Ohne Horizont leben
Es ist still, nur ein paar Vögel üben schon für den Frühling.

Es ist still und weiß vom Schnee, diffus vom Nebel. Ich kenne mich hier aus – und doch wirkt es fremd.
Es braucht lange bis ich die Wirkung vom Schnee, Nebel und den Bäumen verstehe: Es gibt keinen Horizont und somit eine Perspektive, die eigentlich keine ist.
Alles ist zweidimensional, als stünde da eine weiße Wand mit Bäumen, als hätte irgendeine KI die Landschaft einfach entfernt.
Der Boden und Hintergrund gehen ohne Ansatz ineinander über.
Für mich ein gutes Bild für das Älterwerden. Mit dem Alter verändert sich die Sicht. Yalom hat den schönen Satz geprägt, dass wenn die Sonne untergeht, man die Sterne in ihrer Feinheit besser sehen kann.1

Aber es gilt auch: Wenn der Weg sich im Nichts auflöst, ist es Zeit, sich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren.
Der Horizont bietet ein Leben lang die trügerische Orientierung, ihn erreichen zu können. Wie ein Geländer ohne Halt.
Jetzt ist der realistische Weg ins Nichts sichtbar und das Abenteuer beginnt.
Es geht um den nächsten Schritt und den Baum, der direkt vor der Nase steht.

Quelle:
- Irvin D. Yalom: In die Sonne schauen. Wie man die Angst vor dem Tod überwindet ↩︎

Ingo Diedrich




Ingo Diedrich

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