Digitale Unmündigkeit

Neulich hatte ich mich wieder in dieser Stadt verfahren, war heftig genervt und kam unter Termindruck. Also kaufte ich mir nun doch ein Navi.

Unmündigkeit-Digitalisierung

Es ist erstaunlich, wie einfach jetzt die Fahrt durch das Straßengewirr ist. Und falls ich mich doch verfahre, wird eine neue Route berechnet.

Und mein Blick auf die Stadt verändert sich. Es ist nicht mehr nötig, sich bestimmte Kreuzungen oder Geschäfte zwecks Orientierung zu merken. Meine Aufmerksamkeit nach außen sinkt und richtet sich auf die Ansagen des Navis.

Die Stadt wird zum Abbild des Navigationssystems.

Auch außerhalb der Stadt merke ich immer wieder, dass ich die Landschaft überprüfe, ob sie der Realität des Navis entspricht. Kommt jetzt tatsächlich auf der rechten Seite gleich ein kleiner Wald? Und ich bin erleichtert, wenn alles in Ordnung ist.

Licht in der Unmündigkeit

Vor gut 300 Jahren entdeckten die Menschen in Europa, dass sie Subjekte sind und mit ihrem Verstand ihr Leben regeln können. Es war eine Emanzipationsbewegung, die die selbstverständliche Abhängigkeit von der Natur, der Religion und auch der Obrigkeit in Frage stellte.

Diese Aufklärung sah den gestaltenden Menschen, der mit dem Licht der Erkenntnis seine Welt schafft. Kant definierte entsprechend: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“[i]

Dieses Ideal vom freien Denken hat sich weitgehend durchgesetzt. Wir begründen unsere Meinung nicht mehr mit einem Verweis auf die Obrigkeit oder „wie es nun einmal so ist“, sondern mit wissenschaftlichen Studien.

Sehnsucht nach Unmündigkeit

Gerade im Siegeszug zeigt die Aufklärung aber auch ihre Kehrseite: vielleicht gehorchen wir nicht mehr der Obrigkeit, aber wir folgen freiwillig dem Navi.
Auch wenn wir die Natur, die Obrigkeit und Gott abschaffen, so scheint das nichts an unserer Sehnsucht nach Unmündigkeit zu ändern.
In der Tradition der Aufklärung habe wir uns Strukturen gestaltet, denen Maschinen und Computer besser angepasst sind als wir.

Digitalisierung ist der Versuch, sich die Unmündigkeit zurück zu holen! IBM macht kein Hehl daraus, wie der neue Gott aussieht und formuliert deutlich die Verlockungen und Größenbilder, die damit einhergehen:


Wir misstrauen immer stärker unserer eigenen Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsfähigkeit: zu ungenau, zu langsam, zu beschränkt. Wir waren bereit, unsere Handlungsfähigkeit an der Leistung von Maschinen zu messen. Wir übernahmen den toten Blick der Maschinen als Leitbild für die Wissenschaft.[ii] Wir lassen immer mehr vernetzte Computer für uns denken. Und sogar unseren Geldhandel übergeben wir in ihre Hände. [iii]

Anhängsel einer digitalen Welt

Wir machen selbstverschuldet unseren Verstand zum Anhängsel einer digitalen Welt und schreiten so in die neue Unmündigkeit. Diese neue Ordnung fordert unbarmherzig Anpassung – und wir gehorchen.

Mir graust vor diesem Weg. Und mein Navi sieht das auch so: „… bei nächster Gelegenheit bitte wenden …“
Aber da irrt mein Navi: es gibt kein Zurück!

Eine lebendige Orientierung ist etwas anderes als eine technische Navigation.
Kant glaubte am Ende des Textes, dass die Regierungen irgendwann „den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß […] behandeln.“ [iv]
Mir scheint es, dass der Mensch seiner Würde entsprechend – mehr zu sein als eine Maschine – handeln sollte. Die Chance der Digitalisierung liegt darin, sich dem bewusst zu werden.

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[i] Immanuel Kant, Was ist Aufklärung? (1784) http://gutenberg.spiegel.de/buch/beantwortung-der-frage-was-ist-aufklarung-3505/1 (1.5.2016)

[ii] Ein sehr spannendes Buch über die Bedeutung des Ideals der Objektivität: Lorraine Daston, Peter Galison: Objektivität. Frankfurt/M 2007. Fundiert und anschaulich wird eine Wissenschaftsgeschichte präsentiert, die deutlich macht, wie sich unsere Bilder von dem was ist ändern und welche Triebfedern dazu führen. Die Digitalisierung wird auf diesem Hintergrund plausibel.

[iii] Dirk Helbing , Bruno S. Frey , Gerd Gigerenzer , Ernst Hafen , Michael Hagner , Yvonne Hofstetter , Jeroen van den Hoven , Roberto V. Zicari und Andrej Zwitter: Digitale Demokratie statt Datendiktatur. 17.12.2015 (http://www.spektrum.de/news/wie-algorithmen-und-big-data-unsere-zukunft-bestimmen/1375933) (1.5.2016)

Siehe auch: Ranga Yogeshwar: Digitale Aufklärung. Ein gefährlicher Pakt. (17.03.2014) Das digitale Denken reduziert unsere Welt auf messbare Objekte. Das Gewinnstreben verpasst jedem dieser Objekte ein Preisschild. Am Ende ist alles Ökonomie. Da sollten wir nicht mitspielen. (http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/digitale-aufklaerung-ein-gefaehrlicher-pakt-12850956-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_3) (1.5.2016)

[iv] „Wenn denn die Natur unter dieser harten Hülle den Keim, für den sie am zärtlichsten sorgt, nämlich den Hang und Beruf zum freien Denken, ausgewickelt hat: so wirkt dieser allmählig zurück auf die Sinnesart des Volks (wodurch dieses der Freiheit zu handeln nach und nach fähiger wird) und endlich auch sogar auf die Grundsätze der Regierung, die es ihr selbst zuträglich findet, den Menschen, der nun mehr als Maschine ist, seiner Würde gemäß zu behandeln.“

2 Gedanken zu „Digitale Unmündigkeit

  1. Ela

    Hallo Ingo – grausig, genau so isses! Ich habe letztens in einem Auto mit Einparkwasweißich gesessen, vorn auf dem Beifahrersitz. Und auch da: Du schaust auf den kleinen Bildschirm und mithilfe von Leitlinien bekommst Du angezeigt, wie Du fahren musst, um perfekt einzuparken. PERFEKT – wirklich. Und ich schaute aus dem Fenster und ja – die Welt da draußen entsprach der Wahrheit des Bildschirms – grausig …

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