Maschinenmenschen – Homo normalis

Maschinenmenschen MaschinenmenschMaschinenmenschen faszinieren in Romanen und Filmen seit langem.

Schon 1933 beschreibt Wilhelm Reich in der „Massenpsychologie des Faschismus“[1]  wie wichtig die Maschinennähe des Menschen zum Verständnis des Faschismus ist.

Ganz kurz: Der Mensch versucht das eigene Tiersein zu überwinden. Diese Abgrenzung vom biologischen Bereich geht einher mit der Orientierung am maschinellen Bereich. Das eigene lebendige Funktionieren kann nur „mechanistisch, unlebendig und starr“ (297) gedeutet werden. Soweit das Seelische nicht auch maschinell interpretiert wird, erscheint es als „nebelhafte, mystische Gegebenheit“ (299)

Diese mechano-mystische Aufspaltung ist als Charakterstruktur des „homo normalis“[2] grundlegend auch für ein Verständnis des Faschismus mit seinen mystischen Verklärungen bei gleichzeitiger Überhöhung des Maschinellen.

Der Film „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich“[3] bringt historische Beispiele für diesen Zusammenhang. Der folgende Ausschnitt bezieht sich auf Wien in den zwanziger Jahren.

Filmausschnitt Download

Zwei Aspekte sind mir hier wichtig:

  • Vitalität: Reich konstruiert zwei Bereiche: Leben <-> Nichtleben. Durch die mechano-mystische Aufspaltung im Bereich des Lebens rückt das Nichtleben in den Vordergrund. Die Vitalität bzw. Lebendigkeit als zentrale Funktion dieses Bereichs wird zugunsten toter Funktionselemente zurückgedrängt. Dieser Vitalitätsbegriff steht konträr zu einem Begriff, der im Überleben das zentrale Merkmal sieht (vgl. Vitalität; Vitalität – Nachtrag). Im Faschismus konnte der starre Militarist durchaus erfolgreich überleben. Ihn deshalb für besonders vital zu halten ist absurd.
  • Normalität: Reich beschreibt nicht eine obskure Abweichung von einer gesellschaftlichen Norm, sondern die Normalität selbst („ homo normalis“). Aufgrund einer genauen Beobachtung beschrieb er das, was als selbstverständlich galt.

Maschinenmenschen – heute

Hier liegen die Grenzen der historischen Dokumentation. Das Marschieren, Turnen usw. wirkt aus der zeitlichen Distanz fremd und nicht selbstverständlich. Diese Normalität bietet für uns heute kaum noch Identifikationspunkte.

Das Selbstverständliche der Vergangenheit wird zur Abweichung für das aktuelle Selbstverständliche. Um Reichs Kritik nachzuvollziehen, muss sich der Blick also wieder auf das aktuelle Selbstverständliche richten. Unter dem Deckmantel der Normalität hat sich die Maschinenorientierung nicht etwa abgebaut, sondern ausgeweitet und perfektioniert.

Maschinenmenschen Mann-FrauIch möchte hier nur darauf hinweisen, inwieweit die Technik (Handy, Mail, SMS …) mit ihren Standards, Regeln, Möglichkeiten und Grenzen bestimmend für unsere Kommunikation geworden ist.

Und die Selbstverständlichkeit sagt: warum nicht?

Die Maschinenzivilisation zeigt sich mit ihren glatten und den weniger schönen Seiten als herrschende Normalität.

Maschinenmenschen Haus

Gegenentwurf

Spannend finde ich, dass nicht nur die Normalität maschinenorientiert ist, sondern auch Gegenentwürfe von ihr.

Neulich habe ich mir den Film „Avatar. Aufbruch nach Pandora“ angesehen. Seine technischen Ausdruckformen haben mich sehr beeindruckt. Der Inhalt ist nicht ganz so spektakulär. Da treffen wieder diese Maschinenmenschen ohne Verständnis für das Wesentliche, aber ausgestattet mit reichlich Waffen auf die native people. Wie immer zeichnen sich diese edlen Wilden durch ihre große Naturnähe aus. Aber trotz der üblichen Priesterinnen findet sich kaum eine ausgeprägte Mystik. Für den Kontakt zur Natur und zur jenseitigen Welt benötigen sie kein esoterisches Wissen.

Maschinenmenschen AvatarStattdessen sind alle Na’vi mit einem USB Zopf ausgestattet. Diese universelle Schnittstelle ermöglicht es ihnen, sich überall und zu jeder Zeit mit ihren Pferden, Flugsauriern, aber auch mit den Toten und der großen Mutter zu verbinden. Der Wald mit seinen Wurzeln ist ein riesiges Netzwerk, über dessen „Datenströme“ sie Dank der Schnittstelle integriert sind.

So stellt man sich in der Computerwelt ‚Kontakt‘ vor.

Durch die Übertragung unserer Technikkompatibilität auf diese heile Welt, gestaltet sie sich nicht als Gegenentwurf, sondern als Perfektionierung derselben.

Keine Technikkritik

Reichs Kritik an den Maschinenmenschen und der „Maschinenzivilisation“ ist keine Technikkritik, sondern eine Kritik an der mechanistischen Perspektive auf das Leben.

Das Leben ist in der grundsätzlichen Funktion der Pulsation sehr einfach. Und es gelingt durch Variationen dieser Einfachheit, wahrzunehmen, zu lieben, zu denken und sich künstlerisch auszudrücken.

Grundlage eines Computer ist nicht Kontraktion und Expansion, sondern der Schalter: An – Aus. Computer pulsieren nicht. Sie werden aber immer stärker dazu eingesetzt die lebendigen Funktionen zu imitieren. Netzwerkorientierte Komplexität und Schnelligkeit stehen dabei im Zentrum. Die Entwicklung der Computer besteht primär darin, diese beiden Aspekte zu steigern und noch zu managen.

So weit, so gut. Warum sollte man nicht versuchen, lebendige Prozesse zu imitieren?

Gleichzeitig verändert sich aber eben auch unser Modell vom Leben. Das Gehirn wird nur noch als ein extrem komplexes Netzwerk mit riesigen Datenströmen wahrgenommen. Das Verständnis der Pulsation und somit des Lebens scheint nicht notwendig.

So rauben wir uns unsere Vitalität.

Reich schrieb 1933[4]:

„Alle Vorstellungen nun, die der Mensch von sich entwickelt hat, lehnen sich durchweg an das Vorbild der Maschinen an, die er geschaffen hat. Der Maschinenbau und die Maschinenhandhabung haben den Menschen mit dem Glauben erfüllt, dass er sich selbst in die Maschinen hinein und durch sie hindurch fort – und ‚höher‘ – entwickle.“ (297)

„Der sogenannte Kulturmensch wurde tatsächlich eckig, maschinell, ohne Spontanität. […] Er lebt, liebt, hasst und denkt nur mehr maschinell.“ (303)


Quellen:

Das Bild des Maschinenmenschen aus Metropolis und das folgende Zitat stammt von der Seute: www.walter-schulze-mittendorff.com. „Das Gesicht des ,Maschinenmenschen‘ – entrückt und präsent in einem Moment – zeigt den Ausdruck eines zeitlosen Geistes.“

[1] Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1986
[2] Wilhelm Reich: Charakteranalyse. Frankfurt/M. 1981. S. 399f
[3] Nicolas Dabelstein & Antonin Svoboda: Wer hat Angst vor Wilhelm Reich? TV-Dokumentation, A 2009, 95 min. Youtube
Download des Filmausschnitts
[4] Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Köln 1986

Neulich, nach einem scharfen Essen beim Inder, erzählte mir ein Freund  von der Bedeutung der Landschaft für das Wohlbefinden des Menschen.

Weche Natur tut gut?

Er arbeitet bei der Naturschutzbehörde und genießt den Kontakt mit den Menschen, die er überzeugen muss in bestimmter Weise mit der Landschaft umzugehen. Einige Landschaftsaspekte sollen erhalten und andere neu gestaltet werden. Dies geschehe für den Menschen und nicht für die Natur: „Die Natur braucht uns nicht“.  Es sei empirisch belegt, dass bestimmte Landschaften dem Menschen gut tun und andere nicht.

sprechende Natur GansDies leuchtet auf dem ersten Blick sofort ein: Natürlich kann ein Spaziergang in einer schönen Landschaft sehr gut tun. Auf dem zweiten Blick gibt es aber zahlreiche Fragen: Kann diese Aussage so verallgemeinert werden? Was sind die Gütekriterien für eine Landschaft? Wie sind diese begründet? Wie „tut Natur gut“?

Die Natur als unsere Umwelt rühre an individuelle oder auch menschheitsgeschichtliche Erinnerungen. Wir würden uns dementsprechend in bestimmten Landschaftstypen sicherer und wohler fühlen. Diese Argumentation wirft aber zahlreiche weitere Fragen auf: Welche Phase der Menschheitsgeschichte ist ausschlaggebend? Müssen wir nicht davon ausgehen, dass für eine überwiegend städtische Bevölkerung eine vielgestaltete Landschaft eher bedrohlich erscheint und gar nicht gut tut?

Entsprechend einem anderen Argumentationsstrang wird mit dem Begriff „vital“ so etwas wie ein Bild einer gesunden Natur konstruiert. Ein Merkmal dieser Vitalität sei z.B. der Diversitätsgrad. Auch wenn die Merkmale selbst noch umstritten seien, so habe man doch einen Maßstab, eine Landschaft zu beurteilen. Es gibt demzufolge Landschaften, die lebendiger sind als andere und man kann sie z.B. revitalisieren.

Diese Argumentation geht von der Annahme aus, dass eine lebendige Landschaft gut für uns ist. Sie klärt aber nicht, wie dies geschieht. Nutzen wir eine passive Umwelt quasi als Konsumenten? Tritt sie uns aktiv gegenüber und „tut“ etwas mit uns? Sind wir uns fremd oder kommunizieren wir in einem gemeinsamen Raum?

Sprechende Natur

Vor einigen Monaten hatte ich mit einer Freundin ein Gespräch in ähnlicher Richtung. Sie arbeitet im körpertherapeutischen Bereich und ich schätze ihre Fähigkeit, Energieströme und Blockaden im Körper wahrzunehmen. Auf einem Spaziergang sprach sie nun zögernd davon, dass sie den „Stress der Pflanzen“ spüren könne und dass sei ein sehr unangenehmes Gefühl.

Auch hier ging es also um die Beziehung zwischen der Natur, der Umwelt bzw. den Pflanzen und dem Menschen. Sie bezieht sich allerdings nicht auf abstrakte Modelle wie das der Vitalität, sondern auf eine ganz konkrete Kommunikation. Damit betritt sie in mehrfacher Hinsicht ein schwieriges Terrain.

Sprechende Natur

Ist Kommunikation nicht dem zwischenmenschlichen Bereich insbesondere aufgrund der Sprache vorbehalten? Gibt es tatsächlich Inhalte über die man mit Pflanzen kommunizieren kann? Wird z.B. mit dem Begriff „Stress“ nicht einfach etwas in die Pflanze projiziert, was dort nicht vorhanden ist? Was sollte die gemeinsame Basis sein, auf der die Kommunikation beruht? Gibt es eine sprechende Natur?

Resonanz

Vielleicht helfen die Forschungen um die so genannten Spiegelneuronen ja weiter. Demzufolge werden dieselben Neuronen z.B. im Bereich der Handlungsmuster aktiv, egal, ob wir eine Handlung selbst ausführen oder nur wahrnehmen. Wir verstehen also unser Gegenüber intuitiv, weil wir im Gehirn das Muster mitvollziehen – in Resonanz gehen. Das Gleiche gilt für die Gefühle. Ohne den Umweg über die symbolbildende Sprache mit ihren Bedeutungen gibt es demzufolge eine quasi körperliche Kommunikation auf der Basis einer gleichen Hirnstruktur. Es wird davon ausgegangen, dass dies auch mit eng verwandten anderen Spezies funktioniert. Aber selbst meine Freundin geht nicht davon aus, dass Pflanzen eine ähnliche Hirnstruktur haben wie wir.

Sprechende Natur EselFür Gesellschaften, die von einer beseelten Natur ausgehen, ist die Kommunikation zwischen Pflanzen und Menschen selbstverständlich. In unserer sich als nichtanimistisch verstehenden Gesellschaft gibt es aber kein anerkanntes Modell für diese Kommunikation. Aber es gibt zahlreiche Modelle, die erklären, warum jemand auf den Irrtum verfällt, mit Pflanzen kommunizieren zu können.

Auch wenn die direkte Kommunikation z.B. zwischen Menschen und Pflanzen dem Naturschutzgedanken ein ganz neues Fundament geben könnte, ist es meinem Freund von der Naturschutzbehörde schon aus diesem Grunde nicht möglich, so zu argumentieren.

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Ingo Diedrich: Naturnah forschen. Wilhelm Reichs Methode des lebendigen Erkennens