Wissenschaftliche Orientierung

Wissenschaftliche Orientierung greift wichtige Aspekte aus dem Glauben und der Kunst auf. Leider ist sie aber oft ebenso starr wie diese.

Glauben

Glauben hat gegenüber anderen Orientierungsmodellen einen wesentlichen Vorteil: Er bietet sehr große Freiräume: Alles kann geglaubt werden!

Wissenschaftliche Orientierung

Glaubenserfahrungen sind prinzipiell subjektiv und letztlich nicht vermittelbar. In diesem Sinne ist jeder Glauben esoterisch.

Wenn der Glaube zu einem verbindenden sozialen Merkmal wird, wird aus dem individuellen Credo eine Beitrittserklärung. Es entstehen Regeln und Institutionen – Strukturen. Die individuellen Erfahrungen und die sozialen Strukturen stehen dabei in einem Spannungsverhältnis.

Die katholische Kirche ist dafür ein gutes Beispiel. Sie ist geprägt durch sehr starre Strukturen und gleichzeitig bietet sie Raum für individuelle Glaubenserfahrungen. Manchmal – vielleicht in einem guten Ritual oder einem Lied – kommen Glaubenserfahrung und Struktur zusammen. Häufig stehen sie sich im Weg.

Prinzipiell bietet die Religion die große Freiheit der Orientierung und gleichzeitig die schwierige soziale Vermittlung derselben.

Ein weiterer Nachteil liegt für mich in der Ausrichtung am Anderen: ein metaphysisches Wesen bzw. Zustand steht im Zentrum. Die Orientierung richtet sich auf etwas, was eben gerade aktuell nicht ist, sondern evtl. angestrebt wird. Dies ist eine Orientierung, die von der Gegenwart und dem Sein wegführt.

Kunst

Auch die Kunst geht von der subjektiven Erfahrung aus. Sie wird zum Ausdruck gebracht und bietet somit die Chance beim Gegenüber einen Eindruck auszulösen, der das Werk verstehen lässt. Auch im Kunstbereich gibt es teils starre Strukturmerkmale z.B. in den Stilen, den Methoden aber auch in den Gesetzen des Marktes. Gleichzeitig liegt in der Kunst aber auch die Aufforderung, mit dem eigenen Ausdruck, diese Strukturen zu missachten.

Wissenschaftliche Orientierung

Orientierung durch Kunst stellt den Ausdruck der eigenen Welterfahrung ins Zentrum und entblößt somit das eigene Subjekt. In diesem Sinne ist Kunst Orientierung für Mutige.

Wissenschaftliche Orientierung

Wissenschaftliche Orientierung greift die zentralen Aspekte von Religion und Kunst auf. Ausgangspunkt ist auch hier die subjektive Erfahrung. Sie liegt z.B. der Hypothesenbildung zugrunde. Und auch sie bringt mit den Forschungsergebnissen ein Werk zum Ausdruck. Im Gegensatz zur Religion und anders als die Kunst bietet sie aber Verfahren der sozialen Vermittlung und des Nachvollzugs des subjektiven Eindrucks an.

Das Potential der Wissenschaft liegt in der Umsetzung dieser Eckpunkte:

  • Sie beeindruckt, wenn der eigene Eindruck im Zentrum steht.
  • Sie ist bewegend, wenn sie Verfahren nutzt, die eigenen bewegenden Erfahrungen verstehbar zu machen.
  • Sie ist orientierend, wenn sie sich an den Fragen der Menschen orientiert und einen nachvollziehbaren Ausdruck produziert.

Stattdessen ist die Wissenschaft analog zu weiten Teilen von Religion und Kunst strukturfixiert:

  • Anstatt vermittelbare Verfahren für den eigenen Eindruck zu entwickeln, werden Fragen gestellt, die sich an den starren und weltfremden Vorstellungen einer „exakten Wissenschaft“ orientieren. Dies entspricht den Katholiken, die  das Vertrauen auf die eigene Erfahrung durch die Orientierung am Katechismus ersetzen.
  • Anstatt irritierend zu beeindrucken wird Wissen produziert, das mit digitalen Wissenssystemen verwaltet und ökonomisch verwertet werden kann.

Im Spanungsfeld von Struktur und Bewegung

Wissenschaftliche Orientierung ist für mich eine zentrale Möglichkeit des Ausdrucks, der Kommunikation und der weltzugewandten Orientierung.

Eine pulsierende, also lebendige Wissenschaft, liegt da vor, wo die bewegenden Erfahrungen und strukturierenden Verfahren in einem Spannungsverhältnis stehen.

Gelungene wissenschaftliche Orientierung ist ein Anschmiegen an die Wirklichkeit und der Ausdruck dieser Bewegung ist die Wirklichkeit.

Er bewegt sich nicht im Freiraum der religiösen Beliebigkeit, aber auch nicht im digitalen schwarz-weiß, sondern im Spannungsfeld von Bewegung und Struktur.

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