Eltern brauchen Grenzen

Im Artikel „Kinder brauchen keine Grenzen“ habe ich zwischen „Grenzen setzen“ und „Grenzen ausdrücken“ unterschieden. Eltern und andere Erwachsene sehen oft die Notwendigkeit, Kindern Grenzen zu setzen. Dies möchte ich hiermit den Kindern kurz erklären.

Eltern brauchen Grenzen

Hallo Kinder!

Wir wissen, dass ihr vor allem eine lebendige Umgebung braucht. Menschen, mit denen ihr einfach in Resonanz gehen könnt, die sich nicht hinter Regeln verstecken. Menschen, die sich wie ihr in ihrem Ausdruck zeigen. So Menschen versteht ihr und mit ihnen könnt ihr wachsen.

Wir Erwachsene leben aber in einer Welt, die bestimmt ist von gesetzten Grenzen. Und um hier funktionieren zu können, müssen wir auch euch immer stärker Grenzen setzen. Damit wir pünktlich zur Arbeit kommen, müsst ihr pünktlich in die KITA und darum müsst ihr pünktlich ins Bett. Punkt!
Eltern brauchen Grenzen.

Wir sind die Vermittler zwischen der Gesellschaft und euch als neue Menschen. Mit unseren Grenzsetzungen bringen wir euch dazu, das auszubilden, was wir ein „starkes Ich“ nennen. Damit werdet ihr euch später einfacher in der Gesellschaft zurecht finden.
Das nennen wir Sozialisation.

Wir wissen, dass das eine Zumutung ist, dass wir euch und auch uns dadurch sehr viel nehmen. Wir wissen, dass wir euch dadurch starrer machen und der Lebendigkeit entfremden.
Aber wir sehen keinen anderen Weg.

Um uns allen entgegen zu kommen, können wir euch aber einen Handel vorschlagen:

Vertrag

Als Vermittler zwischen der Gesellschaft und den Kindern, schauen wir in der Zukunft nicht nur auf euch, sondern auch auf die Gesellschaft.

In dem Maße wie wir euch die gesetzten Grenzen zumuten, werden wir der Gesellschaft ausgedrückte Grenzen zumuten.

Eltern_brauchen_GrenzenWir werden uns wieder zeigen. Und zwar da, wo es tatsächlich als Zumutung erlebt wird. Wir werden uns nicht mehr hinter abgesicherten Schildern verstecken, sondern uns wahrnehmbar ausdrücken.

Das was uns mit euch so verbindet, die leibliche Resonanz, die direkte Ausdruckssprache und das Berührt werden, tragen wir in die Gesellschaft. Die immer enger werdende Resonanzoase mit euch wird so wieder geöffnet.[i]

Das ist nur fair: so wie wir euch auf die Gesellschaft vorbereiten (Sozialisation), bereiten wir die Gesellschaft auf euch vor (Politik). Ziel ist eine Welt, die ausdrucksstärker, resonanter und lebendiger ist.

Dieser Handel ist für uns Erwachsene nicht gerade leicht, aber er wird einen eindrücklichen Unterschied machen.

Liebe Erwachsene, anstatt einer Unterschrift unter diesen Vertrag,
bitte ich um die Weiterleitung dieses Artikels.
Danke!

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[i] Kleingedrucktes:
  • Hartmut Rosas Kritik richtet sich gegen das „Auseinanderfallen der beiden Kerndimensionen der Resonanzbeziehung, des pathischen Berührtwerdens und des selbstwirksamen, intentionalen Handelns“ (Resonanz, Berlin 2016, S. 467). Die Beziehungsoase mit den Kindern verdeutlicht diese Spaltung. Die Oase wird gedacht als ein Rückzugsraum vor der kalten, stummen Welt. In diesem Raum soll das Berührtsein als solches möglich sein. Gleichzeitig werden hier die Kinder als offen und grenzenlos gedacht, denen mit instrumentell gesetzten Grenzen begegnet werden soll.
    Das Öffnen der Oase bedeutet, diese Spaltung als eine resonante Beziehung zu integrieren.
  • In dem Buch Aus-einander-setzung mit Gewalt (download) führe ich die Grenzsetzung auf die Funktion der „Bremsung“ (S. 254ff) zurück. Aus ihr lässt sich auch das haltlose Ausagieren ableiten. Die starre Grenzsetzung und das haltlose Ausagieren sind komplementäre Variationen der Resonanzlosigkeit bzw. mit Wilhelm Reich gesprochen, dem fehlenden Kontakt in der Pulsation. Folgendes Beispiel eines haltlosen Ausagierens macht den Unterschied zum starren Grenzensetzen deutlich und zeigt gleichzeitig wie gut sie sich ergänzen:
    „In ihrer Not machen die Eltern dem Säugling häufig stimulierende Angebote: Sie stillen, tragen die Babys stundenlang auf dem Arm oder im Tragetuch, sie hüpfen auf dem Gymnastikball. Es sind die einzigen Wege, um das Baby ruhig zu halten. […] Hinter diesen kompensatorischen Verhaltensweisen erleben die Eltern eine größer werdende Verzweiflung und Orientierungslosigkeit.“ (Harms berichtet hier aus seiner Arbeit mit sogenannten Schreikindern. Harms: Emotionelle erste Hilfe. S.205, in: Thomas Harms (Hrsg.): Auf die Welt gekommen. Berlin 2000)

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