Sozial im 0 und 1

Ein Gastbeitrag von Gerhild Peters

„Man ist auch bei den Menschen einsam“ (Exupery)

Kürzlich habe ich Post gekriegt mit der Frage, warum so viele Leute fasziniert sind von den Möglichkeiten in den programmierten Sphären von 0 und 1, ein Bereich, bei dem einige „mitmachen“ trotz Unsicherheit und Angst. Ich habe eine Antwort skizziert:

Sozial im 0 und 1

Sie sind fasziniert, weil sie einbezogen werden. Sie bekommen dort etwas, was ihnen auf der mitmenschlichen Ebene fehlt, vieles, insbesondere Teilhabe und Austausch. Sie bekommen es auf ganz neue Weise, steril, sodass sie etwas Unbequemes weglassen können (was zum Ersehnten eigentlich gehört): Berührung, Schmerz, Angst – jedenfalls glauben sie das, oder glaubten. So wie ich das sehe, sind wir ja grad eher dabei Umkehrschlüsse zu gestalten, in Form einer Neuinszenierung heimeliger Schrebergartenzaunidyllen – Nachbarschaftsgetuschel und Medienschranken vor einspurigen Gleisen eingeschlossen – wie bei den freundlichfalschen Hütern des Deutschen (Empathie kann ja überall zum Handwerkszeug gehören).

Außerdem glauben sie noch immer an den Ersatzgott Individualismus. Das gibt sich sicher im Laufe der Zeit. Interessant ist, dass dabei sowohl das Erkannt-werden-wollen als auch das Unerkannt-bleiben-wollen eine wichtige Rolle spielen, eine gleichzeitig gelebte.

Sozial und einsam

Ich erfahre im Netz eine neue Form der Einsamkeit, eine versteckte Einsamkeit, die mir Angst macht, die von mir verlangt, einsam zu sein, während ich super sozial vernetzt bin. Da passt mir was nicht. Ich meine: Wir hatten uns ja an den Gedanken einer Einsamkeit unter Menschen gewöhnt („Man ist auch bei den Menschen einsam, sagte der Fuchs.“ Exupery, „Der kleine Prinz“). Es handelt sich um eine salonfähige Einsamkeit, die ich altes Huhn begreifen kann. Jetzt aber: Einsamkeit unter Menschen ohne Menschen – eine Art Fortschritt, noch nicht lange genug praktiziert.

sozial DaumenIch mache mit, um zu verstehen. Neben E-Mail- und sms-Möglichkeit habe ich ein twitterKonto. Und ein facebookKonto habe ich auch – zum Kucken. Da „poste“ ich immer mal was, was ich dann wieder lösche. Freunde habe ich da nicht. Für mich gilt  eine der skeptischen Sichtweisen: Einsame fühlen sich in sozialen Netzwerken noch einsamer – die Menschen hinter dem Licht des Bildschirms sind noch weiter weg, als die Nachbarn. Die Auseinandersetzung bleibt eine alphabetische oder bebilderte. Das war eine Anfangskritik, und ich meine, sie gilt immer noch.

Letzte Woche habe ich mir zum Beispiel eine Rippe gebrochen. Welches Soziale Netzwerk war vor Ort? Rettungsdienst, Arztpraxis, Notaufnahme, Apotheke – ganz profan. Keiner, der sauber macht, keiner, der Holz hackt, keiner, der mit dem Hund Gassi geht. Die anderen waren alle im Netz (Fliegen und Mücken).

Die guten Seiten einer technisch vernetzten Welt sind bekannt. Allerdings: Hätte ich mich auf meine Homepage verlassen, wäre ich, auftragsbedingt, verloren gewesen. Und hätte ich nicht Freund/-innen, die in Häusern wohnen, die an Straßen stehen, die durch Orte führen, die in der Nähe sind – ich würde gar nicht mehr leben.

Print Friendly, PDF & Email

2 Gedanken zu „Sozial im 0 und 1

  1. Gilbert

    Vielen Dank für den interessanten Artikel.
    Das ist ja immer wieder ein Thema: Sind wir jetzt mit all den Facebook-Freunden einsamer als je zuvor? Ich denke nicht, denn es gab immer schon sehr einsame Menschen und die haben jetzt endlich die Möglichkeit, sich eine neue Art der Vernetzung zu nutze zu machen, die ohne direkten Kontakt, der solchen Menschen aus welchen Gründen auch immer, nicht zugänglich waren.

    Es gibt übrigens auch Leute, die ganz bewusst und gern allein sind, Introvertierte zum Beispiel. Für die ist das Netz ein Segen, weil sie die minimal stimulierende Umgebung, die für ihre Gesundheit so wichtig ist, beibehalten können und nun trotzdem sozial aktiv sein können. Etwas, das vor dem Internet kaum ging.

    Und zuletzt: Es ist kein Zufall, dass diese Geeks, Eigenbrötler und introvertierten Sonderlinge plötzlich die Gruppe von Arbeitnehmern sind, die am meisten nachgefragt werden und deshalb auch am meisten verdienen: Sie haben als Kinder und Jugendliche programmieren gelernt und sich über virtuelle Welten vernetzt, während ihre eher extrovertierten Altersgenossen Fußball spielten oder in der Disco abhingen. Raten sie mal, was sich nun auszahlt? Genau.

    Alles was ich sagen möchte ist: Es ist nicht schwarz/weiß, alles hat sein Für und Wieder. Ich bin z.B. sehr froh, dass ich im Alter die Möglichkeit haben werde, mich zu vernetzen, selbst wenn mein Körper nicht mehr so kann wie ich will. Das ist besser, als die Generation meiner Oma, die allein vor dem Fernseher sitzt.

    Viele Grüße!

    Antworten
  2. Ildiko

    Also ich finde da gerade beide Aspekte interessant, den Artikel und Gilbert, deinen Kommentar. Es ist eben immer ein Für und ein Wider. Es sollte eben ein Sowohl/ als auch sein und kein Entweder/ oder. Es ist das gleiche wie mit dem Internetdating. Viele verfluchen es ja. Aber ich sehe es wie eine weitere Kneipe in der Straße. Da waren vorher 5 Kneipen in der Straße, in denen es die Möglichkeit gab, neue Menschen kennenzulernen, und vielleicht war ja die große Liebe dabei. Nun ist noch eine sechste Kneipe dazu gekommen. Eine Möglichkeit mehr. Nicht mehr, aber ganz sicher auch nicht weniger. Denn diese sechste Kneipe ermöglicht es mir, besser zu selektieren (Alter, Vorlieben etc.), bevor ich mit diesem Menschen den ersten Kontakt herstelle. Dass ich auch da nicht auf alles hereinfallen sollte, was er mir alles erzählt, ist doch eigentlich selbstverständlich, oder?

    Und so ist es auch mit allen anderen Themen und Bereichen. Es ist eine weitere Möglichkeit, sich zu vernetzen. Und ich vergleiche es immer sehr gern mit dem Messer. Es kann Leben retten und Leben beenden. Mit dem Messer kann ich Brot aufschneiden oder anderes, damit ich und andere Menschen etwas zu essen haben und eben nicht verhungern, oder ich kann einen Menschen damit (tödlich) verletzen. Es kommt ganz darauf an, wie ich selbst damit umgehe, wie ich es nutze.

    Das Beispiel mit der Oma, die einsam vor dem TV sitzt, find ich auch schön. Wie viele Omis/Opis und Enkel können sich dank Skype etc. nun „in Echt“ immer mal unterhalten und sich austauschen? Ich persönlich finde es auch wunderbar….

    Antworten

Schreibe einen Kommentar zu Gilbert Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.