theoretische Basis dieser Methode ist die Soziale Kontrolltheorie. (Schubert S.3; Monahan S. 3)

Die Kontrolltheorie nach Hirschi und später nach Gottfredson/ Hirschi ist eine Theorie, die explizit an ein Konsensmodell der Werte festhält und die Anbindung an die entsprechenden Institutionen propagiert (vgl. Diedrich 2013: Die Soziale Kontrolltheorie nach Travis Hirschi)

Auch das Düsseldorfer Gutachten bezieht sich auf diesen Ansatz (Düsseldorfer Gutachten S. 15f). Sie beziehen sich sogar auf die verschärfte Version des (Selbst- ) Kontrollansatzes nach Gottfredson/Hirschi.

Vergleiche dazu auch den Artikel: „Kriminologie – Kinder die drängeln  … werden rauben und vergewaltigen“

7 Leena Simon versteht die als Prävention verstandenen Überwachungsmaßnahmen des Staates als „Überfunktion des Immunsystems“. Sie stabilisieren nicht die demokratische Ordnung, sondern untergraben sie.

Neben der Frage der inhaltlichen Position bleiben schon diskutierte strukturelle Probleme von Kriminalprävention. So konstruiert Prävention immer eine zu verhindernde Kriminalität. Wenn sie sich auf bestimmte Gruppen bezieht, stigmatisiert sie diese. Ohne, dass diese Menschen etwas getan haben, werden sie so in die Nähe der Kriminalität gerückt. Wenn sie sich andererseits auf ganze Stadtteile oder noch weiter (vgl. NSA) bezieht, gibt es keine unbescholtene Bürger mehr, sondern nur noch potentielle Kriminelle. Die Prävention kriminalisiert so die Sozialpolitik. (vgl. DJI Impulse: Mythos Prävention)

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Quellen:

Baccaria, Cesare: Über Verbrechen und Strafen. Berlin (Heimann Verlag) 1870 (Original 1766)

Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Auf dem Wege in eine andere Moderne. Frankfurt/M. 1986

Diedrich, Ingo: Aus-einander-setzung mit Gewalt. 2003

Diedrich, Ingo: Die Soziale Kontrolltheorie nach Travis Hirschi – eine Diskussionsvorlage. 2013

DJI Impulse (2/2011): Mythos Prävention, http://www.dji.de/bulletin/d_bull_d/bull94_d/DJIB_94.pdf, (2.3.2013)

Landeshauptstadt Düsseldorf Arbeitskreis Vorbeugung und Sicherheit (Hrsg.): Düsseldorfer Gutachten. Leitlinien wirkungsorientierter Kriminalprävention. Düsseldorf 2002

Monahan, Kathryn C.; J. David Hawkins; Robert D. Abbott: The Application of Meta-analysis within a Matched-pair Randomized Control Trial: An Illustration Testing the Effects of Communities That Care on Delinquent Behavior. in: Prevention science. The official journal of the Society for Prevention Research. 2013-02

Simon, Leena: Der größte Feind des Staates? Ist er selbst. TAZ 7./8.9.13, S. 19)

Schubert, Herbert und Veil, Katja: Erster Zwischenbericht der SPIN Evaluation.Literaturanalyse Communities That Care. Köln 2009

(das Bild von Beccaria stammt aus Wikipedia)

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2 Gedanken zu „Wie gut ist Prävention? (Beccaria)

  1. Ela

    Lieber Ingo
    Kurz mein erster Eindruck: Wie immer gut geschrieben, wie so oft denke ich jawoll so isses, wenn ich anfange zu lesen und werde gegen Ende eines Besseren belehrt!! Allerdings in diesem Falle wohl, weil ich nicht alle Aspekte bedacht hatte, obwohl ich sie kenne!
    Steckt auch hier System „dahinter“? Wir alle wissen ja, dass Prävention eine gute Sache ist. Das wäre doch eine Erklärung dafür, dass allgemein ob der Ausspioniererei so wenig Aufregung herrscht …
    Liebe Grüße Ela

    Antworten
  2. Ingo Diedrich Artikelautor

    Hallo Ela

    Danke für den netten Kommentar!
    Ich weiß nicht, ob da System hinter steckt. Ich denke, dass wir die meisten Maßnahmern, die wir eher negativ bewerten, einfach nicht als Prävention ansehen. So bleibt der Begriff rein und wir müssen keine Position beziehen.
    Dass es bei der Spieoniererei so wenig Aufregung gibt, finde ich erschreckend. Aber jetzt – wo doch auch die Merkel überwacht wurde – ändert sich ja vielleicht was.

    liebe Grüße

    Ingo

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