Ökologie und Glück

Bekannte  aus Tübingen meinen ja: Die Schwaben seien die wahren Ökos.
Aber macht schwäbische Sparsamkeit auch glücklich?

Die meisten Ökos verorten sich eher im alternativen Milieu. Aber führt der dort anzutreffende Hedonismus tatsächlich zu einer nachhaltigen Lebensweise? Und vor allem: sind die glücklich?

Ökologie und Glück
Und umgekehrt:  unglückliche Menschen können durch einen exzessiven Konsumstil auffallen – oder auch nicht. Aber wie nutzen glückliche Menschen ihre Umwelt?

Maik Hosang will die Nachhaltigkeitsforschung mit der Glücksforschung verbinden[1]. Aber wenn man zwei so fremde Bereiche wie Glück (eher Emotion, nach innen weisend) und Nachhaltigkeit (eher Handlung, nach außen weisend) direkt in Beziehung setzt, wird es kompliziert. Das Wort Wechselwirkung kaschiert nur, dass man sich im Henne und Ei Paradox verfängt.

Hosang schlägt daher vor, eine weitere Dimension mit einzubeziehen: In Anlehnung an Bahro bezieht er beide Bereiche auf eine „Tiefenstruktur“, die durch „Grundemotionen“ geprägt ist.

Neben dieser vielversprechenden Perspektive möchte ich in Anlehnung an Wilhelm Reich eine weitere Perspektive skizzieren: Der glückliche Organismus wird über die zugrunde liegende Lebensfunktion (Pulsation) mit der nachhaltigen Ökologie in Beziehung gesetzt. Nicht Kausalitäten, sondern Analogien, Identitäten und funktionalistische Zusammenhänge werden hier aufgegriffen. [2]

Glücklicher Organismus

Die verschiedenen Aspekte eines Organismus wie der Körper, die Psyche und der Verstand lassen sich auf die Funktion der Pulsation zurückführen [3]. Die kontrahierende und expandierende Bewegung der Atmung ist dafür ein gutes Beispiel. Aber auch die Pole Angst (Kontraktion) und Lust (Expansion) deuten an, was gemeint ist.

Die Qualität der zugrundeliegenden Pulsation drückt sich auf den verschiedenen Ebenen entsprechend aus. Wenn sie z.B. auf der expansiven Seite gehemmt ist [4], zeigt sich das in einer zurückhaltenden Atmung bzw. Lust. Die Zurückhaltung geht einher mit entsprechenden Widersprüchen, Abspaltungen und Blockaden im Organismus. Dies kann z.B. als Charakterstruktur beschrieben werden. [5]

In Momenten weitgehend ungestörter Pulsation ist der Organismus integriert und agiert als Einheit. Es ist eine Situation des Kontaktes. Der emotionale und körperliche Ausdruck ist nicht gehemmt und aufgrund der Selbstwahrnehmung erleben wir uns als  glücklich.

Pulsation und Glück kann man nicht machen, sondern nur zulassen.

Versuche z.B. durch joggen oder meditieren Glück herzustellen, sind Ausdruck der Zurückhaltung und nicht deren Überwindung [6]. So wird allenfalls eine Angleichung an ein Bild von Glück erreicht.

Nachhaltige Ökologie?

Auch die wichtigsten Ebenen der Ökologie können wir als Variation der Pulsation verstehen. Entsprechend der Atmung und der Psyche kommt auch hier die Qualität der zÖkologie und Glück Pulsationugrunde liegenden Pulsation zum Ausdruck: [7] Widersprüche, Abspaltungen, Blockaden usw. Wenn die eigenen Fäkalien nur noch als Abfall angenommen bzw. entsorgt werden oder Lebensmittel für die Halde produziert werden, ist dies ein Merkmal dafür.

Wie auch beim Organismus gilt: Pulsation bzw. eine richtige Ökologie kann man nicht machen.

Nachhaltigkeitsdiskussionen, die eine ökologische Gesellschaft herstellen wollen, entsprechen meist der Fragestellung, ob joggen oder meditieren besser ist. Sie sind vielleicht politisch sinnvoll, führen aber nicht zu dem Zustand, der im Organismus als Glück erlebt wird. Solange mir die Ausdrucksbewegungen meiner Umwelt fremd sind, kann ich mich anstrengen wie ich will, ich werde als Fremdkörper agieren und das Ökosystem nachhaltig stören.

Solange versucht wird, die Ökologie in den Griff zu kriegen, ist dies Ausdruck der Zurückhaltung. Dies gilt unabhängig von der Qualität des anvisierten Maßstabs.

Ökologie und Glück Futterfisch

Ein nachhaltiger Ökodiskurs zeichnet sich dadurch aus, dass Wege gefunden werden, den Kontakt zuzulassen,  die zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten für sich als gültig anzunehmen. Alles was dazu führt, sich als ein eingebundenes Wesen anzunehmen stärkt Kontakt und integriert die ökologischen Einheiten.

Zulassen der Pulsation

Die schwäbische Sparsamkeit ist Ausdruck einer protestantischen Moral [8] und nicht einer integrierten ökologischen Einheit. Es ist ein Versuch, das Leben durch gottgenehme Askese in den Griff zu bekommen.

Dem alternativen Milieu ist der strenge Gott verlustig gegangen. Stattdessen orientieren sie sich starr an Biozertifikaten und lassen gleichzeitig zweimal im Jahr im Flug in die weite Welt die ökologische Sau raus. Und Glück ist für sie ein großes Rätsel.

Beide Orientierungsmodi haben eins gemeinsam: das starke Misstrauen gegenüber der eigenen biologischen Konstitution bzw. dem pulsierenden Leben.

Für uns als Krönung der Schöpfung  ist es sehr schwer, unser verwurzelt sein im Pulsieren einfach anzunehmen [9]. In diesem Punkt ist uns jede Amöbe haushoch überlegen.


[1] Maik Hosang: Tiefenkulturelle Widerstände und Chancen: Warum braucht Nachhaltigkeit Gefühls- und Glücksforschung? In: Gaia 3. 2007. S.  181-186.  (www.oekom.de/gaia)

[2] Vgl. Ingo Diedrich: Naturnah forschen. Wilhelm Reichs Methode des lebendigen Erkennens. Berlin 2000

[3] Vgl. z.B.: Wilhelm Reich: Die Entdeckung des Orgons Bd.1. Die Funktion des Orgasmus (1942), Köln 1987. S. 200ff

[4] Visualisierte Einführung in die Bremsung: http://orgonomische-sozialforschung.de/Jugend_Gewalt_Bremsung.htm

[5] Wilhelm Reich: Charakteranalyse (veränderte 3.Aufl.1949), Frankfurt/M 1981

[6] Vgl Begriff der „moralischen Regulierung“ in Wilhelm Reich: Die sexuelle Revolution (1936), Frankfurt/M 1985. S. 27 ff. vgl. ausführliche Darstellung des Dreischichtenmodells in Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt. S.297ff. http://elib.suub.uni-bremen.de/publications/dissertations/E-Diss975_diedrich_i.pdf

[7] Vgl. z.B. zur Wüstenbildung bzw. Erstarrung der Atmosphäre Wilhelm Reich: Orop Wüste. Zweitausendeins (1997)

[8] Vgl. Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Köln 2009. S 81ff

[9] Vgl Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. (1.Aufl 1933, 3.erweiterte Auflage 1942), Köln 1986. S.295ff

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