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Deutschland präsentiert sich gern als Klimapionier[i] und kann als Wegbereiter in Sachen Klimaschutz auf erstaunliche Erfolge verweisen.

Klimapionier DeutschlandSo zeigt ein einfacher Vergleich, dass selbst ein Land wie Indien mehr als doppelt so viel CO2 abgibt als Deutschland.[ii]

Was ist das Rezept vom Klimapionier Deutschland? Wie sieht der Weg aus, den wir bereiten? Spätestens seit der Ölkrise Anfang der 70er Jahre stehen zwei Aspekte im Vordergrund:

  • Die Suche nach der besseren Technik. Sie soll weniger Energie verbrauchen und sie soll sauberer sein, also weniger Schadstoffe ausstoßen. Dies gilt für die Produktion aber auch für die Konsumartikel. Fast alle Kühlschränke haben somit heute eine Energieeffizienzklasse A+++ – Tendenz steigend.
  • Der Aufruf an die Bevölkerung, schonender mit der Umwelt umzugehen und die Energie sparsamer einzusetzen.

Wir Klimapioniere folgen also einer Doppelstrategie: Technikgläubigkeit und Disziplinierung.[iii] So kennt man uns Deutsche und an diesem Wesen soll nun das Klima genesen.

Deutschland ist kein Klimapionier!

Es wäre eine Katastrophe, wenn uns die Inder auf diesem Weg folgen würden. Pro Kopf geben wir dank unserer Hightech im Jahr sechs Mal mehr CO2 (9,25 Tonnen) an die Umwelt ab als die Inder (1,49 Tonnen).[iv]

Deutschland ist für das Klima eine kaum zu tragende Last und kein Klimapionier! Die ewig gleiche Botschaft, dass wir die Besten sind, weil wir die beste Technik und Disziplin haben, ist bestenfalls blind für die tatsächlichen Probleme unserer Umwelt.

Lösungen

Der Klimawandel ist ein großes Problem und wir benötigen dringend Lösungen. In der Systemtheorie werden Lösungen erster und zweiter Ordnung unterschieden.[v]

Lösung erster Ordnung

Wenn ich friere, kann ich einen Pullover anziehen. Wenn es noch kälter wird, kann ich einen weiteren Pullover darüber ziehen. Wir haben ein Problem (Kälte) und wir haben eine Lösung (Pullover). Wir können mit immer mehr Pullovern das Problem angehen und müssen unsere Strategie nicht ändern.

Irgendwann haben wir unsere Beziehung zur Natur als „Umweltverschmutzung“ definiert und die Ingenieure nach einer Lösung dieses Problems gefragt. So wurden u.a. neue Kraftwerkstypen entwickelt und die Menschen im Ruhrpott konnten wieder atmen.
Das Problem Umweltverschmutzung verschwand aber nicht, sondern zeigte sich immer wieder in einem neuen Gewand. Der Strategie treu bleibend, werden immer neuere Kraftwerkstypen entwickelt. Zurzeit stehen die Kraftwerke der Erneuerbaren Energie im Zentrum. Sie gelten als besonders sauber und es ist sicher sinnvoll, sie anstelle von Kohlekraftwerken einzusetzen.
Aber schon in ein paar Jahren werden sie stören. Die Techniker werden mit denselben Argumenten wie immer sagen: es ist effizienter und sauberer, die Sonnenstrahlen nicht mühsam aufzusammeln, sondern selbst herzustellen –> Kernfusion.[vi] Die Spirale wird weiter getrieben, aber unsere problematische Beziehung zur Natur wird so nicht gelöst.

Wir haben vor langer Zeit den Hammer entwickelt. In der Betrachtung der Welt entdecken wir immer mehr Nägel, die wir mit hoch spezialisierten Hämmern erfolgreich bearbeiten können. Aber die Probleme, die ein Hammer verursacht, kann ein Hammer nicht lösen!

Ab einer bestimmten Anzahl von Pullovern ist die Bewegungsfreiheit so eingeschränkt, dass es keinen Sinn macht, noch einen weiteren darüber zu ziehen.

Lösung zweiter Ordnung

Die „technische Lösung“ ist längst zu einem Glauben verkommen und selbst zum Problem geworden. Die Lösung erster Ordnung (mehr vom Selben und Strategie beibehalten) bringt uns immer weiter, bleibt aber den Koordinaten, die das Problem verursachen treu.

Wir benötigen eine Lösung zweiter Ordnung, die genau dies ins Zentrum stellt. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass wir das bisherige System verlassen, tatsächlich etwas ändern.
Dies ist die Stunde der Klimapioniere. Sie gehen einen neuen Weg und sagen etwas, das in den bisherigen Koordinaten als absurd erscheint. Als Land der Klimapioniere müssten wir viel Mut aufbringen, bisherige Gewissheiten in Frage zu stellen, Raum für Spinner anzubieten, Ungewissheiten aushalten und Neuland betreten.

Ja zum Klimapionier Deutschland!

Es wäre sehr schön, wenn Deutschland tatsächlich zum Klimapionier würde.

  • Ich würde gern über den Umgang mit der Natur und dem Klima z.B. von Indien lernen.
  • Ich möchte ernsthafte Diskussionen z.B. über Wilhelm Reichs Klimamodell, das er schon vor 60 erarbeite. Macht es Sinn von Stagnation, Energiefluss und Blockaden in diesem Bereich zu sprechen?[vii]
  • Ich möchte eine Verbindung zwischen unserer Beziehung zur Umwelt und zur Innenwelt.
  • Ich möchte wissen, was es jenseits der Askeseforderung und dem verpönten und gleichzeitig geforderten Hedonismus gibt.
  • Ich möchte Energie einmal nicht aus der Perspektive von Ingenieuren ansehen.
  • Ich möchte Lösungen erster und zweiter Ordnung zusammen denken.
  • Ich möchte die Angst thematisieren, die auftaucht, wenn wir vom Heilsbringer Technik ablassen.

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[i] Vgl. Petra Pinzler: Eine geht noch. Die ZEIT, 17.12.2015, Nr 51, S.1. Pinzler macht sich Sorgen, dass wir nicht mehr „automatisch […] zu den Guten, den Klima-Pionieren, gehören“ könnten und fordert eine zweite Energiewende.

[ii] Die zehn größten CO2-emittierenden Länder nach Anteil an den weltweiten CO2-Emissionen im Jahr 2015. Indien: 5,81% der weltweiten CO2 Emissionen, Deutschland: 2,36% der weltweiten CO2 Emissionen.

[iii] Ganz in diesem Sinne fordert die ZEIT für die „Energiewende 2.0“ „den Verbrauch von Kohle und Öl enorm [zu] drosseln“. Außerdem sollen wir neue Pumpen für die Heizungsanlage kaufen: „Neuere Modelle sparen enorm Energie“. Energiewende heißt Askese: Sie „wird uns alle außer Geld noch etwas kosten: Bequemlichkeit“.

[iv] Pro-Kopf-CO2-Emissionen nach ausgewählten Ländern weltweit im Jahr 2013 (in Tonnen). Ihren individuellen Ausstoß können Sie mit dem CO2 Rechner bestimmen.

[v] Vgl. Paul Watzlawick, John H. Weakland, Richard Fisch: Lösungen. Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels. Göttingen 2013

[vi] focus online: Wendelstein 7-X: Wie Kernfusion die Energiegewinnung revolutionieren könnte (08.11.2015)

[vii] Wilhelm Reich: OROP Wüste. Raumschiffe, DOR und Dürre, 1995.
Vgl.: Jochen Schilk: Mehr Wachstum! Ein »Regenmacher« begrünt erfolgreich Algeriens Wüste. 2015