„Alle Männer sind potentielle Vergewaltiger“ Dieser Satz machte mich wütend. Mein Handeln war irrelevant. Einzig aufgrund meines Geschlechtes wurde ich als übler Kerl abgestempelt.

Tiersein und die Scham der Männer

Aber das ist nur eine Spitze der Abwertung der Männer. Die meisten großen Probleme unserer Gesellschaft werden auf Mannsein zurückgeführt: Gewalt, Turbokapitalismus, Kriege, Kontaktlosigkeit und Ausbeutung der Natur. Es ist heute leicht, sich in Liedern, Büchern und Filmen über die „überflüssige Spezies“ lustig zu machen.

Männer- Ihr Herz ist ein finsteres Loch

Allen scheint klar, wer problematisch ist und wer dafür bestraft werden sollte. So werden 16 Mal mehr Männer mit Gefängnis bestraft als Frauen.[1] Und das obwohl die dazu führenden Gesetze nach wie vor primär von Männern formuliert werden

Doris Lessing sagte dazu: „Ich bin zunehmend schockiert über die gedankenlose Abwertung von Männern, die so sehr Teil unserer Kultur geworden ist, dass sie kaum noch wahrgenommen wird“

Und sie fügt hinzu: „Männer scheinen so eingeschüchtert zu sein, dass sie sich nicht wehren können, und es ist Zeit, dass sie es tun.“ [2]

Der Mann ist halt „nur ein Mann“ und als problematisches Geschlecht allgegenwärtig und selbstverständlich. Woher kommt dieses schlechte (Selbst-)Bild der Männer?

Eingesperrtes Tiersein

Tiersein

Lange Zeit schien alles in Ordnung: Die Menschen waren Teil der göttlichen Schöpfung und diese war klar aufgebaut.

Mit Beginn der Moderne stellte sich die Frage aber neu: was ist der Mensch? Er wurde gedanklich in zwei Zuständen geteilt: die tierische Seite (Naturzustand) und die kultivierte, menschliche Seite. Thomas Hobbes (1651) ging davon aus, dass die Menschen im Naturzustand rücksichtslos und brutal sind. Jeder Mensch ist dem anderen ein Wolf. Gleichzeitig können sie sich gemeinsam über diesen Zustand erheben und einen Staat gründen, der die Gewalt nun gegen sie richtet.

Der Mann und sein Tier

Christoph Kucklick beschreibt in dem Buch über „Das unmoralische Geschlecht“[4] eine spannende Weiterentwicklung. Mit der fortlaufenden Differenzierung der Gesellschaft und dem Aufkommen des Subjektes wird die Vorstellung vom Naturzustand um 1800 nach dem Geschlecht unterschieden: „Seiner Natur nach ist der Mann egoistisch, instinkthaft, tierisch, gewalttätig und zerstörerisch.“[5] All das was der Frau an sozialen Kompetenzen unterstellt wird, fehlt ihm.

Seine gesellschaftliche Rolle kann der Mann so durchaus ausfüllen, aber in der konkreten Interaktion hat er große Defizite. Defizite, die er nur mit Hilfe der Frauen ausgleichen kann. In ihrer Nähe kann er evtl. sein asoziales Wesen überwinden.

Zentral wird dazu die Ehe als Sozialisationsinstanz für den Mann. Hier kann er Liebe lernen, die ihm fehlt.[6] Die Liebe in der Ehe wird so zum Stabilitätsfaktor für die Gesellschaft. Da die Liebe und die Empathie seinem Wesen aber grundsätzlich fremd sind, droht fortlaufend der Rückfall. Ein Rückfall, der bis heute als ein Rückfall in die Barbarei, in den tierischen Naturzustand beschrieben wird.

Tiere Jäger und Männer Tiersein

Mannsein

„Sei nicht, wer du bist. Seine Natur durfte ihm nicht natürlich sein“. [3]

Wenn es nicht gelingt, ihn stabil zu vermenschlichen, kann der Mann jederzeit zum IS-Kämpfer, zum Hooligan, zum Amokläufer oder eben zum Vergewaltiger werden. Alle Männer sind potentielle Tiere. Diese Vorstellung gilt im Wesentlichen bis heute.[7]


Beim Klick auf das Bild werden Daten an Youtube übermittelt

Ein moderner Mann hat einen Feind in sich, den er nicht los wird. Er muss fortlaufend versuchen, dieses Tiersein zu überwinden und abzuspalten. Es genügt nicht, entsprechend der Evolutionstheorie einfach ein Tier mit besonderen Eigenschaften zu sein, sondern das Tiersein muss eliminiert werden.[8]

„Der Mann muss daher […] vor allem sich selbst, seinen eigenen spontanen Impulsen misstrauen. Er muss einen inneren Bruch vollziehen und in sich selbst auf Distanz gehen zu sich selbst.“[9] Früher zeigte sich dieses Bemühen in einer repressiven Form. Heute kommt sie durchaus als Hedonismus daher, ein Hedonismus, den wir maskenhaft vor uns hertragen, ohne je in die gefährliche Hingabe zu fallen.

Scham des Mannes

Mann und die Scham

Die Polemik der Feministinnen kann weh tun, aber sie ist nicht nötig. Wir Männer glauben seit 200 Jahren an diese naturgegebene Schlechtigkeit. Schlimmer noch: wir sind es, die dieses Stigma selbst definiert haben. Zu Beginn musste dies Bild noch in die verschiedenen Lebensbereiche eingebunden werden,[10] heute ist es uns so selbstverständlich, dass es nur noch in Krisenzeiten thematisiert wird.

Dem Mann fehlen von Natur aus die notwendigen sozialen Kompetenzen. Das glaubt er und versucht ständig, nicht enttarnt zu werden. Es ist diese Scham, die uns daran hindert, gegen die Unverschämtheit dieser Vorstellungen offen vorzugehen.

Wir müssen andere, bessere Männer werden und gleichzeitig stärken wir in dieser Anstrengung die Vorstellung von unserer grundsätzlichen Schlechtigkeit. Wir bleiben gefangen im Auftrag der Überwindung und gleichzeitiger Fixierung auf dieses Thema.

Im Umgang mit der Scham haben wir verschiedene Strategien entwickelt:

  • Wir demonstrieren unsere Zurückhaltung und machen somit im sozialen Raum deutlich, wie sehr wir uns im Kultivieren, Zivilisieren und Sublimieren üben. Die Information ist eindeutig: wir sind brav, haben uns im Griff und sind keine bestialische Gefahr.
  • Wir plustern uns als Macher und Helden auf, um uns und den Anderen zu beweisen, dass wir uns von der eigenen Scham nicht erniedrigen lassen und verweisen so doch auf sie.
  • Wir bilden Ersatzbeziehungen zu Maschinen. In ihnen dürfen wir endlich wieder von Kraft fasziniert sein. Was für ein geiles Gefühl, diese Power endlich zu spüren und anzunehmen. Das bedrohliche innere Tier wird ersetzt durch ein beherrschbares totes äußeres Tier.

Eine Entwicklung unseres Mannseins ist mit diesen Strategien nicht möglich.

Aufrechtes Tiersein

… ohne Scham

Schluss mit den irrationalen Bildern vom „Tier im Mann“. Wenn jemand ein Massaker begeht, bricht bei ihm nicht das Tiersein durch, sondern er entscheidet sich aufgrund seiner menschlichen Reflektionsfähigkeit dazu.

Und Schluss mit den blödsinnigen Bildern von den Tieren. Seit wann sind denn Wölfe asoziale, sich gegenseitig zerfetzende Wesen?

Vor 200 Jahren mögen diese Bilder eine Funktion gehabt haben.[11] Es erschien stimmig, dass Männer triebgesteuert und ansonsten haltlos, egoistisch und brutal sind.

Heute haben uns die Bilder in eine Sackgasse manövriert, in der Männern allenfalls eine authentische Liebe zu Maschinen zugetraut wird. Alles Andere müssen sie mühsam lernen.

Geschichten ohne Scham

Mannsein

Lasst uns neue Bilder malen und Geschichten erzählen:

Wir sind zu 100% Tiere und über dies Tiersein eingebunden in die lebendige Natur. Da ist keine Lücke und da muss nichts überwunden werden!

Kultur ist der Ausdruck eines menschlichen Tierseins.

Tiersein heißt nicht „Bestie“ oder „Barbar“ zu sein. Es ist aber auch nicht sinnvoll, es als „edel“ und „wild“ zu verklären. Tiersein ist einfach eine wissenschaftlich gestützte Einordnung des Menschen. Es geht darum, dies zu akzeptieren und sich nicht mehr dafür zu schämen

Lasst uns unsere Animalität aus vollem Herzen annehmen und ausleben!

Dies ist der Weg raus aus der Technikfixierung und rein in die Lebendigkeit! Hier gibt es noch so viel zu erleben …


[1] Inhaftierte (2020) in Deutschland: Männer 43.436, Frauen 2.618

[2] The Guardian. Lay off men, Lessing tells feminists

[3] Kucklick, Christoph (2015): Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie S.306

[4] Christoph Kucklick (2015): „Das unmoralische Geschlecht“. Er argumentiert auf einer systemtheoretischen Basis mit vielen Quellen und Beispielen. Ein spannendes und gut zu lesendes wissenschaftliches Buch.

[5] Kucklick, Christoph (2015): Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, S. 38

[6] Am Ehekonzept von Johann Gottlieb Fichte zeigt er wie komplex der Sozialisationsprozess des Mannes in der Ehe durch Liebe gedacht war (Kucklick 2015, S. 240–271)

[7] Kucklick 2012: Das verteufelte Geschlecht. Eine flotte Zusammenfassung seiner Argumentation mit aktuellen Verweisen

[8] Vgl. Ingo Diedrich (2003): Aus-einander-setzung mit Gewalt. Die Autotranszendenz, S. 242–244

[9] Kucklick, Christoph (2015): Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der negativen Andrologie, S. 179

[10] Z.B. wurde in die Wissenschaft eine „mannhafte Selbstbeschränkung“ (S.271) eingeführt, um „den Willen gegen sich selbst richten“ (244) zu können und so das neue Ideal der „Objektivität“ erreichen zu können. Alles was von unten kam, musste dort auch bleiben. L. Daston; P. Galison: Objektivität

[11] Die neue Erfahrung der Selbstreferentialität wurde so umgesetzt. Es gab damals übrigens auch Bilder, die ohne die Abspaltung des Tierseins auskamen: Münchhausen zieht sich am Schopf aus den Morast

Hedwig Richter: Geschlecht und Moderne. Analytische Zugänge zu Kontinuitäten und Umbrüche in der Geschlechterordnung im 18. und 19. Jahrhundert. in Archiv für Sozialgeschichte 57, 2017. S. 111-130. Der Aufsatz gibt einen guten Überblick zur Genderforschung bezogen auf den hier angesprochenen Zeitraum um 1800.

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25 Kommentare
  1. annettegramss@hotmail.de
    annettegramss@hotmail.de sagte:

    Ich bin Frau und hab diese Form der Kränkung nicht erlebt.
    Kann da somit nicht mitreden.
    Vielleicht kann ich auf Grund dieser fehlenden Erfahrung diese negative Konotation mit dem „Tiersein“ nicht verstehen….
    Sex, Schwangerschaft, Geburt, Stillen, Menstruation etc….verbi der ich mit dem „Tier“ in mir und das ist eher positiv besetzt……sich mehr diesem Erleben , diesem Sein hinzugeben und zuzuwenden
    Ja, das finde ich gut……

    Antworten
  2. Marlene Staab
    Marlene Staab sagte:

    Hallo Ingo,
    das Männer sich auch schämen, daran denke ich meist in Zusammenhang mit Penis klein, Erektion nicht mehr vorhanden, Körpergröße gering, also die „mangelnde“ Potenz. Ist das wichtig für euch? Ist das wichtig für die Frauen? Oder was könnte darüber hinaus wichtig sein?
    Der Mann ohne Scham, der seine Animalität aus vollem Herzen annimmt und auslebt!
    Ich kann mir darunter nichts vorstellen:
    Der Mann ohne Scham = Der Mann der seine Animalität auslebt?
    Animalität, hmmm, sind Frauen auch animalisch, wenn sie Zuneigung spüren und in Begegnung gehen wollen, z.B. eine wunderbare lange Umarmung?
    Gibt es da noch andere Möglichkeiten für den Mann ohne Scham?
    Und was heißt das überhaupt, er lebt seine Animalität aus?
    Männliche und weibliche Animalität, da muss es doch Unterschiede geben?
    Wie wäre es mit Resonanz?
    Fragen über Fragen, die ich da hätte 🙂
    Bei der Frau ohne Scham kann ich mir einiges vorstellen. Recht gut beschrieben in dem Textauszug von
    Bettina Stangneth, den du geschickt hast, wo die schlechten Erfahrungen in den Körper und die Erotik, den Sex hineinfallen. Das Patriachat hat jedenfalls bei mir da einige Schäden hinterlassen. Ist das wirklich schon vom Tisch, das Patriachat, ich glaube nicht. Es steckt doch in uns noch drin, sowohl den Frauen und den Männern. Bevor ihr euch also von Zuschreibungen befreit, würde mich interessieren, was, außer Scham, hat das Patriachat mit den Männern gemacht und was ist davon heute noch drin im Mann. Ist das Verhältnis der Männer und Frauen davon schon befreit?
    Lieben Gruß, Marlene

    Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Hallo Marlene
      Große und spannende Fragen, auf die ich keine abschließenden Antworten habe.

      In dem Text habe ich versucht einen Aspekt von Mannsein etwas zu beleuchten. Deine Frage nach den Auswirkungen des Patriarchats ist mir zu pauschal und umfangreich. Bezogen auf mein Thema ein paar kurze Hinweise. In der patriarchalen Kultur der Christen wurde der erste Mensch/Mann als Krönung der Schöpfung gedacht. Das ist schon anmaßend, aber erst in der Moderne (seit ein paar hundert Jahren) wird der Mensch oberhalb der Natur verortet. Hier setzt meine Kritik an. Und da kann ich sogar einiges mit dem anfangen, was der patriarchale Papst so sagt (https://www.bundestag.de/parlament/geschichte/gastredner/benedict/benedict-206288).
      Diese vermessene Position außerhalb der Natur hat sehr viele und harte Konsequenzen. Sie funktionierte weil gleichzeitig ein Naturbild konstruiert wurde, das von Trieben, Rücksichtslosigkeiten, Brutalität, Instinkten usw. beherrscht wird. Um das Menschsein zu ermöglichen, ist es somit insbesondere Aufgabe des Mannes, diese Natur außen und in sich ständig zurückzudrängen. Dies macht ihn hart, soldatisch, maschinell, misstrauisch, aber auch abgespalten überheblich, spirituell und vernunftfixiert.
      Wenn ich sage, dass er seine Animalität ausleben soll, meine ich, dass er mit der Abspaltung und Zurückdrängung der Natur aufhören darf. Er darf dann wieder seine Wurzeln wahr- und annehmen, aus ihnen heraus handeln. Wie das dann aussehen würde, weiß ich nicht. Ich möchte mich da gern überraschen lassen.
      Kannst du was mit dem Männerbild anfangen, das ich im Text beschreibe, mit der Scham usw.?

      Liebe Grüße
      Ingo

      Antworten
  3. Andreas Ibrom
    Andreas Ibrom sagte:

    Lieber Ingo

    danke für den aktuellen Text. Spannend! Du wagst dich ja ganz schön heraus.

    Mich hat das an ein Buch „Androgyny – zu einer neuen Theorie von Sexualität.“ von June Singer erinnert, was ich vor 8 Jahren las. So neu war es schon damals nicht, es ist 1976 erschienen. Sie findet eine historische Tendenz zur steten Annäherung der Geschlechter also zum androgynen Wesen und sieht dies auch als erstrebenswertes Ziel an. Das Mann Sein hat sich im Laufe unseres Lebens verändert, man kann auch hoffnungsvoll und vorsichtig sagen, entwickelt. Ebenso das Frau Sein. Manches ist verschwunden, und manches ist dazugekommen, kein Grund dem verlorenen hinterherzuweinen, so ist das nun mal bei Entwicklung. Wir sind vielleicht etwas weiblicher geworden und die Frauen etwas männlicher, verglichen mit früheren Maßstäben. Oder besser, wir haben unsere weiblichen Anteile zur Kenntnis und angenommen und die Frauen Eigenheiten in sich entdeckt und zugelassen, die früher eigentlich eher Männern zueigen waren. Eine logische Konsequenz ist, dass das Korsett der Vorstellungen der Vergangenheit darüber was männlich und was weiblich ist, zu kneifen beginnt.

    Ohne nun genau auf eine Stelle im Buch zu verweisen zu können, habe ich in Erinnerung, dass die neue Perspektive die Möglichkeit ist, diese Pole (weiblich – männlich) IN SICH SELBST zu vereinen, damit wie bei einer Hochzeit aus scheinbaren Gegensätzen etwas Neues entsteht. Dies wird übrigens auch als Weg gesehen, mit Einsamkeit zurecht zu kommen – auch ein aktuelles Thema.

    Ja, das muss wirklich nicht Jedermanns Sache sein, ist aber eines Gedankens wert, mit dem man mal rumspielen kann. Und als Nebeneffekt, wenn die Frau den Mann in sich entdeckt und ausprobiert, wird sie vielleicht eher angstfrei und stark mit Männern umgehen und umgekehrt Männer angstfrei und deshalb weniger Angst einflößend mit Frauen 😉 (-; .

    Nur so ein Gedanke, der vielleicht ein bisschen die Dramatik aus der Sache nehmen und was Neues draus machen kann.

    Viele Grüße,
    Andreas

    Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Liebe Andreas,
      Danke, dass du dich immer wieder so auf meine Texte einlässt!!

      Das was du über die Veränderung von Mann und Frau schreibst klingt verlockend. Singer geht als Jungianerin davon aus, dass alle Menschen beide Anteile in sich tragen. Und ich finde auch, dass dann da Spielraum ist für Gedanken und Entwicklungen.

      Ich habe das Modell von Kucklick („Negative Andrologie“) genommen, demzufolge aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen um 1800 männlich und weiblich klar getrennt und gegenübergestellt wurde.

      Auch hier gibt es Veränderungsmöglichkeiten. Viele Frauen erleben das Frauenbild (fehlende Ratio usw.) als von außen ihnen aufgedrückt und so versuchen sie sich von diesem Bild zu emanzipieren. Sie erobern sich Terrain, dass eigentlich den Männern zugeschrieben wurde.

      Auf der anderen Seite die Männer. Um soziale Wesen zu sein, sollten sie sich von Beginn an mit Hilfe der Frauen selbst überwinden und ihnen ähnlicher werden. Wenn den Männern das nun langsam gelingt, dann ist das eben keine Emanzipation von den alten Bildern, sondern eine Bestätigung derselben.
      Was fehlt ist eine kritische Auseinandersetzung mit der Grundlage der eigenen Männerbildes: die Ablehnung des eigenen Tierseins. Darum reite ich da immer so drauf rum. Erst wenn die Männer dies annehmen, können sie sich auch weiterentwickeln. Ansonsten bleibt die Scham, es wird eben nichts Neues draus gemacht und sie setzen immer nur eine neue Schicht auf die Maske auf. Es ist ein großer Unterschied, ob jemand lernt, sich auszudrücken oder sich zurückzuhalten.

      Ich möchte nicht die „Dramatik aus der Sache nehmen“. Ich erlebe die Entfremdung insbesondere der Männer von den Lebendigkeit als sehr dramatisch. Und das hat unabsehbare Folgen für unser aller Leben. Ich suche Modelle, die dieser Situation gerecht wird. Und da gibt mir gerade das von Kucklick eine gute Orientierung.
      Liebe Grüße
      Ingo

      Antworten
  4. Gerhard Morgenthal
    Gerhard Morgenthal sagte:

    Lieber Ingo, ein spannender Ansatz, aber ich bin in dem Thema wenig vorgebildet. Mir scheint jedoch die Fixierung auf die Geschlechtsrolle des Mannes überbetont. Hier wird das Animalische, Destruktive zum Fixum. Ist Mannsein nicht auch von seiner sozialen Rolle zu verstehen. Gibt es da nicht viel mehr Spielräume. Ich denke an meine Zeit als alleinerziehender Vater, einer Zeit in der ich versuchte auch das Liebende Beschützende für Kinder zu präsentieren. Ich denke wir sind von unseren Mustern genauso sozial orientiert wie andere Geschlechter, vielmehr bestimmt unsere soziale Perspektive, wie wir uns orientieren, entweder zu einer dominanten Herrschaft oder zu einem bewahrenden Miteinander. Diese Muster können von allen mir bekannten Geschlechtern entwickelt werden. Aber vielleicht werden Männer eher in Positionen gebracht oder bringen sich selbst dahin, wo bislang noch herrschaftliche Unterdrückungsstrategien überlebt haben.

    Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Lieber Gerhard
      Wir Männer sind in meinen Augen in einer tiefen Krise. Wir haben seit einigen hundert Jahren die Aufgabe, die Natur um uns und in uns in den Griff zu kriegen. Wir verlieren so den Kontakt mit der äußeren und der inneren Natur und ersetzen sie durch eine gemachte Natur. Im Außen wird dies am deutlichsten durch den männlich geprägten Beruf der Ingenieure. Sie sollen immer raffinierter die Natur formen, um noch weiter in ihr leben zu können. Nach Innen gibt es immer neue Maßstäbe, wie wir Männer sein sollten, um sozial akzeptiert zu werden. Er übernimmt dann eine soziale Rolle als Ernährer, liebevoller Vater, Liebhaber usw. Der Mann wird neben seinen „Eier haben“ inzwischen durchaus auch weich gedacht. Ja, die Möglichkeiten für einen guten Mann sind zahlreich und werden je nach Perspektive gewählt. Das sehe ich auch so.
      Aber inwieweit sind wir in diesen sozialen Rollen in Kontakt mit unseren Wurzeln? Inwieweit können wir aus der Kraft unserer Natur, unseres Tierseins schöpfen bzw. inwieweit überfordern wir uns so ohne den Kontakt?

      Ich erlebe Männer (mich eingeschlossen) oft als überfordert, als Männer, die eben nicht „in ihrer Kraft sind“, sondern sich anstrengen. Und um diese Beziehung zu den eigenen Wurzeln ging es mir in dem Text. Moderne Männer haben in meinen Augen eben ein sehr ambivalentes schamhaftes Verhältnis zu sich selber.

      Ich muss allerdings zugestehen, dass meine Perspektive vielleicht tatsächlich etwas eng ist.
      Herzliche Grüße
      Ingo

      Antworten
  5. Heiner
    Heiner sagte:

    Lieber Ingo,
    meine tiefe Hochachtung und Gratulation zu diesem Artikel. Ich weiß ja, wie wichtig Dir das Thema ist und wie sehr es Dich beschäftigt. Und Dich jetzt so in der Öffentlichkeit mit Deinem Anliegen zu zeigen finde ich richtig gut, denn ich sehe Dein offenes Herzen: „Hier bin ich und möchte gehört werden“. Ich höre Dich.
    Und ich möchte mich an dieser Stelle auch zeigen und meine Sicht zu dem Thema schreiben, denn ich habe Bauchschmerzen, mein Mann-Sein als „besserer“ Mensch, als Raubtier oder Vergewaltiger zu sehen und zu hören. Es ist einfach nicht wahr, auch wenn 1000 Artikel und Bücher eine solche These aufstellen. Ich bin ein Mann, der seit Jahren dabei ist, sich aus einem gesellschaftlich geprägtem, m.E. total falschen Bild von Mann-Sein heraus zu arbeiten, um als fühlender Mensch in einer kraftvollen männlichen Energie mein Leben zu er-leben und Frauen einzuladen, in Ihre Energie und in ein lebendiges miteinander Gestalten zu gehen. Na ja, mit allen Höhen und Tiefen die das Leben so bringt – ich übe damit ja auch erst seit gut 10 Jahren im trial & error – Modus ;-))).
    Dieses Bild vom Mann ist nicht nur falsch, ich möchte es sogar noch verstärken: Es ist Lebensfeindlich. Und ich möchte gleich mit der für mich wichtigen Frage starten: Ist dieses Bild vom starken Mann und unterdrückter Frau richtig? Faktisch muss ich eingestehen, dass in der westlichen Kultur, die sich in den letzten Jahrzehnten ja wie ein Virus in der ganzen Welt ausbreitet, dieses Bild gelebt wird. Deshalb hilft die Frage nicht, ich müsste besser fragen: Wem oder was dient ein solches Bild? Ich fand für mich folgende Antwort: Die Menschheit könnte damit in zwei Lager geteilt werden mit dem Ziel, deren gemeinsame Energie zu schwächen und /oder so umzuleiten, dass Frau und Mann sich gegenseitig bekriegen statt sich gegenseitig zu ergänzen, zu stärken und zu nähren. Gemeinsam sind wir aber nur in unserer Unterschiedlichkeit stark!
    All diese Bücher, die Du in Deinem Artikel aufführst, haben sicher dazu geführt, dass die Männer sich den Frauen überlegen fühlten, wenn sie es bis dahin noch nicht taten. Irgendein Vorbild braucht es halt, selbst denken und fühlen gehört nicht zur Kultur, eher Befehl und Gehorsam. Vor gut 100 Jahren haben sich dann m.E. zu Recht die Frauen erhoben und zunächst ihr Wahlrecht eingefordert. Mittlerweile sind Feministinnen damit beschäftigt, durch ihr Tun das Bild des Mannes als „potentiellen Vergewaltiger“ zu kreieren. Sie wollen damit m.E. das alte, falsche Weltbild zum Einsturz zu bringen. Tun sie damit etwas Gutes? M.E. nicht, denn es wird nur ein neues Bild gemalt, was letztendlich genauso falsch ist. Und all das Tun bringt nichts Positives in die Welt, sondern schwächt auch weiterhin unsere gemeinsame Energie.
    Gleichzeitig drängen die Frauen in der Berufswelt in die Männerbereiche hinein und fordern, m.E. wieder zu Recht, auch dort Gleichberechtigung. Es gibt ja auch keinen sachlichen Grund, warum z.B. Frauen bei gleicher Ausbildung und Qualifikation schlechter bezahlt werden – das ist Unrecht!
    Wenn dann aber eine Frau z.B. eine Führungsposition in einem Unternehmen eingenommen hat bzw. auf dem Weg dahin ist, findet oft -nach meinen persönlichen Beobachtungen- eine Verwandlung im Verhalten der Frau statt: Sie nimmt eine Männerrolle ein, d.h. sie übernimmt all die Verhaltensweisen und Muster des Bildes, wie Mann sein soll. In meiner beruflichen Zeit habe ich das mehrmals erlebt: Sie verwandeln sich zu einem „Mannweib“, dass vordergründig männliche Kraft und Stärke ausstrahlt, aber irgendwie auf einer anderen Ebene das Strahlen und die Leuchtkraft der weiblichen Energie massiv runterregelt. Wie sähe nur eine Welt aus, wenn alle Frauen so würden? In Michael Ende’s „die unendliche Geschichte“ entstanden im Reich Fantasien schwarze Löcher – die Schönheit des Landes verschwand. Hier auf der Erde vielleicht auch?

    Ich möchte hier für ein ganz anderes Bild werben, eine Idee / eine Vision, wie ich mir die Menschheit wünsche. Wir Menschen, Frauen und Männer, bilden eine Gemeinschaft, ein Menschheitswesen ab. Und dieses Gemeinschaftswesen hat eine wichtige Aufgabe auf der Erde, nämlich Mutter Erde und die darauf lebende Natur mit allen Wesen zu hüten und zu beschützen. Dafür hat uns die Natur, der liebe Gott oder wie immer man Es bezeichnen mag, unsere Fähigkeiten, die wir heute bei weitem noch nicht nutzen, vergeben; das ist unsere Aufgabe hier, die wir leider, so scheint mir, derzeit sehr aus den Augen verloren haben. Vielleicht hilft die derzeitige Situation uns, zu erkennen, was uns wirklich, wirklich wichtig ist.
    Um diesen Job zu tun ist es unabdingbar, zunächst zu erkennen, dass wir eins sind. Dieses Eins besteht aber, da wir in eine duale Welt hineingeboren sind, aus zwei Teilen, dem Männlichen und dem Weiblichen. Jeder dieser Teile hat von der Natur ganz spezielle Begabungen mitbekommen: Frauen verkörperlichen besondere Eigenschaften: das Empfangende, das Mütterliche, das Hüten, das Umsorgen. Männer stehen für den Vater, das Gebende, das Jagen, das Tun. Die Männer gingen auf die Jagd, die Frauen versorgten das Feuer und die Kinder. Beide Qualitäten sind wichtig, ohne eins von Beidem geht etwas wichtiges verloren oder beide gehen sogar zu Grunde.
    Es ist aber kein schwarz-weiß-Bild, ich möchte noch weiter gehen: In jedem Mann stecken weibliche Anteile und in jeder Frau männliche Anteile, die aber individuell unterschiedlich hoch sein können. Damit ist m.E. die gesamte Genderthematik inbegriffen, die ich für überflüssig halte und derzeit viel zu viel Platz einnimmt. Denn ich habe noch nicht von einem Menschen gehört, der sich selbst befruchten und das Kind dann austragen konnte – erst das wäre dann m.E. eine dritte Variante von Mensch-Sein, die aber in der Dualität der Natur nicht vorkommen kann.
    Gerade im letzten Jahrhundert, bedingt durch die beiden Weltkriege, ist in unserem Zusammenleben ein tiefer Spalt aufgetreten, weil die Männer nicht mehr da waren, entweder tot auf den Schlachtfeldern lagen oder später tief traumatisiert ihre Aufgaben im Familienverbund nicht mehr wahrnehmen konnten. Es entstand ein tiefes, schwarzes Loch, es fehlte die männliche Kraft und Energie, die notgedrungen die „Trümmer-Frauen“ übernehmen mussten. Es entstand ein kollektives Trauma, was sich in die nächsten Generationen weiter vererbte. Wir haben jetzt die Chance, diese Traumata anzusehen, liebevoll in die Arme zu nehmen und aufzulösen. Da hilft kein Diskustieren, Streiten usw. Hier hilft nur ein liebevolles Umarmen im Hinfühlen. Und da scheuen sich auch noch heute die meisten Kerle vor, weil genau das zutiefst als unmännlich gilt – Was für eine verquere Welt! Und auch die Feministinnen, die für die Anregung von Veränderung sicher wertvoll sind, zeigen mit den Fingern auf diese Männer, ohne vielleicht anzuerkennen, dass sie auch Angst vor diesem Prozess haben: Wir wissen nicht, wo es uns hinführt. Und dieses Nicht-Wissen macht Angst, die auch angeschaut werden will, vielleicht mit der Frage: „Was denke ich, wird schlimmes passieren? In was genau brauche ich Vertrauen?“ Es ist doch viel einfacher, gewohnter mit dem Finger auf die/den Schuldigen zu zeigen als auf die drei Finger zu schauen, die auf mich selbst zeigen.
    Ich stellte zu Anfang meiner Ausführungen die Frage: Wem dient es, einen Keil zwischen Mann & Frau zu treiben? Ich hatte oben meine Antwort geschrieben und möchte klar sagen, dass das meine Antwort ist, die erlaubt, andere Antworten nehmen sich stehen zu lassen. Jeder sollte für sich eine individuelle Antwort darauf finden. Vielleicht reicht ja auch schon, einfach nur mal diese Frage gehört zu haben und nichts weiter damit zu tun. Schließlich wächst Gras nicht schneller, wenn ich daran ziehe.

    Antworten
    • Annette
      Annette sagte:

      Lieber Heiner,
      Ja.
      Finde ich gut was du schreibst.
      Wir haben jetzt die Chance unsere Traumata liebevoll anzusehen und aufzulösen. Ja .
      Und dannfolge ich grad der Gedankenwelt eines jungen Transgendermenschen. Für mich als alte Feministin und Fan von CG Jung ist das konsequente Ablehnen von binärern Zuschreibungen eine Herausforderung.Und damit bleibt auch die Genderthematik spannend…..

      Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Hallo Heiner,
      vielen Dank für deine offene Darstellung. Vielem kann ich zustimmen, aber wie du schreibst können daneben auch andere Ansätze stehen. Ich habe eine andere Perspektive.
      Ich habe extra den Gegensatz der Geschlechter nicht zum Thema von dem Artikel gemacht. In meinen Augen lenkt das ab von der Selbstreflektion. Ein Beispiel: Die Idee, dass Männer potentielle Vergewaltiger sind stammt eben nicht von Feministinnen. Der Mann bevor er zivilisiert ist „ist ein Tier […]. Zu seinen wenigen sinnlichen Genüssen können wir das Vergnügen zählen, das aus dem Verkehr mit dem anderen Geschlecht erwächst. […] Ein Vergnügen […] in dem bar jeglicher gegenseitiger Zuneigung und jeden intellektuellen Empfindung, die Männer völlig gleichgültig sind, welche Gefühle ihre weiblichen Partner für sie hegen, so lange sie sich zahm unterordnen und ihre Gelüste befriedigen.“ Dies schrieb 1779 William Alexander. Dies sind eben Bilder von Männern, die unsere moderne Gesellschaft bis heute prägen. Feministinnen greifen das nur auf.
      Bevor wir irgendwelche Gegensätze versöhnen und nach vorne auf eine befriedete Geschlechterlandschaft schauen, sollten wir unsere tief verwurzelten Selbstbilder anschauen und die darin liegende Scham bearbeiten. So meine These.
      Deine Frage, wem oder was das alles nutz, finde ich gut. Ich finde wichtig, dass unsere heutigen Bilder von Mann und Frau in einer Zeit gebildet wurden, als das Menschsein neu bestimmt werden musste. So ging mit der Formulierung der Menschrechte eine Distanzierung zu den Tieren einher. Es wurde wichtig, dass Mensch sein heißt, das eigene Tiersein zu überwinden. Und insbesondere der Mann wird halt so gedacht, dass er ständig mit diesem Thema beschäftigt ist. Dazu ist er neben der Frau als Lehrmeisterin eben auch noch mit einer großen Vernunft ausgestattet.
      Der Nutzen lautet also: mit diesen Bildern ist es uns gelungen, uns von der Natur, unserem Tiersein zu emanzipieren. Das hat uns viel ermöglicht (Wissenschaft …) und dafür bezahlen wir gerade einen Preis (Klimawandel, Artensterben, Entfremdung, Leblosigkeit …). Wenn wir tatsächlich was befrieden wolle, uns weiter entwickeln wollen müssen wir da hinschauen. Welche Bedeutung will ich dem eigenen Tier sein, Natur sein, Lebendig sein geben. Das ist eine extrem weitreichende Frage zum Menschsein.
      Konkret: wie kann ich nach Jahrhunderten der Abspaltung das Tiersein wieder integrieren?

      Antworten
  6. Heiner Braun
    Heiner Braun sagte:

    Moin Ingo,
    habe mir gerade nochmal die neuen Kommentare zu deinem Text angesehen. Viele Gedanken….
    Gestern bekam ich von einem Freund zwei Filme, die das Thema Mann-Frau betreffen und mich emotional ansprachen: ich habe geguckt, gehört und geheult – einfach so, ohne Denken, ohne Worte kam eine tiefe Sehnsucht hoch. Vielleicht auch was, was Dich anspricht?
    Herzliche Grüße Heiner
    (Bei den Videos können Untertitel aktiviert werden)

    Antworten
  7. Ingo Diedrich
    Ingo Diedrich sagte:

    In Youtube (https://youtu.be/v4hp8r_MffU) hat jemand unter dem Namen „Medusa“ folgenden Kommentar zu meinem Artikel hinterlegt. Ich möchte ihn hier teilen:

    „männer sind gewaltätige affen is nun mal so fängt in der schule schon an mit dem herum prügeln und endet bei vielen im knast..dauernd angespannte spakos aus testosteron wo man nie weiss rastet der affe jetzt aus?oder hat er sich genug einen gewädelt damit er sich im griff hat punkt mehr gibts dazu nichts zu sagen kriegsgeeile,dauergeeil,von gewalt beherschte männer die ihre gewalt fantasien in game sund filmen befridigen können wenn nciht machen sie es selber.“

    Antworten
    • Kathrin
      Kathrin sagte:

      Lieber Ingo, zu Medusa: sie und die Männer, mit denen sie zu tun hat haben sich viell.noch nicht genug selbst umarmt und ihre Eltern auch nicht…Zu der Scham der Männer: Erstmal glaube ich, dass dieses Thema uns besonders beschäftigt, wenn unsere Vorbilder schon Schwierigkeiten mit ihren “ Rollen“ hatten und uns als Kinder nicht in unserer Lust, unseren Trieben und unserem Geschlecht haben frei leben lassen…Ich persönlich kann sagen, ich habe das gleiche Thema wie du: die Scham der Frauen.Mich bei mir zu finden, nehme ich genauso schwierig wahr.Wieviel liebevolle, empfangende , weiche Weiblichkeit ist angesagt und ab wann ist das übergriffig und wieviel maskuline Energie ist angesagt und brauche ich, um meine “ Frau“ zu stehen und ab wann ist es eine echte Lustbremse, nicht nur für mich….Ich versuche, den Weg zu gehen zu üben, mich in all meiner Lust, Weiblichkeit, Kraft, Kreativität und Schwäche anzunehmen und darüber in Kontakt zu treten, auch gerne mit MÄNNERN.Wenn wir feststellen, dass doch viele von uns ein ähnliches Thema haben , haben wir doch wieder etwas verbindendes, was die Abgrenzungen auflöst, worüber wir uns austauschen können, von mir aus auch gerne mal life…
      LG, Kathrin

      Antworten
      • Ingo Diedrich
        Ingo Diedrich sagte:

        Liebe Kathrin,
        ja, da stimme ich dir gern zu. Unsere Erziehung, unsere Situation als Kinder usw. ist sicher sehr wichtig, wie entspannt wir mit uns selber da umgehen können. Und ich kann mir gut vorstellen, dass Frauen eben auch ein schamhafte Beziehung zu sich haben.
        In Bezug auf die Aufarbeitung sehe ich aber einen großen Unterschied: Frauen arbeiten sich seit Jahrzehnten gegen die entsprechenden Bilder ab. Sie tun dies meist aus der Position der Unterdrückten. Als Opfer des männlich geprägten Patriarchats.
        Den Männern fällt diese Position schwer. Wie kann man sich von etwas emanzipieren von dem man doch irgendwie Nutznießer ist? Sich als Opfer der Frauen zu präsentieren, wäre schon sehr schräg. Ich glaube, dass sehr viele Männer ihre Scham noch nicht einmal spüren können. Schon alleine das wäre zu kränkend.
        Ja, Männer und Frauen zu dem Thema Scham und Beziehung zu den Wurzeln in Austausch zu bringen, wäre sicher spannend. Ich glaube allerdings, dass dafür viel geklärt werden müsste, wer welche Perspektive, Bilder, Vorstellungen hat, wie Augenhöhe hergestellt werden kann usw.
        Mir ging es in dem Text erst einmal um die männliche Scham. Aber wer weiß, vielleich kommen wir da ja Mal in Kontakt 😉
        Liebe Grüße
        Ingo

        Antworten
  8. Andrea
    Andrea sagte:

    Lieber Ingo,
    in Zeiten von #Me Too einen Artikel über die Diskriminierung von Männern zu schreiben erfordert wahrscheinlich Mut. Aber schon auch eine große Portion Ignoranz, finde ich.
    „Die Polemik der Feministinnen kann weh tun, aber sie ist nicht nötig.“ Wirklich nicht?

    „Jede dritte Frau in Europa hat als Erwachsene körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren. Das ist das Ergebnis einer EU-Studie aus dem Jahr 2014, bei der 42 000 Frauen befragt wurden. Deutschland liegt im Mittelfeld: 35 Prozent haben hier seit ihrem 15. Lebensjahr mindestens einmal sexuelle oder körperliche Gewalt erlebt, sind also geschlagen, getreten, geohrfeigt, begrapscht, genötigt oder zum Sex gezwungen worden. Eine von zwanzig Frauen wird demnach vergewaltigt, eine von zehn erlebt andere Formen sexueller Gewalt. 2004 kam eine vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) herausgegebene repräsentative Untersuchung zu noch drastischeren Zahlen: Fast jede siebte Frau in Deutschland wird demnach vergewaltigt oder sexuell genötigt.“

    94% der Opfer von Vergewaltigungen sind weiblich, 99% der Täter sind männlich. Der fremde, unbekannte Täter ist eher die Ausnahme. 80% der Vergewaltiger kennen ihre Opfer, sind Partner, Vater, Onkel, Beichtvater, Arbeitskollege, Chef, Trainer, usw. Sexuelle Gewalt kann jede Frau treffen, unabhängig von Alter, BIldungsgrad und materieller Situation. Genauso gibt es Vergewaltiger in allen sozialen Schichten und Bevölkerungsgruppen. Die Soziologin Monika Schöttle, Autorin der Studie von 2004, sagt: „Sexualstraftäter sind nicht anders als alle anderen Menschen und sie sind auch nicht alle pathologische Persönlichkeiten. Man erkennt sie nicht und das ist nicht beruhigend.“
    Was also ist falsch an dem Satz „Alle Männer sind potentielle Vergewaltiger“?
    Die Bedeutung des Begriffs „potentiell“ ist uns doch gerade in diesen Zeiten geläufig: Wir halten Abstand, wir tragen Maske, weil wir alle potentielle Virenüberträger sind. Dabei ist doch völlig klar, dass 99% der Menschen keine Viren in sich tragen, aber der/dem einen, der/die es dann doch tut, sieht man es halt nicht an.
    Der Satz „Alle Männer sind potentielle Vergewaltiger“ hat in meinem Verständnis noch nie eine individuelle Beschämung von Männern zum Ziel gehabt. Er beschreibt ein strukturelles, nicht zu leugnendes Problem. Und dieses existiert seit Jahrhunderten und ist leider immer noch hochaktuell.
    Als Frau und potentielles Opfer einer Vergewaltigung ist es für mich ziemlich irrelevant, ob bei einem potentiellen Täter die animalische Natur durchbricht oder die verkorkste Biografie. Eine kollektive Betroffenheit, ja vielleicht sogar Scham, angesichts der oben angeführten Zahlen, empfinde ich als durchaus angemessen.

    Vielleicht zum besseren Verständnis noch ein Exkurs zu einem anderenThema: Auch Rassismus ist ein strukturelles Problem. Ich halte mich nicht für eine Rassistin, aber als weiße Frau, die in einem der reichsten Länder der Welt geboren wurde, bin ich eindeutig verhaftet in tiefsitzenden rassistischen Mustern und profitiere von der strukturellen Ungleichkeit. Ob ich will oder nicht habe ich z.B. auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen als jemand mit dunkler Hautfarbe und fremdländischem Namen. Dafür kann ich nichts, aber es macht mich betroffen. Und ja, ich empfinde manchmal auch Scham darüber, Teil eines solchen Systems zu sein. Von einem Satz wie z.B. „Alle Weißen sind potentielle Ausbeuter“ würde ich mich keinesfalls diskriminiert fühlen.

    Soweit mein Diskussionsbeitrag…
    Andrea

    (Alle Zitate aus: https://www.sueddeutsche.de/panorama/vergewaltigung-die-7-wichtigsten-fakten-zu-sexueller-gewalt-1.2937498)

    Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Liebe Andrea,
      vielen Dank für deinen Diskussionsbeitrag. Ich möchte auf ein paar Punkte kurz antworten.

      Du beschreibst und zeigst in einem Film wie Frauen von Männern belästigt, bedroht und vergewaltigt werden. Und meinst, dass Scham (wohl von Männern) „durchaus angemessen“ sei. Wenn ich die Infos an mich ran lasse, empfinde ich eher Wut gegen diese Männer als Scham mit ihnen. Für Scham müsste ich mich mit ihnen identifizieren. Inwieweit identifizierst du dich z.B. mit brüllenden und schlagenden Müttern? Schämst du dich, wenn du hörst, dass Kinder von ihnen misshandelt werden?

      Rassismus ist für dich ein strukturelles Problem. Ja, wir sind so in diese ausbeutende Struktur integriert, dass es kaum möglich ist, nicht auszubeuten. Von daher ist die Einordnung als „potentieller Ausbeuter“ nicht falsch. Bei Vergewaltigung ist das aber anders. Da geht es nicht um strukturelle, sondern um ganz direkte Gewalt. Da gibt es einen Täter, eine konkrete Handlung und ein Opfer. Und damit hat die Behauptung, ich sein ein potentieller Vergewaltiger, eine sehr konkrete und persönliche Bedeutung.

      Deinen Vergleich mit der aktuellen Situation finde ich gut. Ja, wir lernen gerade, alle Mitmenschen als potentielle Virenüberträger, als Bedrohung anzusehen. Den Kindern wird in der Schule ganz pauschal beigebracht, wie gefährlich die anderen Kinder sind. Und das, obwohl 99% keine Viren übertragen. Ein unbeschwertes körperbetontes Spiel ist nicht mehr möglich. Es wäre katastrophal, wenn sich dieses Bild verfestigen würde, wenn sich die Meinung durchsetzen würde, dass Kinder natürlich immer potentielle Virenüberträger sind und so auch behandelt werden sollten. Das würde unser Miteinander sehr verändern.

      Und das sehe ich beim Mann. Er gilt per se als gefährlich und bedrohlich, als etwas, was man unter Kontrolle kriegen muss, unter das dünne Eis der Zivilisation.
      Das mag dir egal sein – mir nicht. Weil dieses Bild mir nicht gut tut und eben ein unbeschwertes Miteinander verhindert.

      Das Thema meines Textes war aber nicht die Diskriminierung des Mannes, sondern sein Umgang mit diesem Bild. Er hat es selbst mitgeprägt und sehr verinnerlicht und wird somit nicht nur von außen misstrauisch betrachtet, sondern tut es selber. Eine unbeschwerte Hingabe an das Leben ist ihm nicht möglich. Wer weiß, was dann hochkäme. Er muss ständig Kultur erschaffen usw. Dieses schamvolle Verhältnis zu sich selbst als Mann war Thema des Textes.
      In den siebziger Jahren haben sich auch viele Frauen mit ihrer schamvollen Beziehung zum Selbstbild beschäftigt bis sie meinten, sich von diesem Bild emanzipieren zu können („Die Scham ist vorbei“). Ich glaube wir Männer sind noch lange nicht so weit.

      In dem Text habe ich versucht, da einen Blick drauf zu werfen. Es ist kein Text, der Schuld relativiert, der aber auch nicht in den Opferwettkampf einsteigen will. Darum habe ich die Feministin Lessing zitiert, auf die männliche Legislative hingewiesen und betont, dass wir für die Beschämung keine Feministinnen benötigen. Das können wir selber. Was daran ignorant ist, sehe ich nicht.

      Und ich glaube, dass Männer, die mit den eigenen Wurzeln versöhnt sind, viel weniger auf so unbefriedigende Vorstellungen wie eine Vergewaltigung kämen.

      Soweit von mir erst einmal …

      Antworten
  9. Marlene
    Marlene sagte:

    Hallo Ingo,
    habe einen Spiegel Artikel gefunden der meiner Meinung nach gut zu deinem Thema passt!
    Die Natur des Mannes in der Sexualität, die mir gefiele, wäre Achtsamkeit, Respekt und Resonanz mit der Partnerin/dem Partner. Leider werden auch heute noch sehr viele Männer sexuell übergriffig, wie sich in den Statistiken zeigt. Also komme ich nicht umhin, Männer erst einmal beim Kennenlernen auf ihre Übergriffigkeit zu checken. Dass du dich vielleicht darüber empören würdest, persönlich in Kontakten als allererstes auf deine Gefährlichkeit gecheckt zu werden, verstehe ich irgendwie. Da ich aber in meinem Leben auch schon einige Male mich nur knapp aus gefährlichen übergriffigen Situationen von Männern befreien konnte, bleibt dieses Stigma der potentiellen Gewalt in meinem Männerbild im Hintergrund erhalten. Zu meinem eigenen Selbstschutz! Im Kontakt mit Frauen geht es mir nicht so. Vertraue ich einem Mann hingegen, dann fällt dieses Stigma weg. Neben der Gewalt Bedrohung gibt es für mich manchmal noch unangenehme Objekt Erwartungen des Mannes an die Frau, wie sie beim Sex funktionieren soll, wie sie aussehen soll , was sie bitteschön nicht sagen soll oder nicht fühlen soll und so weiter. Die Frau wird vom Mann doch noch häufig zum Objekt gemacht.
    Also wie stellst du dir denn die Natur des Mannes, frei von Zuschreibungen, für dich persönlich vor? Und wie soll die negative Gewalt Erfahrung der Frauen von den Männern berücksichtigt werden? Es ist unmöglich für mich und bestimmt auch für viele Frauen diese Gewalt Erfahrungen einfach auszublenden.
    Ohne Beschreibung von Männern zu ihrer Natur, wie das aussehen kann ohne Zuschreibungen, fehlt mir ein Schlüssel zum Verständnis.
    Liebe Grüße, Marlene

    https://www.spiegel.de/psychologie/sexualisierte-gewalt-ich-hatte-in-dem-moment-das-gefuehl-sex-ist-die-endgueltige-bestaetigung-a-c425f05d-9fd9-4287-b342-97f11e310c0b

    Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Hallo Marlene,
      ich denke, dass wenn du Männer als gefährlich wahrnimmst, solltest du vorsichtig sein. Wenn du sie abchecken willst, dann tue das. Der Mann muss dann halt schauen, inwieweit er das mit sich machen lassen will. Da geht es doch einfach darum, mit welchen Strategien du mit deiner Angst umgehen kannst. Inwieweit diese Angst auf Erfahrungen beruht oder auf tradierte Bilder oder Verallgemeinerungen weiß ich nicht. Gewalterfahrungen einfach ausblenden, halte ich auch für völlig falsch.

      In meinem Text ging es nicht um die Angst der Frauen, sondern um das Männerbild in der Moderne. Ich gehe davon aus, dass dieses Bild viel kaputt macht: Beziehung zwischen Mann und Frau, Selbstbild des Mannes, aber auch die Bedeutung der Natur in der Gesellschaft. Das Bild ist nicht selbstverständlich, sondern historisch entstanden und somit hinterfragbar.

      Wenn die gesellschaftliche Aufgabe des Mannes eben nicht mehr wie bisher die Überwindung der Natur ist, sondern z.B. einen gemeinsamen Ausdruck mit der Frau von Lebendigkeit finden, dann würde sich das Männerbild sofort ändern.

      Ich möchte deutlich machen, in welchen unguten Widersprüchen der moderne Mann sich befindet und welche Konsequenzen das hat. Jetzt ein positives Bild von der „Natur des Mannes“ zu malen, finde ich nicht sinnvoll. Wozu sollte das gut sein? Ich weiß ja noch nicht einmal, ob es eine „Natur des Mannes“ gibt.

      Ich glaube auch, dass ein Mann Erwartungen an eine Frau hat, wenn er mit ihr ins Bett geht. Haben Frauen keine Erwartungen? Ja, Frauen werden oft von Männern „zum Objekt gemacht“ und Männer werden oft von Frauen „zum Objekt gemacht“. Die Beziehung zwischen den Geschlechtern insbesondere beim Sex ist kompliziert.

      Die uns selbstverständlichen Bilder und Glaubenssätze zu den Geschlechtern sorgen für Stabilität. Wir glauben zu wissen, woran wir sind. Aber gerade die Frauenbewegung hat doch gezeigt wie hohl diese Klischees sind.
      Ich kann und will dir nicht ein neues Männerbild geben, dass dich beruhigen würde. Ich habe auch kein entsprechendes Frauenbild. Ich weiß aber, das die Reduktion auf Gefühle usw. bei den Frauen nicht mehr stimmig ist. Und entsprechendes gilt für die Männer. Alles andere kann sich zeigen …

      (Den SPIEGEL Artikel konnte ich nicht lesen)

      Antworten
  10. Andrea
    Andrea sagte:

    Lieber Ingo,
    nein, diese Antwort überzeugt mich nicht.
    Wenn irgendwelche Nazis rassistisch motivierte Morde begehen, dann gibt es da auch ganz konkrete Täter, Opfer und Handlungen. Was nichts daran ändert, dass diese Tat in einer gesellschaftlichen Situation von strukturellem Rassismus stattfindet.
    Und genauso ist es mit den Vergewaltigungen auch: Sie finden in einer von patriarchalen und sexistischen Strukturen geprägten Gesellschaft statt, und wir alle sind Teil dieser Strukturen.
    Wenn ein Drittel der Frauen diese Art Gewalt erfahren, dann geht es nicht um Einzeltaten und Einzeltäter. Das zeigt, finde ich, auch diese Ausstellung sehr eindrücklich, die den fließenden Übergang von sexistischer Anmache, vermeintlich banalen Grenzüberschreitungen bis hin zur Vergewaltigung aufzeigt. Da geht es um Denkmuster, Rollenklischees und Bewertungen, von denen wir alle eben so wenig frei sind wie von rassistischen Denkmustern, ohne dass wir im engeren Sinne zu Täter*innen werden.
    Natürlich kann man wütend werden über die Täter und sich damit innerlich distanzieren. Betroffenheit und Scham zuzulassen bedeutet dagegen, die Täter nicht als „grundsätzlich anders“ zu denken. Ich bleibe dabei, dass ich das für angemessen halte.
    Ja, ich schäme mich auch mit und für Mütter, die ihren Kindern Schaden zufügen. Auch da kann ich erkennen, dass ich nicht grundsätzlich anders bin, dass ich durchaus auch so ein Potential in mir habe.
    Ich schäme mich auch für das, was wir Deutschen mit der Shoah Juden angetan haben, obwohl es vor meiner Geburt stattgefunden hat. Scham kann sich durchaus auf menschliches Potential beziehen und nicht nur auf das konkrete eigene Handeln. Es ist nicht nötig, sich mit den Täter*innen zu identifizieren, es reicht, eine grundsätzliche Gemeinsamkeit nicht zu leugnen. Wir Menschen sind zu unvorstellbaren Greueltaten grundsätzlich in der Lage, alle, ohne Ausnahme, haben dieses Potential. Und je nach gesellschaftlicher Machtverteilung u.ä. gibt es davon eben unterschiedliche, z.B. geschlechtsspezifische Ausprägungen.

    Und noch ein Wort zu meinem Bezug auf das menschliche Potential, Virenüberträger zu sein: Selbstverständlich wird diese Pandemie unser Miteinander nachhaltig prägen und verändern. So wie es vermutlich jede Seuche in der Menschheitsgeschichte getan hat, so wie z.B. die Existenz des HIV-Virus auch unsere Sexualität nachhaltig verändert hat. Das können wir betrauern oder auch wütend werden – aber es hilft doch nicht, eine Realität zu ignorieren, nur weil sie verstörend ist. Menschen sterben, weil sie von anderen Menschen angesteckt wurden. Und Frauen sind traumatisiert, weil sie von Männern vergewaltigt wurden. In dieser Welt leben wir nun mal.

    „Vielleicht gibt es schönere Zeiten; aber diese ist die unsere.“
    ―Jean-Paul Sartre

    Liebe Grüße
    Andrea

    Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Liebe Andrea,
      so wie ich das lese, gehst du davon aus, dass „wir Menschen […] zu unvorstellbaren Greueltaten grundsätzlich in der Lage“ sind und somit ist es angemessen, alle Männer als „potentielle Vergewaltiger“ zu betrachten. Und du hältst es auch für angemessen, dass sich die Männer für die Vergewaltigungen anderer Männer schämen. OK, das ist angekommen.

      In meinem Text habe ich beschrieben, dass der moderne Mann grundsätzlich als Vergewaltiger, rücksichtsloser Egoist und unempathisch liebloser Mensch gedacht wird. Er lebt dies nur deshalb nicht aus, weil er ab der Geburt insbesondere von den empathischen und liebevollen Frauen zivilisiert wurde. Dies ist viel mehr als dein „grundsätzlich in der Lage“ sein. Der moderne Mann ist demzufolge ein vernunftbegabtes brutales Wesen.

      Thema vom aktuellen Mann ist nicht so sehr die Gewalterfahrung (wie bei den Frauen), sondern die (Selbst-) Verachtung.
      Und so wie die Frauen vor vielen Jahren angefangen haben, die Reduktion auf Gefühle zu hinterfragen, wird es Zeit, dass Männer die (Selbst-) Verachtung und Reduktion auf Vernunft und Rücksichtslosigkeit thematisieren. Die in diesem Bild fixierte Scham gehört an die Oberfläche.

      Dass viele Männer sich übel verhalten und dass Frauen (und auch Männer) sich damit auseinandersetzen müssen, steht auf einem anderen Blatt und war nicht Thema des Textes. (vgl: Das verteufelte Geschlecht)

      Ich gehe davon aus, dass wir Menschen einen großen Schritt nach vorne machen können, wenn wir die herrschenden Bilder über Mann und Frau hinterfragen. In diesen Bildern geht es u.a. um die Distanzierung der Menschen von der (ihrer) Natur. Ich gehe davon aus, dass nur indem wir diese Bilder hinterfragen, wir uns auch wieder mehr als in der Natur integriert erleben können.
      Auch wenn die Geschlechterbeziehung nicht das Thema des Textes war, so finde ich die beiden Filme, die Heiner eingestellt hat, sehr gut. Sie zeigen, wie ein weiterer Schritt aussehen könnte.

      Ja, wir leben in diesen Zeiten und wir haben die Möglichkeit, sie zu ändern.
      Ingo

      Antworten
  11. Volker Nietfeld
    Volker Nietfeld sagte:

    Hallo Ingo,
    Scham ist ein wichtiges Gefühl, denn es ist ein Begleiter von “Schuld”. Und alles, was natürlich und lebendig ist, kann es denn schuldig sein? Ein großes Thema und der Missbrauch von Macht und Kraft entspringt vielfach dem Wunsch nach Kontrolle und dies fördert Misstrauen.

    Die Sucht nach Kontrolle ist ein menschliches Phänomen, ich denke da geht es Männern und Frauen ähnlich…
    Unsere instikthafte Seite ist nicht unbedingt animalisch, sie entzieht sich der Kontrolle und das macht sie unhandlich. Ich ziehe den Begriff “intuitiv” vor, denn das wahrnehmen von “unsichtbaren” Phänomenen (Gefühle, Schwingungen) ist das, was Lebendigkeit auszeichnet, denn es bedeutet mit sich und der Welt in Einklang zu kommen.
    Scham und die Tendenz zu verbergen fördert Ängste. Und wer Angst hat zieht sich zurück, fühlt weniger und wird weniger spürbar. Wir sollten uns alle mehr mit unserer Spontanität zumuten und weniger bewerten, eher staunen, was geschieht, wenn wir ins Fließen kommen.

    Antworten
    • Ingo Diedrich
      Ingo Diedrich sagte:

      Lieber Volker,
      vielen Dank für deinen Kommentar! Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles verstanden habe, möchte aber kurz antworten. Vielleicht hat ja noch jemand anders Ergänzungen.

      Ja, Scham kann was mit schuldhaften Verhalten wie z.B. Machtmissbrauch zu tun haben. Ich habe mich hier aber auf eine Scham bezogen, die sich auf ein Männerbild bezieht. Ähnlich wie die „Erbsünde“ auf ein Menschenbild verweist, das uns per se schuldig spricht und uns schämen lassen soll, so ist der moderne Mann per se im Kern rücksichtslos, triebhaft, lieblos usw. – eben wie ein Tier. Mit diesem Kern sollen wir uns ständig beschäftigen und das verweist auf die Scham. So sehe ich das.

      Dieses Bild wird weder den Tieren noch uns Männern gerecht, aber gilt trotzdem bis heute. Die Aufforderung die Zivilisation (also die Überwindung des Tierseins) zu stärken ist zentrales Merkmal unsrer Kultur.
      Auf diesem Hintergrund macht die Selbstkontrolle durchaus Sinn: da nachlassen hieße, dem barbarischen Druck von unten nachzugeben. Die Männer ständen wieder in ihrer ganzen egoistischen Rohheit da.

      Ich stimme dir zu, dass es gut wäre, weniger zu kontrollieren.
      Aber damit einhergehen müsste eine Veränderung unseres Selbstbildes. Erst wenn wir uns zugestehen, in unser Tiersein, unseren animalischen Anteilen und der Lebendigkeit vertrauen zu können, können wir Unwillkürlichkeiten Raum geben. Ja, dann könnten wir uns von Spontanität und Intuition lenken lassen und so unsere Lebendigkeit stärken.

      Animalische Grüße 😉
      Ingo

      Antworten

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