Das Leben in seiner Stofflichkeit

Vierte Vorlesung

In der vierten Vorlesung aus der Reihe „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs“ steht die Suche der Biologie nach dem Forschungsgegenstand – dem Leben in seiner Stofflichkeit – im Vordergrund.[1]

Stofflichkeit Leben aus Leben

Stofflichkeit. Biologie, eine empirische Wissenschaft?

Anfang des 19. Jh. bewegte sich der Lebensbegriff zwischen zwei Polen:

  1. Metaphysisch bzw. „magisch angehaucht“. Leben hat eine transzendente Qualität, die eben nicht empirisch zu fassen ist. Hier werden oft Metaphern genutzt, die gerade den Unterschied zum physikalischen Bereich hervorheben sollen.
  2. Materialistische Theorien, die „auf die Eigenständigkeit des Lebens verzichten“ und sagen: letztlich muss es sich um eine Spezialform einer physikalischen Größe handeln.

In diesem Spannungsfeld wird auch die Biologie mit ihren Funktions- und Prozessvorstellungen verortet. Im Bestreben eine eigenständige Disziplin zu sein, sind beide Pole für sie keine „diskutable Option“. Sie benötigt eine „stoffliche Referenz“, die wie in der Physik, aber auch in Abgrenzung zu ihr, eine seriöse empirische Forschung erlaubt.

Was ist das Leben in seiner erfahrbaren und erforschbaren Stofflichkeit?

Chemie

Eine Orientierung bot die sich entwickelnde Chemie. Im Gegensatz zum physikalischen Ideal der „Bewegung im Raum“ bot sie mit der „chemischen Reaktion“ etwas an, was den romantischen Vorstellungen von Prozess und Leben sehr nahe kam.

In der Reaktion wird das Eine in das Andere sinnlich wahrnehmbar überführt. „Übergängigkeit von Stoffen ineinander und Wechselwirkung“ sind ein Paradigma der Chemie. Die chemische Reaktion ist ein Wandlungsprozess. Chemie und Leben scheinen sehr eng verwandt.

Humboldt spricht vom „chemischen Lebensprozess“.

Hegel etwas vorsichtiger: „Könnte der chemische Prozess sich durch sich selbst fortsetzen, so wäre er das Leben.  Daher liegt es nahe das Leben chemisch zu fassen.“

Elektrizität

Für den Definitionsvorgang ebenfalls wichtig sind die Experimente mit der Elektrizität. Nicht nur in der Physik und Chemie, sondern eben auch in der Biologie spielte sie eine wichtige Rolle (vgl.  Froschschenkel-Experiment).

Dies wirft Fragen der Übergänge zwischen der belebten und der unbelebten Natur auf. Ist die belebte Natur doch irgendwie eine Form der unbelebten Natur? Oder ist alles belebt (Schelling) und die Physik nur eine langsamere Form von Biologie?

Protoplasma

Auch die Theorien des Protoplasmas (gr. proton: Erstes, plasma: das Geformte) sind zu nennen. Protoplasma: das Urgebilde bzw. der flüssige Urstoff, in dem Prozesse ihren Ausgang nehmen. Alles Lebendige verweist letztlich auf dieses Protoplasma. Es ist auch in allem Organischen anzutreffen. [2]

Ein Kandidat für dieses Plasma ist die Flüssigkeit, die in den Zellen unter den Mikroskopen beobachtet wird.

Zelle

Die Zelltheorien heben aber nicht explizit auf die Flüssigkeit ab, sondern betrachten die Zelle als strukturelle Einheit.

Stofflichkeit Leben SchleidenMatthias Jacob Schleiden (1804 – 1881) entwickelt ab 1830 eine Theorie des Organischen auf der Basis einer Zelltheorie. Dies geschah in offener Gegnerschaft zur romantischen Naturphilosophie und zu Hegel, aber auch gegen die Lebenskraft.

Schleiden „Der Wilde, der eine Lokomotive ein lebendes Tier nennt, ist nicht unwissender als der Naturwissenschaftler, der von Lebenskraft im Organischen spricht.“

Ihm ist die methodische Strenge wichtig.

Die Pflanze hat nicht etwa an mehreren Stellen Zellen, sondern besteht vollständig aus ihnen. Dies verändert die Bedeutung der Zelle: sie ist nicht ein Merkmal der Pflanze, sondern das was sie und das Lebendige ausmacht.

Die Zelle besteht aus einem Medium (Flüssigkeit) und einer Form. Die Beziehungen dieser Elemente zeichnen seine Definition von Leben aus:

  1. Die Wechselwirkung zwischen dem Medium und der Form. Nicht die Flüssigkeit als Protoplasma ist wichtig, sondern die Beziehung zur Form
  2. Die Wechselwirkung zwischen Inhalt und Wand der Zelle.
  3. Die Wechselwirkung zwischen der Zelle (bzw. deren Verbund) und den wachstumsmäßig hervorgebrachten Gestalt.[3]

Erst die Kombination aus Verhältnis, Substanz und Prozess definiert Leben in seiner stofflichkeit und bestimmt den Gegenstand der Biologie. Die Zellwand allein kann auch ein Physiker betrachten.

Theodor Schwann (1810 – 1882) bestätigt diese Forschung für die Tierwelt. Die Zelle ist somit die universelle Grundsubstanz des Lebens. Es gibt jetzt das „biologische Objekt“.

Wie entsteht es?

Schleiden geht davon aus, dass sich die lebende Zelle aus anorganischen Stoffen durch einen Vorgang der „Kristallisation“ bildet. Es gibt demzufolge ein Kontinuum zwischen dem Anorganischen und dem Leben. Der Prozess des Übergangs zwischen den Bereichen ist durch den Bildungstrieb geprägt.

Rudolf Virchow (1821 – 1902) formuliert die Gegenthese sehr prägnant: „Zellen entstehen aus Zellen“. Sie wachsen nicht aus einer chemischen Grundsubstanz mittels Bildungstrieb, sondern aus anderen Zellen.

Die Frage, wie die erste Zelle entstand, kann und will er nicht beantworten. Die Entstehung der ersten Zelle ist nicht Thema der Biologie.

Schleiden hält Virchows Begriff von Leben für eine zirkuläre, tautologische Konstruktion, die nicht sagt, was nun Leben ist.

Stofflichkeit – Anmerkungen

Für mich war das eine sehr erhellende Vorlesung. Vieles was heute selbstverständlich erscheint wurde historisch eingeordnet. Dies gilt z.B. für die enge Orientierung am Wissenschaftsverständnis der Physik. Die daraus resultierende Suche nach dem Stoff erschwert es uns bis heute das Soziale als Leben zu verstehen.

Aber auch das Spannungsfeld, in dem der Begriff Leben steht ist ja heute noch aktuell. Wilhelm Reich hat ihn anschaulich 1937 als eine Auseinandersetzung zwischen Vitalisten und Mechanisten beschrieben.[4] Heute würde man eher Esoteriker und Schulwissenschaftlern sagen. Das Spannungsfeld selbst besteht aber weiterhin.

Stofflichkeit Leben BioneFür den Konflikt zwischen Schleiden und Virchow hat sich demgegenüber in der wissenschaftlichen Community die Position von Virchow durchgesetzt. Reichs Bionenexperimente erscheinen so als Außenseiterposition. Aufgrund  zahlreicher Experimente betonte er, dass Lebendiges aus Leblosen entstehen könne – und zwar auch heute noch. Dabei beschrieb er eine Zwischenform: die Bione.

„Die Bione sind Vorstufen des Lebendigen, Gebilde des Übergangs vom Anorganischen, Unbewegten zum Organischen, Bewegten und Kultivierbaren.“[5]

In dem Text „Wilhelm Reich – Entdecker der primären Biogenese?“ werden diese Forschungen aus heutiger Sicht beschrieben und diskutiert.[6] Vgl. dazu auch „Bione in der modernen Medizin“.[7]

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[1] Petra Gehring: Die Stofflichkeit des Lebens. Darmstadt. 3.11.2009 aus der Vorlesungsreihe „Leben – Geschichte und Metaphysik eines schillernden Begriffs

[2] „Das Protoplasma war so etwas wie ein naturphilosophischer Äther. So wie man glaubte, der Äther durchdringe alle materiellen Gebilde der Welt und fungiere als Medium der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen, dachte man, die lebende Substanz Protoplasma durchdringe ansonsten unbelebte Gebilde und verleihe ihnen Leben.“ (Die Zeit: Protoplasma. 1986)

[3] Schleiden: „Wir charakterisieren den Begriff Organismus als das Verhältnis der Gestalt zur eingeschlossenen Mutterlauge und Leben als Wechselwirkung zwischen der Mutterlauge und der Gestalt, zwischen dem Inhalt und den äußeren physikalisch chemischen Kräften vermittelt durch die Gestalt und endlich Wechselwirkung zwischen der primären Gestalt und den in der bereits eingeschlossenen Mutterlauge späteren Gestalt“

[4] Wilhelm Reich: Die Bionexperimente Frankfurt/M 1995. S.180-185.

[5] Wilhelm Reich: Die Bionexperimente Frankfurt/M 1995. S.78. (Bild S.47)

[6] Stephan Krall: Wilhelm Reich – Entdecker der primären Biogenese? Die Urzeugungstheorie im Licht der Wissenschaft. In emotion Nr. 14, Berlin 1999 S.81-110. PDF Download

[7] Peter Nasselstein: Bione in der modernen Medizin

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