Fremde – Angst

Das Fremde macht dem modernen Menschen Angst.
Und diese Angst ist wohl begründet.

Fremde-AngstNoch im Mittelalter stand die Angst vor der ewigen Verdammnis im Vordergrund. Die gottgegebene Ordnung sagte klar: bei Fehlverhalten droht die Hölle.

Was muss es für eine Erleichterung gewesen sein, als die Menschen merkten, dass diese Ordnung von Menschen gemacht war und von Menschen geändert werden kann?! Und das taten sie. Die Menschen ringen dem Dunklen und der Natur immer mehr ab und gestalten die eigene Ordnung.

Wie ein Gärtner, der sein Bild einer guten Natur gestaltet. Wir nennen das Zivilisierung und Kultur. Dieses Ordnen ist dem modernen Menschen sehr wichtig, aber auch immer bedroht. Jederzeit droht der Rückfall in den ungeordneten Zustand der Natur, der Barbarei und des Chaos. Der Preis der Emanzipation ist diese Angst.[i]

Maschinenmenschen Haus

Alles in Ordnung?

Sie zeigt nicht mehr auf die Hölle, sondern auf das Chaos und sie ist ein wichtiger Motor unserer Gesellschaft. Immer feiner werden ungeordnete Bereiche aufgespürt und in Ordnung überführt. Und wenn sich die Barbarei doch noch zeigt, machen wir alles, um sie wieder zu zivilisieren.

Fremde ordnen

Fremde-ordnen

Geordnete Natur

Das Fremde ist das, was weit weg ist und uns nichts angeht. Mutige Menschen zogen aus und berichteten anschließend von gar unglaublichen Dingen. Noch heute kann man sich im Urlaub gut dosiert mit diesem Fremden konfrontieren.

Aber das Fremde hat in der Moderne eine weitere Bedeutung bekommen:
es ist das, was keine klaren Eigenschaften hat, was noch nicht geordnet ist (ein gern benutzter Begriff: „ungeordnete Migration“). Das Fremde steht somit dem Chaos sehr nahe und rührt an unsere Ängste. Die Frage des Gärtners, ob es Nutzpflanze oder Unkraut sei, bleibt unbeantwortet. Das Fremde gibt uns keine Orientierung.

Ungeregelt, unbestimmt und ambivalent stellt das Fremde das Ordnen selbst in Frage. Die naheliegende Lösung besteht darin, das Fremde zu ordnen, in handhabbare Kategorien zu fassen. Dies geschieht z.B., wenn Menschen das Fremde als Eigenschaft auf Menschen übertragen. So werden aus Menschen Fremde.
In einem zweiten Schritt werden diese Fremden zu Feinden erklärt. Feinde verlieren ihren unbestimmten und beunruhigenden Charakter. Feinde kann man z.B. bekämpfen. Die schwer greifbare Angst vor dem Chaos kann so in Protestwahlen, Pegida-Demos oder auch Angriffen auf die Menschen übersetzt werden. Die Angst hat eine Sprache gefunden und das Fremde ist als Feind in Ordnung gebracht.

Dies wird deutlich, wenn Jugendliche differenzierte Feindbilder von „Ausländern“, „Punks“, „Kriminellen“ usw. aufbauen, um sie angemessen bekämpfen zu können. Vor dem Fremden haben sie Angt, vor diesen Feinden „nur Respekt“.[ii]

Ganz ähnlich funktioniert es auf der anderen Seite, wo pauschal Fremde zu Freunden, Hilfesuchenden oder Opfern erklärt werden. Auch hier wird das Unbestimmte in eine Kategorie der Ordnung überführt. Auch hier bekommt die Angst eine Sprache, die Sicherheit gibt und Handlungen ermöglicht. Für den Umgang mit Hilfesuchenden kann man Programme entwickeln, aber was macht man mit Fremden?

Fremde-entweder-oderFremde zu Freunden oder Feinden zu erklären, kann die moderne Angst etwas beruhigen, aber nicht beheben: Das Fremde bleibt das Hinweisschild zum Chaos und die Angst davor das Kennzeichen der Moderne.

Fremde Angst

Die Angst wird nicht behoben, sondern stattdessen sortiert: Angst wird zum defizitären Kennzeichen der anderen erklärt.

  • Für die einen zeigt sich die Angst in der Weigerung, sich den Gefahren der Ausländerflut zu stellen. Sie werfen ihnen vor, nicht kämpfen zu wollen und stattdessen den Kämpfern in den Rücken zu fallen.
  • Für die anderen zeigt sich die Angst in der Weigerung, sich auf die differenzierte Gesellschaft einzulassen. Sie erscheinen als die verunsicherten Verlieren der Modernisierung.[iii]

So wird auf doppelter Weise versucht, sich der Angst zu entledigen: Das Fremde wird in Ordnung überführt und die Angst als etwas fremdes abgespalten. Es ist erstaunlich, wie heftig sich immer wieder Rechte und Liberale von ihrer Angst distanzieren.

Notwendige Politik der Angst

„Ein Land darf sich erst dann wirklich als kultiviert oder zivilisiert bezeichnen, wenn es seiner Wildnis genug Bedeutung schenkt.“
(Aldo Leopold)

Es ist paradox: Die Angst ist ein wesentlicher Motor der Moderne und gerade deshalb darf sie nicht offen zu einer Grundlage der eigenen Orientierung benannt werden. Ohne Angst würden wir die Zivilisierung nicht vorantreiben und doch tun wir so, als ob wir keine Angst haben.

Wie sähe eine Politik aus, die offen sagt: Unsere Angst ist die andere Seite unserer Zivilisation. Wer das eine haben will, muss auch dem anderen einen Part geben.[iv] Das Fremde ist eine Chance, dieser Wahrheit ins Gesicht zu sehen. Wie sieht Ordnung aus, die die Unordnung und somit die Angst als solche annimmt und nicht wegschiebt?

Wir können es uns nicht leisten, dieses Feld den Rechten zu überlassen. Sie versprechen mit der Vernichtung der Feinde, die Angst vor dem Chaos zu vernichten. Eine Lüge, die auch deshalb funktioniert, weil auf der anderen Seite der Mythos der ewigen Zivilisierung und die Tabuisierung der eigenen Angst hochgehalten wird.

——————————————————————————–

[i] Ich orientiere mich hier stark an der Argumentation von Zygmunt Bauman. Bauman 1996, S. 46ff
[ii] Beschreibung und Analyse von Jugendlichen, die sich selbst als ausgegrenzt erleben und aufgrund von Gewaltstraftaten inhaftiert sind. Hier das Beispiel des Skinheads Oskar. Diedrich 2003, S. 54ff
[iii] Dies ist eine sehr verbreitete Argumentation, die in Anomietheorien und dem Desintegrationsansatz von W. Heitmeyer vertreten wird. Diedrich 2003, S. 183ff
[iv] Momentan werden neben dem beschriebenen Ordnen zwei Tendenzen deutlich: Wir hoffen, dass Mutter Merkel uns vor unserer Angst beschützt und alles regelt oder dass Vater Staat mit der Polizei uns gut therapiert. Beides Ansätze, die der Angst wieder aus dem Weg gehen wollen.

Quellen
Bauman, Zygmunt (1996): Moderne und Ambivalenz. Das Ende der Eindeutigkeit.  Frankfurt am Main
Diedrich, Ingo (2003): Aus-einander-setzung mit Gewalt. Eine orgonomisch-funktionalistische Argumentation. Online verfügbar unter http://material.or-so.de/Aus-einander-setzung_mit_Gewalt.pdf, zuletzt geprüft am 15.05.2015.

Print Friendly, PDF & Email

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.