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Die Naturwissenschaften konnten in den letzten Jahren insbesondere in der Hirnforschung große Erfolge vorweisen. Sie prägen immer stärker unser Bild vom menschlichen Zusammenleben.

Der Soziologentag 2006[1] („Die Natur der Gesellschaft“) stand ganz unter diesem Eindruck. Mit geschliffenen Argumenten in festgezurrten Grenzen setzte sich der Berufsstand gegen den Verlust der Deutungshoheit zur Wehr.

Lebendige Soziologie

Der Soziologe Thomas Lemke greift kurze Zeit später das Verhältnis zwischen Natur und Gesellschaft bzw. Natur- und Sozialwissenschaften noch einmal auf und fordert einen „Dritten Weg“.[2]

Er sieht zwei konträre Perspektiven:

  • Die naturalistischen Konzepte „favorisieren umweltdeterministische“ Modelle und sehen in den gesellschaftlichen Prozessen den direkten Ausdruck der natürlichen Grundlagen.
  • Die „soziozentrischen“ Modelle, die sich ausschließlich für die symbolische Dimension des Naturverhältnisses interessieren. Ihr Thema ist die Kommunikation und Vergesellschaftung – die materiell-stofflichen Aspekte treten in den Hintergrund.

Seiner Einschätzung  nach sind aber beide Wege nicht in der Lage die „Vermittlung von symbolischen und materiellen Dimensionen“ angemessen zu bearbeiten. In beiden „wird Natur letztlich auf eine passive Rolle reduziert“. „Im ersten Fall liegt sie gesellschaftlichem Handeln voraus und determiniert dieses; im zweiten ist sie Resultat und Projektionsfläche sozialer Praktiken ohne dass ihr selbst Substanz und innere Konsistenz zukäme.“

Der Dritte Weg

Lemke plädiert für ein „transdisziplinäres Feld“, in dem die Natur- und Sozialwissenschaften ihre Kompetenzen einbringen und in einen „kooperativen Dialog“ treten. So seien die „Interaktionen zwischen Gesellschaft und Natur“ zu bearbeiten.

Seine Argumente sind so einleuchtend, dass sich die Frage stellt, warum dieser Weg nicht einfach gegangen wird. Neben Gründen, die sich aus der Theorie, der Geschichte, den methodischen Zugängen, der Macht- und Deutungsansprüchen ableiten, möchte ich darauf hinweisen, dass so ein Prozess mit einer immensen Orientierungsunsicherheit einhergehen würde.

  • Natur- und Sozialwissenschaften haben sich in der Abgrenzung entwickelt. So ärgerlich die Auseinandersetzung mit den Anderen sein mag, so wichtig ist das Starren auf die Grenze für das Selbstverständnis.
  • Die Orientierung innerhalb der wissenschaftlichen Community ist von der Parallelität und vom Aushalten des Widerspruches beider Perspektiven geprägt. Der Wechsel vom ausschließlichen Managen der Differenzen hin zum Gestalten der Identität geht weit über bisherige Kooperationsformen hinaus.

Dem möglichen effektiveren Umgang mit zentralen Problemen steht die Ungewissheit der zu entwickelnden Orientierung gegenüber.

Lebendige Soziologie Käfer

Lebendige! Soziologie

Lemke zitiert Ulrich Beck, dass „Gesellschaft […] nicht mehr ohne Natur, Natur nicht mehr ohne Gesellschaft verstanden werden kann.“ Um dem gerecht zu werden, muss sich die Soziologie in eine schwierige Position begeben: Auf der einen Seite muss sie sich den Naturwissenschaften öffnen und gleichzeitig muss sie sich gegen deren Naturalismus wenden. Sie muss die Differenz weiterhin reflektieren und gleichzeitig Schritte auf dem gemeinsamen „Dritten Weg“ machen:

„Welche historischen und kulturellen Grenzen trennen beide Bereiche voneinander und wie lässt sich eine – darf man es sagen: lebendige? –Soziologie erfinden, die das Soziale nicht als Ausgangspunkt, sondern als Resultat einer Ko-Produktion von Gesellschaft und Natur bereift.“

Im Sinne von Wilhelm Reich kann gesagt werden, dass im Zuge der funktionellen Differenzierung zwischen Natur- und Sozialwissenschaften immer stärker ausgeblendet wurde, was differenziert wurde. Differenzierung als Trennung der Bereiche bei gleichzeitiger Abspaltung der zugrundeliegenden identischen Funktion.[3]

Aufgrund der Ausblendung leitet sich das Selbstverständnis aus der Differenz zum Gegenüber ab. Mehr Orientierungspunkte werden kaum gesehen.

Das Einblenden der zugrunde liegenden Funktion führt nicht zur Aufhebung der Differenzen, sondern zum vertieften Verständnis derselben. Gleichzeitig entsteht so ein Bezugspunkt, der erst den geforderten „kooperativen Dialog“ ermöglicht.

In seiner (leider nur) rhetorischen Frage „- darf man es sagen: lebendige? – Soziologie“ verweist Lemke auf eine mögliche zentrale Kategorie: das Leben. Wenn man z.B. das Gehirn aber eben auch das Soziale als Variation des Lebens versteht, ist es selbstverständlich, dass es Spezialisten für beide Bereiche gibt. Sie arbeiten teilweise mit unterschiedlichen Methoden und Modellen. Gleichzeitig beziehen sie sich aber gemeinsam auf die zugrunde liegende Funktion Leben und müssen dieser gerecht werden. Das Soziale ist keine abhängige Variable vom Leben, sondern variiert, wie die materiellen Aspekte auch, in spezifischer Weise diese zugrunde liegende Funktion.

Anstatt immer wieder aus der Defensive auf die Aktionen der Naturwissenschaften zu reagieren, könnten die Sozialwissenschaften einen Lebensbegriff entwickeln, der dies leisten kann. Dieser Begriff könnte dann offensiv an die Naturwissenschaften herangetragen werden.


[1] Die Natur der Gesellschaft. 33. Kongress der Deutscher Gesellschaft für Soziologie. 9.-13. Oktober 2006 in Kassel

[2] Thomas Lemke: Der Dritte Weg. Abschied vom anthropozentrischen Paradigma: Die Soziologie muss ein neues disziplinäres Selbstverständnis jenseits von Naturalismus und Konstruktivismus entwickeln. Frankfurter Rundschau. 5.12.2006

[3] Zur Bedeutung der gemeinsamen Grenzarbeit vgl.: Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. Eine orgonomisch funktionalistische Arumentation.  Bremen 2003; Ingo Diedrich: Ausgrenzung mit Gewalt: Jugendliche Gewaltkriminelle in der Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Mainstream. Eine Analyse autobiographischer Erzählungen. Saarbrücken 2008

www.dgs2006.de