Sex – Transformation

Wer die reine Liebe sucht, dem erscheint die Sexualität als etwas Niederes. Kein Wunder, dass die katholische Kirche über Jahrhunderte versuchte, den Sex auf die Fortpflanzung zu beschränken. Nur so konnte der Raum für die Liebe zu Gott Vater und Mutter Kirche gehalten werden.

Transformation sex gestalten Wilhelm Reich, Richardson, Schnarch

Wer in der Natur ein bedrohliches Chaos sieht, der will ihr eine menschliche Kultur entgegen halten. Kein Wunder, dass der Kulturmensch Freud die Sublimierung des Sexes forderte – wohl wissend, dass daran die Menschheit zugrunde gehen kann. [1]

Transformation – Sex gestalten

Immer wieder werden Vorstellungen von einem höheren Zustand des Menschseins entwickelt. Die Sexualität in ihrem Sosein erscheint dann als etwas Grobes, Rohes – als etwas Tierisches. Erst die Transformation auf eine höhere Ebene gibt ihr ein menschliches Antlitz [2]. Die Variationen dieser Transformationen sind zahlreich.
Zwei Beispiele:

Der amerikanische Autor David Schnarch ist ganz Kind der individualisierten Gesellschaft [3]. Das Leben ist hier ein anspruchsvoller Reifungsprozess. Nur so kann das autonome starke Ich entwickelt werden, dass das eigentliche Potential der Sexualität ausschöpft. Die Sexualität in der ersten Hälfte des Lebens erscheint als flach und unreif. Transformation wird als Veränderungsprojekt verstanden, in dem das Individuum, die Beziehung und eben die Sexualität immer wieder auf eine neue Ebene gehoben werden müssen. Belohnt wird dieser Kraftakt mit einer dauerhaften liebevollen Intimität.

Im Namen von Diana Richardson werden zahlreiche Seminare zur Transformation der Sexualität durchgeführt. Es geht um den „Wandel unserer sexuellen Grundenergie in eine höhere Schwingungsebene der Liebe.“ ([4] S. 12/13) Der Sex habe beim Menschen – im Gegensatz zum Tierreich – „einen höheren spirituellen Aspekt“ (S. 45). Diese „wahre“ Ebene gilt es zu erreichen. Aus einer trantrischen Perspektive geht sie so noch über Schnarch hinaus.

Das Projekt der Moderne besteht in der Gestaltung der Natur [5]: dem Chaos wird eine Ordnung gegeben. Und der Sexualität eine Gestalt.

Sex – einfach so

Etwas anders sieht dies in den Arbeiten von Wilhelm Reich aus [6]. Das Leid ist hier gerade der Ausdrucks des Versuchs, die Natur in den menschlichen Griff zu bekommen. Wer das (sexuelle) Leben nicht annimmt, sondern abtöten bzw. überhöhen will, hat Probleme mit diesem Leben. Die Sexualität hat eine Funktion, aber kein Ziel. Und so macht es auch keinen Sinn, sie zu transformieren. Reich nannte dies Selbstregulation. Und dieser Begriff meint eben nicht, dass da ein Selbst reguliert, sondern, dass in der Sexualität die Regulation mit angelegt ist. Der Sex genügt sich selbst. Es bedarf keines menschlichen Kraftaktes, der Sexualität eine wahre höhere Gestalt zu geben.

Aber selbst diese radikale Orientierung am Leben kann wiederum für das Gestalten des Lebens genutzt werden. Dies haben die 70er Jahre gezeigt. Die Sexualität sollte auf die Ebene einer „befreiten Sexualität“ gehoben werden. Dazu musste die Verantwortung abgetötet und der Orgasmus überhöht werden.

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Quelle:

[1] „Vielleicht führt [der Kulturprozess] zum Erlöschen der Menschenart, denn er beeinträchtigt die Sexualfunktion in mehr als einer Weise.“ Freud, Sigmund: Warum Krieg? In: Freud, Anna/ Grubisch-Simitis, Ilse (Hrsg.): Sigmund Freud. Werkausgabe in zwei Bänden. Band 2. Frankfurt/M 1978, S.483-493. S.492

[2] Der versuchten Transformation der eigenen Natur gehe ich im Kapitel ‚Autotranszendenz‘ nach. Diedrich, Ingo: Aus-einander-setzung mit Gewalt, Bremen 2003 http://material.or-so.de/Aus-einander-setzung_mit_Gewalt.pdf

[3] vgl. Schnarch, David: Die Psychologie sexueller Leidenschaft, Stuttgart 201

[4] vgl. Richardson, Diana; Richardson, Michael: Zeit für Männlichkeit, Köln 2013.
Interessant ist, dass die Beschreibungen des „spirituellen Sex“ bei Richardson sehr dem ähnelt, was schon Freud schrieb. Er meinte, dass die Menschen, die das Glück in der Liebe finden „den Trieb in eine zielgehemmte Regung verwandeln.“ „Was sie auf diese Art bei sich zustande bringen, der Zustand eines gleichschwebenden, unbeirrbaren, zärtlichen Empfindens, hat mit dem stürmisch bewegten, genitalen Liebesleben, von dem es abgeleitet ist, nicht mehr viel äußere Ähnlichkeiten.“ Freud (1930), Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. In: Freud, Anna/ Grubisch-Simitis, Ilse (Hrsg.): Sigmund Freud. Werkausgabe in zwei Bänden. Band 2. Frankfurt/M 1978, S.367-424, S.394
Was Richardson unter Transformation des Sexes versteht wird auch in einem Zitat von Osho deutlich, dass Sie anführen (S.73):
„Und diese Verschmelzung sollte nicht unbewusst werden, sonst verpasst ihr das Wesentliche. Dann ist es vielleicht guter Sex, doch es findet keine Transformation statt. Das ist schön und gut; nichts ist falsch daran, doch es ist keine Transformation.
Und wenn ihr unbewusst bleibt, bewegt ihr euch immer in denselben alten Gleisen. Immer wieder wollt ihr dieselbe Erfahrung machen. Es ist bis zu einem gewissen Punkt eine schöne Erfahrung, doch sie wird bald zur Routine. Und jedes Mal, wenn ihr Sex habt, entsteht wieder neues Verlangen danach. Je mehr ihr davon habt, desto mehr wollt ihr davon haben – ihr geratet in einen Teufelskreis. Ihr wachst nicht, sondern ihr bewegt euch nur im Kreis. Sich im Kreis zu bewegen ist nicht gut, denn dann findet kein Wachstum statt.
Ihr vergeudet einfach die Energie. Auch wenn es eine gute Erfahrung ist, vergeudet ihr die Energie, weil viel mehr möglich gewesen wäre. Dabei liegt es so nahe, ihr brauchtet euch nur umzuschauen, und viel mehr wäre möglich. Mit derselben Energie könntet ihr das Göttliche erlangen. Mit derselben Energie wäre die höchste Ekstase möglich, und ihr vergeudet diese Energie für flüchtige Erfahrungen.
Und im laufe der Zeit werden euch diese Erfahrungen langweilen, denn alles, was sich ständig wiederholt, wird langweilig. Wenn das Neue einmal vorbei ist, kommt die Langeweile. Wenn du wach bleibst, wirst du sehen, wie sich zuerst die Energie im Körper wandelt, als Zweites verschwinden die Gedanken aus dem Kopf, und als Drittes verschwindet das Ego vom Herzen.
Und wenn dieser dritte Punkt erreicht ist, hat sich diese Energie, deine Sexenergie, in meditative Energie gewandelt.“ (Osho, Mein Weg – der Weg der weißen Wolke)
Transformation: Dem nicht bewusst gemachten Sex fehlt eine Richtung. Es ist ein langweiliger „Teufelskreis“. Durch „wach bleiben“ wird „deine Sexenergie in meditative Energie gewandelt“.

[5] vgl. Bauman, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit, Frankfurt/M, 1996

[6] vgl. Reich, Wilhelm: Charakteranalyse. Frankfurt/M 1981, vgl. auch Kategorie Wilhelm Reich oder Diedrich, Ingo: Naturnah forschen. Wilhelm Reichs Methode des lebendigen Erkennens. Berlin 2000

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