Es lebe das Essen!

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen

Essen ist uns sehr wichtig. Es ist eine wesentliche Grundlage unseres Lebens, es ist Teil des Lebensprozesses. Tatsächlich?

Es lebe das Essen

Essen – ein Kulturgut

Wenn man ins Fernsehen schaut, könnte man meinen, wir wären ein Land voller Gourmets. Da geben sich die Meisterköche die Klinke in die Hand. Sie zeigen uns wie man die Köstlichkeiten richtig kocht, anrichtet und auch genießt. Egal ob mit exquisisten  Zutaten oder eher die einfache Küche: kochen und essen wird als hohes Kulturgut zelebriert.  Die Sinnesfreuden werden uns wortreich beschrieben und wir können nur ahnen, was uns vor dem Bildschirm tatsächlich entgeht. Kochen und essen wird uns als Kunst präsentiert, an der wir aus der Distanz teilhaben dürfen.

Dieser Genuss wird gezeigt und gleichzeitig als alltagsuntaugliches Event entrückt. Essen wird als Erlebnis überhöht und somit dem Lebensprozess entfremdet. Was haben diese Vorführungen tatsächlich mit unserem täglichen Leben zu tun. Allenfalls gelingt es uns, dies Erlebnis in Ausnahmesituationen zu reproduzieren.

Essen – Teil des maschinellen Verwertungsprozesses

Wir machen doch häufig ganz andere Erfahrungen. So stehen wir mit unseren folienverschweißten Gurken, der abgepackten Milch und den zertifizierten Eiern in der Schlange im Supermarkt. Oder wir lassen uns in der Kantine unsere Portion  Kartoffeln, Fleisch und Beilage mit dem verpackten Joghurt aufs Tablett legen. Manchmal gehen wir auch ins Restaurant, wählen die 73 aus, bestellen uns ein standardisiertes Bier und freuen uns wenn sich etwas Genuss einstellt.

Essen ist primär Nahrungsaufnahme, die sich in die vorgegebene Struktur des Alltags einpassen muss. Dieser Alltag ist nicht vom Rhythmus des Lebens, sondern von den Terminen des Verwertungsprozesse bestimmt.

Der folgende Ausschnitt aus dem Film Samsara (food sequece) bringt dies ohne Worte, aber sehr eindrücklich auf den Punkt.

(bei Problemen: warten und mehrmals starten oder https://vimeo.com/73234721)

Lebewesen werden zu Gegenständen degradiert und mit entsprechender innerer Distanz missachtet. Lebensmitteln werden zu Mitteln des Todes gemacht und können so im maschinellen Verwertungsprozess integriert werden. Dieses Essen kann aber nur sinnvoll verwertet werden, wenn sich eben auch die Konsumenten diesem Maßstab unterwerfen. Die Menschen entziehen sich selber das Leben und reihen sich ungezwungen in den maschinellen Prozess ein.

Aufspaltung vom Essen

Es gibt Situationen, in denen Essen tatsächlich Teil eines Lebensprozesses ist. Die Regel ist aber, dass wir Distanz zu diesem Prozess aufbauen. Die Distanz ist der Kern der beiden so entstehenden Aufpaltungsprodukte:

  • Auf der einen Seite wird das Essen überhöht. Es wird zur Show, in der der Genuss und die Präsentation im Vordergrund stehen.
  • Auf der anderen Seite steht die kontaktlose Nahrungsaufnahme. Es ist ein entwürdigendes Zusammenspiel von standardisierten Produkten und Konsumenten.
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4 Gedanken zu „Es lebe das Essen!

  1. Ina-Anja

    Hallo Ingo.

    Dein Artikel hat mich irgendwie magisch angezogen, und ich konnte es nicht lassen ihn zu lesen. Der Titel hat mich einfach neugierig gemacht.
    Nun habe ich ihn gelesen, und bin sehr nachdenklich und traurig geworden. Nachdenklich und traurig darüber wie wir Menschen uns den natürlichen Dingen und Prozessen des Lebens entfremdet haben, und darüber, dass ich selber genauso dazu gehöre.
    Ich empfinde diesen Impuls als wichtigen Denkanstoss für mich, und werde sehen, was sich dadurch nun in mir entwickelt oder auch nicht.
    Danke.

    Liebe Grüsse,
    Anja.

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  2. Ingo Diedrich Artikelautor

    Liebe Anja,

    vielen Dank für diesen offenen Kommentar!
    Für mich bringt der Film die Traurigkeit und das Absurde an der Situation sehr gut auf den Punkt.

    Viele Grüße
    Ingo

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  3. die eine in der Masse

    Ich kann das immer noch nicht ganz verarbeiten und weiß nicht, was ich denken soll. Am schlimmsten ist es wenn man die Weggeschmissende Nahrung sieht und dann so ein Film! Doch auch die Magersucht, denn diese Menschen ekeln sich vor der Nahrung. Ich denke einfach, dass vieles auch dadurch kommt, dass so viel Nahrung unberührt bleibt, weil jeder ins schönheitsideal passen will UND weil das Fleisch so günstig ist, dass es nichts besonderes mehr ist

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  4. Ingo Diedrich Artikelautor

    Vielen Dank „die eine“ für den Kommentar. Mir geht es eigentlich ganz ähnlich wie dir. Dieser Umgang mit der Nahrung ist nur schwer zu verdauen. Und der Film in seiner Sprachlosigkeit bringt das für mich gut auf den Punkt.

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