Liberale Pädagogik

Wenn man die Konfrontative Pädagogik an einem Ende des pädagogischen Spektrums verortet, so steht am anderen Ende so etwas wie eine liberale Pädagogik.

Zum Verständnis dieser Pädagogik schlage ich zwei Perspektiven vor:

Der nicht erwachsene Erwachsene (von Reinhard Kahl)[1]

Spätestens seit PISA wird die Bildungssituation wieder ausgiebig diskutiert. Reinhard Kahl publiziert dazu in zahlreichen Zeitungen (regelmäßig TAZ, ZEIT usw.), aber produziert auch Filme zur Thematik. Der Film ‚Treibhäuser der Zukunft‘ wurde geradezu propagandamäßig mehrfach in vielen Cinemaxx Kinos gratis vorgeführt und seine Ansichten stoßen auf große Resonanz. Es lohnt sich etwas hinzusehen.

Liberale-Erziehung-Charakter

Ich greife exemplarisch auf den Aufsatz „Nowhere Man: Auf der Suche nach erwachsen gewordenen Erwachsenen“ [2] zurück.

In diesem Text steht die Qualität der Erzieher/innen im Zentrum.

Im ersten Abschnitt (‚Da sein‘) formuliert er seine zentralen Kritikpunkte an dem formlosen Erzieher. Im folgenden Kapitel setzt er die Morde des Jugendlichen Robert aus Erfurt dazu in Beziehung. Es folgen zwei Abschnitte, in denen er versucht mit Aussagen von Hannah Arendt seine Argumentation zu untermauern. Im letzten Kapitel (‚Leben entzündet sich am Leben‘) kontrastiert Kahl das bisher Gesagte mit Beispielen guter Erzieher.

Im ersten Abschnitt beschreibt Kahl einige Merkmale eines ganz bestimmten Typs eines Erwachsenen:

  • Sie wissen pflichtbewusst, was man in der Erziehung tun soll.
  • Sie orientieren sich am „Perfekten“ anstatt den eigenen Mangel zu sehen.
  • Sie können sich nicht auf die „Unfertigen, ihren Kindern“ einlassen.
  • Sie sehen ihre Kinder nicht als „bedürftig“ an.
  • Anstatt „Formen“ weiterzugeben, ziehen sie Grenzen.
  • Sie können keine „Kokonstruktuere“ ihrer Kinder sein.
  • Sie scheuen die „Präsenz“ und „exponieren“ sich nicht.
  • Sie verweigern ihren Kindern den Dialog.
  • Sie sind ihren Kindern „unheimlich“

Diese Erwachsenen tyrannisieren oder vernachlässigen die Kinder nicht. Laizzes faire ist hier auch nicht das Thema. Die Erwachsenen haben durchaus Erwartungen an die Kinder und fordern ein. Was sie auszeichnet ist, dass sie für die Kinder kaum greifbar sind.

„Beim nicht erwachsen gewordenen Erwachsenen fragt man sich: Wo bist du? Zur entscheidenden Frage: Wer bist du? kommt es gewöhnlich gar nicht“ (173)

Diese Charakterstruktur drückt sich auch in einem bestimmten Erziehungsstil aus.

Ihnen ist es „nicht gelungen, für ihr eigenes Leben Formen zu bilden, die sich selbst tragen.“ (170) In seinen Beschreibung wirken diese Personen zugleich hilflos und aufgeblasen.

Sie „führen sich selbst wie an Marionettenfäden, von außen statt von innen“ (170). Gleichzeitig scheuen sie die Präsenz: „Sie wollen eigentlich nicht da sein“(172).

Dementsprechend will diese Person auch niemanden einschränken oder etwas vorschreiben. „Doch diese liberalen Grundsätze sind Vorwände“.

Kahl bleibt weitgehend in der Beschreibung. Er traut diesen Erzieher/innen nicht. Sie können den Kindern nicht das bieten, was ein Erzieher/in bieten muss: ein Gegenüber.

Der liberale Charakter (von Wilhelm Reich)

Wilhelm Reich beschreibt mit dem ‚liberalen Charakter‘ eine ganz ähnliche Struktur wie Kahl.

Insbesondere im ‚Christusmord‘ [3] warnt er vor diesen Personen (vgl. z.B. S.381 ff).

Er kann bei  seinen Aussagen auf eine ausgefeilte Charakterologie [4] zurückgreifen. Im Zentrum steht dabei das Dreischichtenmodell: Kern, sekundäre Schicht, Maske. [5] Während der gesunde Organismus durch die strukturierten Bewegungen des Kerns reguliert wird, hat der typische liberale Charakter den Kontakt zum Kern verloren. Er bewegt sich weitgehend auf der dritten Schicht, der sozialen Fassade und versucht seine Ersatzregulation aufrechtzuerhalten.

Liberale-Erziehung-Charakter-Wasser

Scheinbar losgelöst vom Kern kann er große Ideen von Humanismus, Gleichheit, Pazifismus, sexuelle Freiheit usw. proklamieren. Die Loslösung vom Kern, von den realen Empfindungen beinhaltet eine große Freiheit. Alles scheint möglich und von der Durchsetzung dieser Möglichkeiten erhofft sich die Person die nicht vorhandene Befriedigung.

„Vorsicht vor dem Freiheitskrämer in Sachen Liebe und Leben! Er meint nicht das was er sagt. Er weiß nichts über das Leben und dessen Schwierigkeiten. Er verwandelt alle Realitäten in Formalitäten und alle praktischen Probleme des Lebens in Ideen über ein zukünftiges Paradies der Menschheit.“ (Christusmord S.307)

Der Liberale ist hohl: er redet und denkt viel, kann diese Gedanken aber nicht an Emotionen anknüpfen, sondern ist darauf angewiesen, dass sein Intellekt die Stimmigkeit nach Innen und die Anpassung nach Außen organisiert. Die noch von Innen auftauchenden Gefühle werden als bedrohlich erlebt und abgewehrt.

Mir ist dieser Charaktertyp in mehrfacher Hinsicht wichtig:

  • Es ist eine verunsichernde Perspektive, die viel in Frage stellt, was häufig bei engaggierten Personen als selbstverständlich gilt.
  • In einer modernen Gesellschaft, die sehr stark von liberalen Charakteren geprägt wird, bietet diese Perspektive eine Möglichkeit der kritischen Analyse.
  • Vieles was Kahl und ähnliche Autoren sagen, kann so auf Basis dieses weitreichenden Modells fundierter weitergedacht werden.

Reich hat den ‚liberalen Charakter‘ nicht systematisch ausgeführt, sondern Aspekte aus seiner Perspektive im ‚Christusmord‘ benannt.

Elsworth Baker hat in den 60er Jahren eine soziale Typologie aufgebaut, in der der ‚liberale Charakter‘ von den Typen der ‚emotionalen Pest‘ und dem ‚konservativen Charakter‘ abgegrenzt werden. [6] Reich hat insbesondere in der ‚Charakteranalyse‘ eine ausführliche psychologische Typisierung präsentiert. Bakers soziale Typisierung ist eine Grundlage zur Diskussion, nicht weniger, aber auch nicht mehr. In Deutschland baut v.a. Peter Nasselstein seine Argumentation auf Bakers Aussagen auf. Gerade aufgrund seiner betont provozierenden Zuspitzung kommen spannende Aspekte zutage. [7]

Ich gehe in meinem Konzept der ‚Bremsung‘ einen anderen Weg. Auch hier ist das Dreischichtenmodell die Basis. Im Zentrum meiner Argumentation stehen aber die verschiedenen Beziehungen zwischen ‚Struktur‘ und ‚Bewegung‘.

Im Gegensatz zum Kern ist das Spezifische der Panzerung die Aufspaltung und Gegensatzanordnung dieser beiden Aspekte. Sowohl auf individueller als auch auf sozialer Ebene lässt sich so eine weitreichende und differenzierte Typisierung formulieren. Auch der liberale Charakter kann so eingeordnet werden. [8]

Wie auch Kahl beschreibt, bietet ein in diesem Sinne liberaler Erzieher/in den Kindern und Jugendlichen eine äußere Hülle an. Er präsentiert sich mit seinen Sehnsüchten nach Freiheit und Liebe. Diese Aspekte kann er proklamieren, aber nicht leben. Statt sich mit diesen Eigenschaften zu zeigen verweist die Person auf die Eigenschaften und lässt somit die Kinder mit den Themen allein.

Ohne Kontakt zu den eigenen Emotionen sind sie hilflos, wenn sie z.B. mit den Aggressionen der Kinder auf tatsächliche Emotionen treffen. Ihre Konzepte helfen nicht weiter. Sie greifen ins Leere.

So erklärt sich auch die große Erleichterung, wenn diese Personen hören, dass sie entgegen den eigenen Konzepten wieder hart sein dürfen.[8] Sie setzen dann Grenzen anstatt die Grenzen der eigenen Person auszudrücken.

Auch wenn die konfrontative Pädagogik und die liberale Pädagogik die Enden eine pädagogischen Spektrums bezeichnen, so treffen sie sich hier auch wieder.

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1. Reinhard Kahl: www.reinhardkahl.de
2. In Karl Gebauer/ Gerald Hüther: ‚Kinder suchen Orientierung‚. Düsseldorf 2002. 168-192
3. Wilhelm Reich: Christusmord, Frankfurt/M 1983
4. Vgl. z.B. Wilhelm Reich: Charakteranalyse, Frankfurt/M 1981
5. Vgl. Ingo Diedrich: Naturnah forschen. Wilhelm Reichs Methode des lebendigen Erkennens. Berlin 2000. S.55
6. Elsworth F. Baker: Man in the Trap.1980
7.vgl Peter Nasselstein: Blog nachrichtenbrief; P.Nasselstein: Orgonomie.net
8. vgl. Ingo Diedrich: Aus-einander-setzung mit Gewalt . Bremen 2003. S. 254 – 308
9. siehe Konfrontative Pädagogik

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2 Gedanken zu „Liberale Pädagogik

  1. Reinhard Kahl

    Guten tag, ich bin eben auf Ihren Text gestoßen. Finde ihn interessant. Habe Wilhelm Reich seit ungefähr 120 Jahren nicht mehr gelesen. Sollte ihn mir wieder mal ansehen. Allerdings habe ich den Satz über die „nicht erwachsen gewordenen Erwachsenen“ kritisch oder auch ein bisschen verächtlich gemeint und möchte mich selbst nicht so sehen.
    Viele Grüße Reinhard Kahl

    Antworten
    1. idiedrich

      Lieber Reinhard Kahl.
      Freut mich sehr, dass Sie mal vorbeigeschaut haben.
      Ihr Bild (nicht erwachsene Erwachsene) habe ich nicht auf Sie bezogen.

      Ich finde auch, dass es Sinn macht nach 120 Jahren mal wieder etwas von Wilhelm Reich zu lesen.

      Ich weiß nicht wie lange Ihre 120 Jahre her sind, aber in der zeitlichen Distanz zur 68er Rezeption von Reich sehe ich eine Chance.

      Damals wurde er von Leute gelesen, die sich mit seiner Hilfe befreien wollten. Seine Aussagen zur Freiheit und auch Disziplin (im Briefwechsel mit A.S. Neill) konnten so nur einseitig aufgenommen werden.

      viele Grüße

      Ingo Diedrich

      Antworten

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