Autismus – werden wir sachlich

Seit ‚Rain Man‘ kennen wir sie alle. Diese Menschen, die sozial anecken, gleichzeitig liebenswert erscheinen, ihrem Gegenüber kaum in die Augen schauen, aber ein fotorealistisches Gedächtnis haben. Nerdige Wesen, die mit Emotionen überfordert sind und den Karren mit Intellekt aus dem Dreck ziehen: Autisten.

Von den 100 beliebtesten Filmfiguren werden 11 als autistisch dargestellt[i]. Milliarden Social Media Beiträge haben Autismus zum Thema und unzählige Selbsttests laden dazu ein, sich in der Reihe von Sherlock Holmes, Mister Bean, Sheldon Cooper und Amélie einzuordnen. Autismus ist eine Diagnose[ii] und zugleich ein populäres gesellschaftliches Thema.
Es gibt keinen Autismus
Autismus existiert nicht wie ein Baum oder ein Stein. Es gibt ein individuelles Erleben etwa von sozialer Kontaktlosigkeit und Reizüberflutung. Aber erst gesellschaftliche Aushandlungsprozesse geben diesem Erleben die Bedeutung als Autismus.
Wer Autismus verstehen will, muss sich also anschauen, wo und wie Autismus gesellschaftlich verhandelt wird. Drei Felder sind dabei besonders wichtig.
1. Mensch und Maschine
Die Digitalisierung zwingt uns, unser Menschsein zu überdenken. Maschinen übernehmen Aufgaben, die einst als zutiefst menschlich galten. So sollen Computer Emotionen erkennen. Sie zerlegen den Ausdruck in Datenpunkte, berechnen Muster und geben dann so etwas wie Bedeutung zurück.
Genau dieses Modell wird auch auf Autisten übertragen. Ihnen falle es schwer, Emotionen auszudrücken und vor allem, Emotionen anderer Personen intuitiv zu erfassen.[iii] Demzufolge zerlegen Autisten den emotionalen Ausdruck in Merkmale und rekonstruieren diese Informationen zu einer Bedeutung. Begegnung wird zum kognitiven Prozess, Emotionalität zum Datenaustausch.
An Autisten wird gezeigt, dass es sinnvoll ist, Menschen maschinenmäßig zu lesen. So entsteht ein Zwischenraum zwischen Mensch und Maschine, in dem Autisten als Brückenfigur[iv] eine wichtige gesellschaftliche Funktion [v] übernehmen.
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Filmisch werden die Vorteile dieses Zwischenraums in Krimis, aber auch mit Figuren wie Spock oder Data dargestellt: Der Humanoid Spock mit starken autistischen Zügen, ersetzt die Emotionen durch reine Logik und rettet so die Crew. Der Android Data schaltet den Emotionschip nach Belieben ein und aus.
Autismus macht es plausibel, das Gehirn als Computer zu denken und den Menschen als Schnittstelle.
2. Identität und Unterschied
Wir leben in einer hochdifferenzierten Gesellschaft und sie zergliedert sich immer weiter. Wie kann da eine gesellschaftliche Identität gebildet werden?
Früher war die Logik klar: wer krank ist, fällt aus der Normalität raus, bekommt eine Behandlung, damit er möglichst wieder „normal“ wird.
Diese Ordnung trägt aber immer weniger. Denn viele Autisten sagen heute ausdrücklich: Wir sind nicht krank, wir sind neurodivers. Also nicht defekt, sondern anders.
Autismus markiert damit wieder einen gesellschaftlichen Raum: jenseits von krank und gesund, zwischen moderner Normlogik und postmodernem Management der Unterschiede.
Ein Raum voller Widersprüche: Um Unterstützung zu bekommen, ist das Etikett Krankheit weiterhin nötig. Die Diagnose ist somit sehr begehrt und wird gleichzeitig als Stigma abgelehnt. Sie werden in Krankenhäusern behandelt und haben dort als Diverse doch nichts verloren. Therapien, die darauf abzielen, dass die Autisten schneller fremde Gesichtszüge kodieren können, werden gleichzeitig als Anpassungszwang abgelehnt. „Haben autistische Menschen nicht ein Recht, dass man im Gespräch mit ihnen auf Mimik und Gestik möglichst verzichtet? Und ihnen auch gefühlsbeladene Inhalte stattdessen auf der rein sprachlichen Ebene vermittelt?“[vii]
Autismus als Krankheit, die keine mehr ist, verweist auf eine gesellschaftliche Grundfrage: Norm oder Differenz? Will sie weiterhin Förderung von Anpassung anbieten oder tatsächlich den Schritt in die Akzeptanz von Unterschiedlichkeit und Inklusion wagen?
3. Sachlichkeit und Verwertung
Die zynische Kehrseite der Inklusion ist die Verwertung: autistische Menschen verschwinden hinter vermeintlichen Ressourcen.
Die Wirtschaft sucht dringend für die digitale Arbeitswelt optimierte Menschen. So steht in einem EU-Papier: „Wir brauchen gute Hacker in der Cyberabwehr“ und dafür könne man auf Sozialkompetenzen verzichten. „Höhere Intelligenz, stärkeres Konzentrationsvermögen, stärkere Detailgenauigkeit und das Vermögen, lang zu arbeiten, ohne sich ablenken zu lassen, sind entscheidende Pluspunkte für die Arbeit im Bereich der künstlichen Intelligenz.“ So würde „einer gesellschaftlichen Gruppe ohne Perspektive die Chance eröffnet, auf innovative Weise an unserer Gesellschaft teilzuhaben.“[viii]
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Die vermeintliche Nähe der Autisten zur Maschine wird zum Vorteil erklärt: sie könnten ohne das Handikap der Emotionalität arbeiten.

So wird Autismus zur Projektionsfläche einer Gesellschaft, die sich selbst immer stärker technisch organisiert und ihre menschlichen Defizite mit Effizienzsprache übertüncht.
Silicon Valley wird zum Hort von Autisten erklärt[ix] und sie werden benutzt, neue Standards für den Arbeitsmarkt durchzudrücken.
Wozu brauchen wir Autisten?
Populäre Krankheitsbilder sind medizinische Kategorien und verweisen auf kulturelle Brennpunkte. Zur Zeit Freuds war es die Hysterie, an der die Stellung der Frau verhandelt wurde. Mit der Emanzipation verlor sich diese Krankheit. Sexualität war in den 1970er Jahren ein umkämpftes Thema; bis 1993 war man als Homosexueller krank, danach hatte man nur noch eine Neigung. Damals war Autismus ein Randthema, heute ist er eine tonangebende Krankheit.
Menschsein
Beim Autismus geht es um das grundlegende Selbstverständnis des Menschseins. Seit der Aufklärung grenzen wir uns über die Vernunft vom Tier ab. Doch wie bestimmen wir heute unser Verhältnis zur Maschine? Wer sind wir, wenn unser Geist technisch überholt wird? Was passiert, wenn die Grenze zwischen virtueller und realer Welt kaum noch greifbar ist? Sollten wir bei der Gestaltung der Erde als Lebewesen in die zweite Reihe treten?
Autismus ist nicht eine Modeerscheinung. Vielmehr bringt er etwas auf den Punkt, was unsere Gegenwart ohnehin prägt: die Spannung zwischen Überforderung und technischer Ordnung.
Entwicklung
Im Diskurs zeigt sich eine Entwicklung, die durch zwei Tendenzen bestimmt wird:
Zum einen wird Autismus zunehmend naturalisiert. Er erscheint als eine Form von Neurodivergenz, „für die niemand etwas kann“, weil das Gehirn halt entsprechend „verdrahtet“ sei. Die Ursachen werden in den Genen verortet. Wenn das normale Gehirn Windows nutze, so nutzen Autisten halt Linux. Autismus gehört damit zu den Phänomenen, die als eine Variation der Hirnentwicklung verstanden und akzeptiert werden.
Gleichzeitig wird er normalisiert. Die Definition von Autismus wird entgrenzt und in eine Autismus-Spektrum-Störung überführt. Sehr allgemeine Merkmale wie Defizite in der „wechselseitigen sozialen Interaktion und sozialen Kommunikation“ (ICD 11) bestimmen das Spektrum. Bin ich schon im Spektrum oder noch davor? Sollte ich auch beginnen, die Strategien der Computer anzuwenden? Die Übergänge werden fließend.
Autistische Menschen werden von lebendigen Eindrücken überflutet. Sie ziehen sich in die maschinell geordnete Welt zurück und finden dort Beruhigung. Das kennen wir doch alle.
Schluss
Im Diskurs über Autismus verschieben sich die Koordinaten unseres Selbstverständnisses. Der Computer ist nicht mehr Metapher, sondern Modell.

Die eigentliche ideologische Leistung dieses Diskurses liegt genau darin: Er naturalisiert ein Menschenbild, das technische Funktionalität über Lebendigkeit stellt. Das Menschsein als lebendige, leibliche, soziale Existenz wird schrittweise dekonstruiert.
Ich möchte eine Gesellschaft, in der Lebendigkeit ein zentraler Wert ist und wir ein gestärktes Selbstverständnis als Lebewesen entwickeln. Aber diese Perspektive steht unter Druck. Die Technisierung des Lebens tritt nicht als Option auf, sondern als Notwendigkeit. Und der „autistische Mensch“ ist das Experimentierfeld für diese Zukunft.
[i] Tobias Ruhland: Von Sherlock bis Sheldon: Warum autistische Figuren faszinieren;
Ulrich Merkl: Katalog der autistischen Charaktere
[ii] ICD 11 6A02 Autismus Spektrum Störung.
ESCAP-Praxisleitfaden für Autismus: Zusammenfassung der evidenzbasierten Empfehlungen für Diagnose und Behandlung
[iii] Dziobek, Isabel: Empathie bei Menschen mit Autismus.
Konrad Wolf: Wie Menschen im Autismus-Spektrum ihre Gefühle ausdrücken. „Ich habe mühsam gelernt, zu lächeln und zu nicken und die Augen weit aufzureißen, wenn ich interessiert bin, oder die Augen etwas zuzukneifen, wenn ich verärgert bin. […] Das musste ich wie auswendig lernen.“
[iv] Die Vorstellung eines Maschinenmenschen gab es schon vor 100 Jahren. Siehe dazu den Blogartikel Maschinenmenschen – homo normalis
[v] Künstliche Intelligenz und soziale Roboter in der Autismustherapie: „Für Robotik- und Technologieunternehmen spielen solche Parallelen eine zentrale Rolle. Die Darstellung von autistischen Menschen als maschinenhaft und umgekehrt von Robotern sowie anderen künstlichen Agenten als autistisch dient als Rechtfertigung für die Entwicklung lebensechter Maschinen, die in der Lage sind, menschliche Emotionen zu erkennen, zu simulieren und zu beeinflussen.“
[vii] Melanie Matzies-Köhler: Nonverbale Kommunikation verstehen (für Autisten) (siehe Kommentare)
[viii] Fachgruppe Verkehr, Energie, Infrastrukturen, Informationsgesellschaft (TEN) des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses (EWSA) (eine WORD Dokument): Die Digitalisierung als Chance, das Potenzial neurokognitiver Minderheiten zu erschließen
[ix] Bild der Wissenschaft: Ein Handicap wird zur Gabe
Niels Boeing: Der Mensch ist noch nicht fertig

Ingo Diedrich



Ingo Diedrich
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