In Kontakt sein – das Risiko des Lebens

In Kontakt sein. Was gibt es Schöneres?
Ich kenne es manchmal in der geschlechtlichen Umarmung. Dieser Moment, in dem das Wort Nähe nicht mehr auszureichen scheint. Aber auch beim Spaziergang, wenn es unvermittelt ruhig wird und die Gedanken vor allem klar sind. Ein Gespräch, mit einer Berührung jenseits der Argumente. Ein Tanz, der sich so selbstverständlich anfühlt, dass ich ihn kaum merke …
Wilhelm Reich beobachtete Kontakt schon bei den einfachsten Formen des Lebens. Hier beschrieb er Anziehung, Erstrahlung, Durchdringung und Verschmelzung. Kontakt ist keine menschliche Zugabe zum Leben. Er gehört zum Leben selbst.[i]
Und sie erkannten sich
Im Kontakt erfahren wir etwas auf eine Art, die es nur im Kontakt gibt: nicht durch Beobachtung von außen, sondern in der Teilhabe im Geschehen. Noch getrennt und doch im Identischsein.
Im Kontakt ist Erkenntnis unmittelbar.
Die Bibel bringt es schön auf den Punkt: für Geschlechtsverkehr und Erkenntnis nutzt sie ein Wort.[ii]

Das Risiko
Leben bedeutet, sich um die eigenen Grenzen zu kümmern, sich auf sie zu beziehen und sie stabil zu halten.[iii] Im Kontakt geschieht etwas Merkwürdiges: Die Grenze verliert an Wichtigkeit. Wir bleiben getrennt und geben zugleich unsere Getrenntheit auf.
Im Orgasmus wird diese Öffnung besonders radikal. Vielleicht heißt er deshalb auch der „kleine Tod“.[iv] Für einen Moment lassen wir das Bemühen los, ganz bei uns und Herr/in unserer Grenzen zu sein. Eine Öffnung, die im Tod unendlich ist.
Ob der Kontakt tatsächlich schön ist, ist für mich nicht geklärt. Er ist besonders, intensiv und – mir fällt gerade kein besseres Wort ein – prekär, heikel.
Es gibt gute Gründe dem Kontakt aus dem Weg zu gehen.
Kontrollverlust
Was passiert in der Zeit der Öffnung? Ist es ein Einfallstor, werde ich zerfließen, die Grenze wieder schließen können? Werde ich dann wieder die/der Alte sein?
Im Kontakt verlieren wir die Kontrolle.
Und auch der Kontakt selbst entzieht sich unserer Kontrolle. Wir können ihn nicht machen. Wir können Sex machen und vielleicht auch eine Ejakulation herbeiführen, aber der Kontakt selbst ist nicht machbar, er ist auf Hingabe angewiesen und diese ist unwillkürlich.
Unwillkürlichkeit ist die schwer zu ertragende Schattenseite unseres Wunsches, alles im Griff zu haben.
Sicherheit
Wir können den Kontakt nicht machen, aber aus Sicherheitsgründen vermeiden. Wir können in Trennung leben, beim Sex an Pornos denken, den Bauch anspannen oder auf den großen Orgasmus starren. Wir können im Gespräch uns an den Argumenten festhalten und beim Spaziergang am Handy.
Die Wissenschaft verbietet sich den Kontakt und den darin liegenden Erkenntnissen. Sie erhält ihr Wissen in Trennung und nennt es Objektivität.[v]
Abenteuer

Ja, gerade für uns selbstbestimmte aufgeklärte Menschen birgt Kontakt Gefahren.
So wie die Arbeit an unseren Grenzen uns als Lebewesen Stabilität gibt, so ist ihre Öffnung, der Kontakt, das Abenteuer des Lebens.
In jedem wirklichen Kontakt riskiere ich etwas: für einen Moment nicht nur für mich zu sein.
[i] Vgl. Reich, Wilhelm: Die Entdeckung des Orgons II. Der Krebs. Köln 1994, S. 62ff
[ii] Vgl. Genesis 4.1: „Adam erkannte seine Frau Eva. Und Eva empfing und gebar den Kain.“ Vgl. auch den Artikel: Sex ist mehr – Und sie erkannte n sich
[iii] Vgl W. Reich, H. Maturana, F.J. Varela, J.J. v. Uexküll und H. Plessner
[iv] In Frankreich ist La petite mort eine gängige Bezeichnung für den Orgasmus
[v] Was ist mit den Dingen, die nur im Kontakt erkannt und erforscht werden können? U.a. in der Qualitativen Sozialforschung werden Wege gesucht, sich dem zu nähern. Vgl. Aus-einander-setzung mit Gewalt.
KI hat übrigens den Artikel in folgendem Bild zusammengefasst


Ingo Diedrich
Ingo Diedrich




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