Phänomenologie – Wilhelm Reich ist platt

„Der Wilhelm Reich ist doch platt, nehmen Sie lieber Helmut Plessner“

Als Student wollte ich eine Hausarbeit über „Wilhelm Reich und Macht“ schreiben und bekam vom Prof diese Antwort.

Phänomenologie Wilhelm Reich

Wilhelm Reich bietet ein stringentes Modell an, aber im Kern war er Empiriker. An dem Abstraktionsgrad eines Plessners gemessen, erscheinen seine Schriften tatsächlich schlicht. Reich ist weder ein Philosoph noch ein Experte der Philosophie. Er verortet sich „außerhalb der philosophischen Streitgebiete.“[1]

„[…] Prüfungen der Denkmethoden sind oft und von philosophisch geübteren Forschern unternommen worden. Meine Aufgabe beschränkt sich darauf, nach dem gemeinsamen Prinzip zu suchen, das das typische menschliche Irren beherrscht.“

So verweist er bei Philosophen auf die Unsicherheiten in der Beurteilung der eigenen Wahrnehmung und hat den Eindruck, „als hätten sich berühmt gewordene philosophische Schulen in leere Zwangsgrübelei verrannt (z.B. Husserl).“

Phänomenologie

Auf dem Soziologentag 2010 bin ich an zwei Stellen wieder von der Phänomenologie berührt worden.

Max Scheler

Joachim Fischer hielt einen engagierten Vortrag über den Wandel von Max Scheler vom Klassiker der Soziologie hin zu dessen Exklusion. Max SchelerIch habe daraufhin erst einmal eine kleine Biografie über Scheler gelesen.[2] Scheler ist eine sehr spannende Persönlichkeit, geprägt von großen Widersprüchen und einer gelebten Intensität.[3] Es gab da viele Aussagen, die mir gefallen haben:

„Die exakte Wissenschaft […] kann […] nur richtig […] gewürdigt werden, wenn man ihr das Ziel setzt, Natur beherrschbar und berechenbar zu machen, nicht aber sie zu erkennen.“[4]

Aber auch die zentrale Bedeutung der „Liebe“ für die Forschung finde ich bestechend. In den Worten des Philosophen: Philosophieren ist ein „liebesbestimmter Actus der Teilnahme des Kerns einer endlichen Menschenperson am Wesenhaften aller möglichen Dinge.“[5]

Es gab aber auch Aspekte von Scheler, zu denen ich (noch) keinen Zugang habe.

Hermann Schmitz

Bei den Körpersoziologen (u.a. Robert Gugutzer) wurde immer wieder auf einen weiteren Vertreter der Phänomenologie verwiesen: Hermann Schmitz. Die Lektüre eines seiner Bücher[6] macht richtig Freude.

Hermann Schmitz PhaenomenologieAusgangspunkt ist die „unwillkürliche Lebenserfahrung“ (7) und der Fortschritt besteht darin, „immer genauer zu merken, was merklich ist“ (14). Ihn interessiert die „Ablenkung“ von diesem Merken:

„Die unwillkürliche Lebenserfahrung kann nur freigelegt werden, wenn ihre Verstellungen und Verzerrungen durch die geschichtliche Prägungen, die im Normalbewusstsein der heutigen Menschen zu Selbstverständlichkeiten verkrustet sind, auf- und abgearbeitet werden.“[7] (19)

In Begriffen wie „leibliche Kommunikation“, „affektive Betroffenheit“, aber auch dem „innerleiblichen Dialog von Engung und Weitung“(38) sehe ich große Anknüpfungspunkte für die Reichsche Perspektive.

Trotz großer Ähnlichkeiten gibt es aber eben auch Unterschiede in der Perspektive und Inhalten. Dies macht das Zusammendenken der Modelle ja gerade spannend. Während Reich z.B. die Charakterstruktur als ein wesentliches Gütekriterium des Forschers benennt und quasi festschreibt, geht es Schmitz auch um ein Verfahren, sich trotz dieser hemmenden Struktur dem Forschungsgegenstand anzunähern. Aber auch seine Kritik an der Vorstellung von Singularität finde ich für Reichs Konzept von Kontakt anregend.

Philosophische Anknüpfung

Es gibt schon mehrere Verknüpfungen von Wilhelm Reichs Arbeiten mit philosophischen Autoren. Da ist z.B. das LSR-Projekt von Bernd A. Laska. Er stellt Reich in eine Reihe von Julien Offray de La Mettrie und Max Stirner.[8] Andreas Hellmann diskutiert Reichs Thesen mit Bezug auf verschiedene Autoren wie z.B. Michel Foucault und Gilles Dileuze.[9]

Phaenomenologie Blatt

Mir sind gerade Hermann Schmitz und die „Neue Phänomenologie“[10] wichtig. Mal schauen, wo mich die Lektüre hinführt. Eins ist aber klar: Ich hätte mich damals doch mehr mit Plessner beschäftige sollen, anstatt eine mäßige Arbeit über Reich und Macht zu schreiben.

———–
[1] Wilhelm Reich: Äther, Gott und Teufel, Frankfurt/M 1987. Die drei Zitate befinden sich auf S.43 und S.44

[2] Wilhelm Mader: Scheler. Reinbek 1980

[3] Das Foto stammt von der Seite der Max Scheler Gesellschaft

[4] Scheler 1906 zitiert nach Mader S. 33

[5] Scheler GW 5,68. Zit. Nach Mader S. 51. Vgl. dazu Berman über Reichs Wissenschaftsverständnis: „Wer weiß denn nun mehr von der Natur, von der ‚Wirklichkeit‘? Derjenige, der sie umarmt und liebkost, oder der, der sie mit Gewalt nimmt, sie belästigt, wie Bacon uns drängte? Es ist die epistemologische Folge von Reichs Arbeit, dass Gewissheit über die Wirklichkeit zu haben vom Lieben abhängt – ein bemerkenswerter Schluss.“ Berman, Morris: Wiederverzauberung der Welt. Am Ende des Newtonschen Zeitalter, Hamburg 1985.

[6] Hermann Schmitz: Kurze Einführung in die Neue Phänomenologie. Freiburg/München. 2010

[7] Die Parallelen zu Reich Konzept von Panzerung sind offensichtlich.

[8] Bernd A. Laska: LSR-Projekt.

[9] Andreas Hellmann: Perspektiven der Lebensenergieforschungen im 20. Jahrhundert. Marburg 2004

[10] Vgl. Gesellschaft für Neue Phänomenologie. Das Foto von Hermann Schmitz stammt von dieser Seite

4 Gedanken zu „Phänomenologie – Wilhelm Reich ist platt

  1. Erwin

    Vielen Dank, Ingo, für den Hinweis auf die Neue Phänomenologie! Gut, dass außer dir, noch andere gegen den Strich bürsten.

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  2. admin Artikelautor

    Hallo Erwin,
    dein freundlicher Kommentar hat mich sehr gefreut!! Vielen Dank.
    Interessiert dich die Neue Phänomenologie?
    Viele Grüße
    Ingo

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  3. Ela

    Hallo Ingo

    Hast Du Dich denn mittlerweile mehr mit Plessner beschäftigt? Wie ich Dich kenne ja. Was ich nicht glaube: Dass Deine damalige Arbeit nur mäßig war – das kannst Du glaube ich gar nicht:)

    Mittagspause beendet – später mehr.

    Liebe Grüße
    Ela

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